Im Jahr 2050 sollen nach Berechnungen der Vereinten Nationen (UN) die Städte der Welt 6,3 Milliarden Einwohner zählen – fast so viele wie heute auf der ganzen Erde. Doch wie wird es dann um die Lebensqualität in den Metropolen bestellt sein? Werden sie sicher, sauber, tolerant und energieeffizient sein? Für Eduardo López Moreno hängt die Lebensqualität einer Stadt entscheidend von diesen Faktoren ab. Der Mexikaner ist Stadt- Geograph und Leiter der Abteilung Global Urban Observatory bei UN-Habitat in Nairobi. Er hat eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Städte der Welt, „State of the World’s Cities 2010/2011“, koordiniert und mitverfasst. „Die Überwindung innerstädtischer Gräben“ ist für Moreno die wichtigste Aufgabe der Zukunft. Denn die Ungleichgewichte hätten sich in vielen Städten seit 1980 deutlich verstärkt, angefangen bei der Verteilung der Einkommen über den Zugang zu Bildung und Nahrung bis zum Gesundheitswesen.
In den Städte-Rankings, wie sie die Unternehmensberatung Mercer oder das Lifestyle-Magazin Monocle veröffentlichen, geht es allerdings kaum um diese Themen. Das liegt auch am Zielpublikum: Entscheidungsträger mit hoher Mobilität. So listet Mercer 29 Variablen auf, unter anderem politische Stabilität, ökonomische und soziokulturelle Rahmenbedingungen, Infrastruktur, Wohnraum oder Umwelt. Das Ranking aus dem Jahr 2010 umfasst 221 Städte. In den Top Ten dominieren Wien, Zürich und Genf an der Spitze sowie Düsseldorf, Frankfurt und München auf den Plätzen sechs bis acht. In der Städterangliste 2011 der Economist Intelligence Unit punkten vor allem Großstädte aus dem angelsächsischen Raum mit Melbourne als Nummer eins, gefolgt von Wien, Vancouver, Toronto, Calgary, Sydney und Helsinki. Das liegt an der Gewichtung der Daten, bei der Dienstleistungs- und Warenangebot, sowie Sicherheit und Effizienz der Infrastruktur im Vordergrund stehen.
Das Lifestyle-Magazin Monocle schließlich stellt als „lebenswerteste Stadt 2011“ Helsinki an die Spitze vor Zürich, Kopenhagen und München – und gewichtet dabei Kriterien wie Sicherheit, internationale Flugverbindungen, Klima, Qualität der Architektur und die Balance zwischen traditionsreicher Gemütlichkeit und progressiver Stadtplanung. Insgesamt sind die Unterschiede an der Spitze aber marginal. New York, als Referenzstadt für den Mercer-Index mit 100 Punkten bewertet, liegt an 49. Stelle – um nur 8,6 Punkte hinter der Nummer eins, Wien. Die am besten bewerteten afrikanischen Städte, Kapstadt und Tunis, liegen auf den Rängen 86 und 94.Buenos Aires schafft es als führende südamerikanische Stadt auf Platz 78. Weit abgeschlagen liegen Städte wie Havanna (192) oder Dhaka (206).
Viele der Städterankings untermauern nur, was jeder erwarten würde: dass sich vor allem Städte in hoch entwickelten Ländern durch hohe Lebensqualität auszeichnen. Die dynamische Entwicklung mancher Metropolen in Entwicklungs- und Schwellenländern ist bei vielen dieser Studien dem Blickfeld entzogen. Zum Beispiel die Entwicklung der Slums: Der UN-Habitat-Bericht zum Zustand der Städte der Welt zeigt hier Erfreuliches und Betrübliches zugleich. Während einerseits der relative Anteil der Slumbewohner weltweit zurückgeht, steigt ihre absolute Zahl – 2010 betrug sie 828 Millionen, gegenüber 657 Millionen im Jahr 1990.
Von 1995 bis 2005 nahm die städtische Bevölkerung in Entwicklungsländern um 165.000 zu – pro Tag. Allein die 15-Millionen-Metropole Dhaka wächst jährlich um eine halbe Million Menschen. Am stärksten ist dieser Prozess im nach wie vor ländlich geprägten Afrika, wo die Städte ein Wachstum von 3,2 Prozent im Jahr zu verkraften haben. Die wirtschaftliche Entwicklung hält mit diesem Tempo nicht Schritt, Folge sind neue Slums. Noch ist Nordeuropa mit einem Anteil von 84,4 Prozent städtischer Bevölkerung der am stärksten urbanisierte Raum, in Ostafrika sind es erst 23,7 Prozent. Dieses Bild wird sich bis 2050 drastisch ändern. Dann wird laut UNHabitat Südamerika 91,4 Prozent erreicht haben.
„Grundsätzlich lässt sich die Lebensqualität in Städten der Dritten Welt nur steigern, wenn es gelingt, die Armut zu besiegen. Dazu braucht es wirtschaftliches Wachstum, politische Stabilität und vor allem den Willen der Entscheidungsträger, langfristig zu planen und zu handeln“, sagt Moreno. Ein Vorbild sei Chile, wo die Regierungen nicht nur auf starkes wirtschaftliches Wachstum setzten, sondern mit dem Ausbau von sozialen Dienstleistungen und Bildungsprogrammen gerade in Slums die Menschen befähigt hätten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Laut Angaben der Stiftung „Ein Dach für Chile“ ist die Zahl der in Slums lebenden Familien innerhalb von 13 Jahren um 77 Prozent auf 29.000 gesunken.
Bedenklich stimmt allerdings die weltweite Vergrößerung der Ungleichgewichte, die durch die von UN-Habitat erhobenen Gini-Koeffizienten gemessen werden: 0 bedeutet Gleichheit, 1 absolute Ungleichheit. Werte zwischen 0,3 und 0,4 signalisieren vergleichsweise egalitäre Gesellschaften, ab 0,5 herrscht starkes Ungleichgewicht. Dabei verfügt das ärmste Fünftel der Bevölkerung über nur drei Prozent der verfügbaren Einkommen, während das reichste Fünftel die Hälfte für sich beansprucht. Die aktuellen Gini-Koeffizienten zeigen, dass der Reichtum und die Einkommen in vielen Städten der USA heute so ungleich verteilt sind wie in manchen Metropolen der Dritten Welt. Vierzig US-Städte, darunter New York, Washingon D.C. und Chicago, weisen Werte über 0,5 auf. Sie liegen damit auf dem Niveau von Mexico City, Ho-Chi-Minh-Stadt oder Nairobi.
Doch in der ganzen westlichen Welt haben sich die Ungleichgewichte seit 1980 verstärkt – besonders in den Städten. Selbst in Kanada, einem der egalitärsten Staaten, liegen die urbanen Zentren bei 0,36, gegenüber einem Landesdurchschnitt von 0,28. Ähnliche Tendenzen gelten für Europa, sagt Moreno. Verstärkt würden sie noch dadurch, dass Migranten und ethnische Minoritäten besonders betroffen sind: „Das birgt beträchtlichen sozialen Sprengstoff, denn es geht nicht nur um absolute Zahlen, sondern um die Wahrnehmung der Ungleichheit.“ Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, deren große Städte eine für Entwicklungsländer relativ gute Lebensqualität bieten, sei vor allem von gebildeten Schichten getragen worden, die vom Arbeitsmarkt fast ausgeschlossen gewesen seien.