Feride würde ein riesiges Tulpenfeld sehen – hätte sie nicht schon vor Jahren ihr Augenlicht verloren. Ein überwältigender Anblick: Vom Café, hoch über dem Bosporus, auf der „Neuen Brücke“, sieht man die Hagia Sophia, wie auch die Windturbinen im Westen Istanbuls. Erst kürzlich, zum hundertsten Geburtstag der Türkischen Republik, wurde die Brücke fertiggestellt. Mit ihrem sagenhaften Appetit kaut Feride auf einem Baklava, der typischen türkischen Süßigkeit. Ihre Freundin Elif weigert sich, auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen. „Du weißt ganz genau, mein Doktor hat mir eine strikte Diät verordnet,“ sagt sie vorwurfsvoll.
Ein paar Krümelchen landen dann doch auf ihrer Gabel und in ihrem Mund, und dann noch ein paar… Das Allermeiste der klebrigen Süßigkeit auf dem Teller verschwindet jedoch in Emirs Mund, Ferides Urenkel, ein noch größeres Leckermaul als Feride selbst. „Gibt’s noch was?“, fragt er, den Mund voller Baklava.
Für Emir und seine Freunde ist die Brücke zu einem beliebten Treffpunkt geworden. Landschaftsarchitekten haben das oberste ihrer drei Stockwerke auf die Bedürfnisse von Fußgängern und Radfahrern ausgerichtet, denn nur sie dürfen diese Ebene benutzen. Kleine Geschäfte und Cafés gibt es da, sowie Spielplätze. Bäume schützen vor der Sonne. Darunter, im mittleren Stockwerk, jagen Züge mit hoher Geschwindigkeit über den Bosporus. Die unterste Ebene ist für Elektrofahrzeuge reserviert; viele von ihnen wurden von der boomenden, einheimischen Elektroautoindustrie entwickelt und gebaut. Zu allen Tages- und Nachtzeiten gelangen sie zügig über die Brücke. Den für den Verkehrsfluss idealen Abstand halten sie automatisch ein.
„Die Fahrt von Bakirkoy nach Emirgan dauert nur noch 25 Minuten“, sagt Elif. Als sie ein Kind war, erinnert sich Feride, war sie dafür glatt einen halben Tag unterwegs. Sie besuchte damals oft ihre armenische Schulfreundin. Doch Zeit war damals kein so rares Gut wie heute. Die beiden Mädchen verbrachten Stunden damit, Blumenkränze zu flechten, um sie am Ende in die Strömung des Bosporus zu werfen.
Emir träumt davon, eines Tages riesige Windturbinen zu bauen, wie seine Mutter. Die Türkei hat ihren eigenen Energiemarkt komplett umgebaut. Statt fossile Energieträger zu importieren, exportiert das Land nun Energie – erneuerbare. Windenergie aus dem Westen des Landes, Sonnenstrom aus dem Süden, Strom aus Wasserkraft, der in den Bergregionen des Landesinneren erzeugt wird. Anhaltend starkes Wirtschaftswachstum, vor allem dank innovativer Industrien wie der Umwelttechnik, hat die Türkei zu einer der tragenden Säulen der 2017 gegründeten International League of Emerged Economies werden lassen. Istanbul gilt längst als eine der wichtigsten Brücken zwischen Europa und dem Mittleren Osten.
„Emir, stopfst Du Dich wieder mit Süßigkeiten voll?“ Eine strenge Stimme unterbricht das Geplauder der alten Damen. Emir dreht sich um – und lächelt. Seine Mutter, Zeynep, ist gerade angekommen. Ihr Elektroauto hat sie am östlichen Brückenkopf geparkt. Das Fahrzeug lädt dort seine Batterien auf. Emirs Mutter ist bester Laune. Während der Fahrt – der Autopilot kümmerte sich einstweilen um Verkehr und Parkplatzsuche – hatte sie in den Fernsehnachrichten gute Neuigkeiten vernommen: Marokko möchte einen riesigen Windpark bauen.
Und Zeyneps Arbeitgeber, ein Technologieunternehmen, hat bei der Ausschreibung gute Karten. Viele der nötigen Komponenten produziert die Firma in der Türkei und in ihrem marokkanischen Werk. Zeynep arbeitet im Forschungs- und Entwicklungsteam in Istanbul. Vor ein paar Jahren nahm es seine Arbeit auf, in Kartal, einem Stadtteil, in dem sich im Laufe der letzten zehn Jahre immer mehr Hightech-Unternehmen ansiedelten; inzwischen macht der Begriff Silicon Turk Valley die Runde. Zeynep hat ein paar gute Ideen, wie sich die Effizienz der Turbinen noch weiter erhöhen lässt – je nach Schwerpunkt der Ausschreibung ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Wettbewerb. Ihr nicht ganz billiges Master-Studium in Wind Power Engineering an der Tsinghua Universität hat sich jedenfalls bezahlt gemacht.
„Oh nein“, ruft Elif. „Schon wieder der Alarm.“ Mikro-Sensoren in ihrem modisch geformten Ohrclip haben einen erhöhten Zuckerspiegel im Blut gemessen. Ihr mobiles Kommunikationsgerät meldet sich mit einem Piepen und Brummen – es empfiehlt eine kleine Dosis Insulin. Elif hat sich an diese Prozedur schon gewöhnt. In gewisser Weise hat sie ja auch Glück im Unglück. Jedenfalls sieht Feride das so. Denn bei Elif wurde die Disposition für Diabetes vor ein paar Jahren im Zuge eines Gen-Screenings entdeckt, gerade rechtzeitig, um die schlimmsten Folgen der Krankheit zu vermeiden. Vorbeugung und eine Anpassung des Lebenswandels (mal von den Krümelchen Baklava abgesehen) machen die chronische Krankheit weniger problematisch für Elif und weniger teuer für das Gesundheitssystem.
Das muss ohnehin mit steigenden Kosten klarkommen, aufgrund der stetig wachsenden Zahl älterer Patienten. Die Personalknappheit in Gesundheitsberufen ließ sich immerhin in den Griff bekommen: mit Hilfe intelligenter Technologie, etwa elektronischen Patientenakten, die – mit dem richtigen digitalen Schlüssel – zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff erlauben: ob in Istanbul, Ankara oder Anatolien. „Wären Gen-Screenings nur schon in den 90er-Jahren üblich gewesen. Damals fing mein Augenlicht zu schwinden an: wegen meines Glaukoms. Erst hatte ich gar nichts davon bemerkt,“ sagt Feride. Doch sie hat genug Lebenserfahrung gesammelt, um sagen zu können: Was zählt, ist vorwärts zu gehen, nicht rückwärts.
„Gibt’s noch Baklava?“, fragt Emir. Die kleine Gruppe steht auf und macht sich auf den Weg. Neben einem der Tulpenfelder bleibt Feride stehen, bückt sich, pflückt eine der roten Blumen. Sie versucht ihren Duft einzuatmen, schließt dabei die blinden Augen. Sie erinnert sich daran, wie die Hagia Sophia aussieht. Emir und Zeynep haken sich unter, langsam macht Feride einen Schritt nach dem anderen, in Richtung der Balustrade; der Wind zerzaust ihr weißes Haar. Da steht sie also, hoch über der breiten Wasserstraße, die Istanbul in zwei Hälften teilt, sie hebt ihren Arm, hält die Blume einen Moment lang in die Höhe und lässt sie dann in den Bosporus fallen. Feride muss nach Hause, ausruhen. Morgen ist ihr hundertster Geburtstag.
Andreas Kleinschmidt