Sie sind jung, und die Zukunft liegt in ihren Händen: Junge Menschen aus Brasilien, Russland, Indien und China, die in Ländern der entwickelten Welt studieren und arbeiten. Was bedeutet für sie der Begriff BRIC? Pictures of the Future hat vier von ihnen in London getroffen – einer Stadt, die wie kaum eine andere die bisher gültigen Regeln der Globalisierung verkörpert.
Die Brasilianerin:
Janaina de Souza Silva (34)
open
Der Russe:
Alexander Smotrov (29)
open
Der Inder:
Vithal Mittal (22)
open
Der Chinese:
Li Tan (24)
open
- Text Größe
- Share
Was bedeutet das Akronym BRIC für Sie?
Janaina: Für mich bedeutet es außergewöhnliche Möglichkeiten, aber auch eine Verpflichtung. Mein Heimatland erlebt einen Riesen- boom und ist auf der Schwelle zu einer nächsten Entwicklungsstufe. Als mir das vor ein paar Jahren bewusst wurde und ich ganz enthusiastisch mit meinen Freunden darüber sprach, da nannten sie mich eine Träumerin. Inzwischen habe ich sie mit meiner Euphorie angesteckt. Doch meine Reaktion auf diese Erkenntnis schien erst einmal paradox: Ich hatte meine Heimat verlassen – um in Europa weitere Erfahrungen zu sammeln.
Alexander: Der eine oder andere meint ja, Russland spiele gar nicht in derselben Liga wie die anderen BRIC-Staaten. Tatsächlich ist das Land während der Finanz- und Wirtschaftkrise nicht ungeschoren davongekommen, die Wirtschaftsstruktur ist nach wie vor unausgewogen. Aber ich bin fest überzeugt, dass wir aus gutem Grund von BRIC und nicht von BIC sprechen. Diese vier Länder haben es mit ähnlichen Chancen und Herausforderungen zu tun, das hat auch der letzte G20-Gipfel gezeigt: Die BRIC-Staaten arbeiten effektiv auf internationaler Ebene zusammen, eben weil sie wichtige Interessen teilen.
Vithal: Hier in London habe ich viele Leute aus BRIC-Ländern getroffen. Anfangs verstand ich diese Buchstabenkombination schlicht als einen Sammelbegriff für Länder mit ähnlichen Wachstumsraten. Inzwischen erkenne ich eine tiefere Bedeutung: Wir sehen hier vier Länder, die sich auf Großes vorbereiten, darauf, als neue Supermächte zu wirken. Als Inder bin ich auf einmal recht positiven Vorurteilen ausgesetzt: Man hält mich von vornherein für einen zielstrebigen, fleißigen Arbeiter.
Li: Die Finanzkrise hat gezeigt, dass die Ökonomien der BRIC-Staaten im Großen und Ganzen nicht nur dynamisch sind, sondern auch robust. Die BRIC-Staaten bedeuten die Zukunft, egal ob wir uns Fertigung, Hightech-Industrien oder Dienstleistung ansehen. Nichtsdestotrotz: Der Westen hat in vielen Bereichen noch die Nase vorn. Das heißt für mich, dass ich hier viel lernen kann – um diese Kenntnisse eines Tages auch in meiner Heimat fruchtbar zu machen.
Hat die Tatsache, dass Sie aus einem BRIC-Land kommen, Ihre persönliche Entwicklung wesentlich beeinflusst?
Janaina: Auf alle Fälle. Ich hatte erwartet, dass ich nach Großbritannien komme und erst mal ein paar Jahre dort bleibe. Aber in Brasilien ging die Entwicklung noch rasanter voran, als erwartet. Siemens kann von diesem starken Wachstum profitieren – und so braucht man inzwischen mehr und mehr erfahrene Kräfte im Land. Deshalb führt mein Weg mich wieder zurück nach Brasilien. So werde ich die Olympischen Spiele in London im Jahr 2012 verpassen. Stattdessen erlebe ich sie voraussichtlich 2016 in Rio de Janeiro.
Alexander: Dass es Russland über die letzten zehn Jahre hinweg insgesamt ganz gut ergangen ist, bedeutete für mich allerhand Möglich- keiten. Ich konnte ins Ausland gehen, eine Karriere im internationalen Umfeld beginnen, aber dabei für ein russisches Unternehmen tätig sein. Ich bin nun schon sieben Jahre in London – aber ich fühle mich weiter vor allem als Russe.
Vithal: Diese unheimliche Vielfalt, die ich in London erlebe, hat mir geholfen zu verstehen, was es bedeutet, Inder zu sein. In Indien wäre mir das sicherlich nicht widerfahren, und das nicht nur wegen der ausgeprägten regionalen Identitäten, die viele Menschen dort verspüren und pflegen. Dieses intensivere Bewusstsein meiner Wurzeln ist in gewisser Weise Produkt der Globalisierung, von deren positiven Effekten mein Heimatland so sehr profitieren kann.
Li: Ich hatte sicher auch viel Glück. Ich komme aus einem Dorf und musste sehr hart arbeiten, um es auf eine gute Universität zu schaffen und schließlich zum Auslandsstudium. Die Chinesen aus meiner Generation arbeiten auf Grundlage der Annahme, dass sie sich ihre Chancen erarbeiten können. Die Frage ist dann nur, ob einer hart genug arbeitet, um es wirklich zu schaffen.
Es heißt von manch anderem Land, es sei würdig, für eine Mitgliedschaft im exklusiven Club der BRIC. Welches Land würden Sie in die Liste der wichtigsten aufstrebenden Staaten aufnehmen?
Janaina: Südafrika. Bei der Weltmeisterschaft haben sie ganze Arbeit geleistet und bewiesen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Es kann kein Zufall sein, dass die Chinesen, die auch auf dem brasilianischen Markt so unerhört erfolgreich sind, ebenfalls in Afrika sehr aktiv sind.
Alexander: Mexiko. Makroökonomisch sind sie gut aufgestellt und mit Mexico City haben sie einen der größten Ballungsräume der Erde, der sich in einen vollwertigen internationalen Knotenpunkt entwickeln könnte. Gerade hier, in der Frage der wachsenden Megacities, haben Schwellenländer aber sicher noch viele Probleme zu lösen.
Li: Vietnam. Das Land erinnert mich an China vor 20 Jahren – wenngleich natürlich in viel kleinerem Maßstab. Im Bereich der Fertigung ist das Land sehr wettbewerbsfähig geworden und qualifiziert sich langsam auch für Aufgaben mit höherer Wertschöpfung. Für China dagegen erscheint das stark exportorientierte und auf Fertigungsindustrien abgestimmte Modell nicht mehr in jeder Hinsicht nachhaltig. Wir bemühen uns deshalb verstärkt, mit High-tech zu wachsen, beispielsweise im Bereich Grüner Energien.
Vithal: Ich würde sagen, Südkorea. Die Weichen sind gut gestellt: Die Ausbildung ist gut, China – eine künftige Supermacht – ist nah und wirtschaftlich wie politisch ist das Land stabil.