Intelligente Haustechnik soll älteren Menschen künftig helfen, länger zu Hause zu leben. Dafür wünschen sich die Senioren Produkte, die einfach zu bedienen sind, aber auch schön aussehen. Firmen wie Bosch und Siemens Hausgeräte unterwerfen bereits ihren gesamten Entwicklungsprozess dem barrierefreien "Design for all".
Für Jung und Alt: Mit "Design for all" entwickelt BSH Haushaltssysteme, die für jede Generation leicht zu bedienen sind. Etwa der Backofen Liftmatic oder das Bedienelement DiscControl.
Ihr Auftrag lautete: Nörgeln. Doch das fiel ihnen diesmal ungewohnt schwer. Stattdessen gerieten die eingeladenen Senioren der Internet-Gemeinschaft Feierabend.de am Siemens-Standort Traunreut ins Schwärmen. Auf Einladung der Firma Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) sollten neun Männer und Frauen zwischen 46 und 72 Jahren im Januar 2010 neueste Küchengeräte auf Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit testen und Verbesserungsvorschläge machen.
Gemeinsam werkelten die Feierabend-Scouts, wie sich die Tester selbst nennen, an einem mehrgängigen Menü. Sie packten Hähnchenkeulen in den Dampfgarer, schoben Fladenbrote und Schokotörtchen in den Backofen, dünsteten Gemüse auf dem Induktionskochfeld. Am Ende waren sie alle Fans des Dampfbackofens. „Das Gerät signalisiert mir, wann ich Wasser nachfüllen muss“, sagte Bernd Schönberg, 67, begeistert. Die 72-jährige Theresia Kerner faszinierte die Steuerung: „Über einen Touchscreen kann man das notwendige Programm ganz einfach suchen und starten.“ Der Favorit von Christa Meindl, 58, war die integrierte Rezeptdatenbank. „Damit gelingen selbst Kochlaien komplizierte Gerichte“, lobte die Krankenschwester.
Das Prinzip des Design for all hat BSH mittlerweile so weit perfektioniert, dass keiner der Testköche einen Gedanken an die Technik verschwenden musste. Hinter dieser Leitlinie stehen einfach zu bedienende Geräte, die aber nicht immer leicht zu entwickeln sind. So hat der Liftmatic kaum noch etwas mit einem konventionellen Backofen gemein. An der Wand angebracht lässt sich seine Unterseite samt Blechen auf Augenhöhe herunterfahren und bequem von drei Seiten befüllen.
Ähnlich pfiffig ist ein neuartiges Bedienelement namens DiscControl. „Der begeistert die iPod-Generation ebenso wie ältere Menschen, die noch daran gewöhnt sind, einen Hebel umzulegen“, schwärmt Dr. Ingo Pietsch, Innovations- und Technologie-Manager bei BSH. Die ultraflache Metallscheibe mit dem Durchmesser einer Espressotasse wird in das Bedienfeld des Herdes eingelegt und mit nur einem Finger gedreht. Ein Magnet überträgt die Bewegung auf ein Display.
Geräte für Generationen. Akribisch wachen Martin Schultz und seine Kollegen, die sich bei BSH um die Nutzerfreundlichkeit von Herden kümmern, darüber, dass kein Gerät in die Produktion geht, das nicht den strengen Kriterien des Design for all genügt. „Dafür hat BSH einen speziellen Anforderungskatalog zur Produktentwicklung hinterlegt, in den auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen. Hier müssen unter anderem die Schriftgröße, Kontraste, Bedienlogik und elemente bestimmte Anforderungen erfüllen“, erläutert der Diplom-Informatiker den aufwändigen Prozess. „Wir berücksichtigen auch Handicaps wie etwa Sehschwächen.“
Eine neue Software namens Impairment Simulator wird ihn dabei künftig unterstützen. Schultz hat Bilder und Filme von Herd-Displays in eine Datenbank kopiert. Mit der Software simuliert er ein eingeschränktes Gesichtsfeld oder Farbenblindheit: Der Ingenieur holt etwa ein Foto von Schaltelementen eines Herdes auf den Monitor, bestimmt über ein Menü den Grad oder die Art der Sehschwäche – ein Mausklick, und nun zeigt sich das Bild so, wie es ein Kranker wahrnehmen würde.
Die digitale Design-Hilfe haben Wissenschaftler der Universität Cambridge in Großbritannien entwickelt und den Mitgliedern des im Mai 2010 gegründeten Konsortiums für Inclusive Design zur Verfügung gestellt, dem BSH angehört. Das Konsortium umfasst auch Vertreter anderer Branchen wie Bayer Healthcare, Nestlé und die BBC. Für den Innovationsmanager Pietsch ist das eine spannende Mischung: „Als Hausgeräte-Spezialist haben wir Berührungspunkte zur Lebensmittelindustrie, und von der BBC können wir lernen, unsere Produkte im Internet besser darzustellen.“
Mut zur Einfachheit. Noch reagieren Teile der Industrie zögerlich auf den rasant wachsenden Bedarf von Produkten und Dienstleistungen, die dem Design for all und damit den Prinzipien der Barrierefreiheit gehorchen. Ein Grund: Sie gelten nicht als schick. „Wenn Entwickler etwas für ältere Menschen entwerfen, entstehen oft Produkte mit einer Art Reha-Image, die niemand will“, klagt Sebastian Glende. Der Experte für Produkt-Ergonomie hat in den vergangenen Jahren die Senior Research Group geleitet, eine Gruppe Ruheständler, die neue Technologien testet. Er weiß: „Ältere Menschen wünschen sich einfache, hochfunktionale und gleichzeitig schöne Produkte.“
Um Firmen zu ermuntern, mehr davon zu entwickeln, hat das Bundeswirtschaftsministerium eine Studie initiiert, die die Impulse für Wirtschaftswachstum durch Design for all analysierte. Dazu führten Autoren Expertenbefragungen durch und untersuchten den Markterfolg bereits existierender Produkte in Deutschland, Japan und den USA, die „innovative Technologie, herausragendes Design und hohe Benutzerfreundlichkeit“ auszeichnen – darunter auch der Backofen Liftmatic und der Kühlschrank EasyStore von BSH. Ihr Resümee: Das Design for all enthalte „ein beträchtliches, wenn auch im Rahmen dieser Studie nicht zu bezifferndes wirtschaftliches Potential.“
Für eine steigende Nachfrage spricht schon die Bevölkerungsentwicklung. 2030 wird die Zahl der über 60-Jährigen allein in Deutschland etwa 26 Millionen Menschen ausmachen – ein Drittel der Bevölkerung. Dank der Automatisierung vieler Haushaltsfunktionen könnten ältere Menschen länger selbstständig zu Hause leben. Schon heute wohnen in Westeuropa 27 % der über 65-Jährigen und 45 % der über 80-Jährigen allein.
„In wenigen Jahren wird es Geräte geben, die sich in ein intelligentes Haus einbinden lassen, und die beispielsweise über einen Monitor gesteuert und überwacht werden können“, sagt Dr. Gerhard Fuchs, der in der Zentralen Technik der BSH für Design for all zuständig ist.
Funkender Haushalt. Gemeinsam mit der Universität von Saragossa hat die spanische Tochtergesellschaft der BSH beispielsweise einen Test mit Funk-Etiketten in Kühlschränken und Waschmaschinen durchgeführt. Ziel des im April 2010 abgeschlossenen, bislang größten EU-Projekts zu Hausgeräten namens Easy Line+ war die Entwicklung nahezu marktreifer Prototypen. Im Kühlschrank erfassen RFID-Chips die Haltbarkeitsdaten der Lebensmittel und warnen vor verdorbener Ware. In der Waschmaschine identifizieren diese Chips speziell gekennzeichnete Wäschestücke und wählen das passende Programm. Sensoren in der Küche melden an die zentrale Schnittstelle E servant, wenn sich Rauch am Herd entwickelt.
Die jüngste Generation älterer Menschen ist mit Computern durchaus vertraut und scheut vor einer Automatisierung ihres Haushaltes nicht zurück – wenn der Preis stimmt. Birgid Eberhardt, Gerontologin und Projektmanagerin für Ambient Assisted Living beim Branchenverband VDE, glaubt, dass eine künftige Massenfertigung die Kosten deutlich senken werde. Schwieriger gestaltet sich jedoch eine weitere Voraussetzung: „Verbindliche Standards müssen helfen, bereits existierende Hausgeräte unterschiedlicher Herkunft in eine clevere Wohnumgebung einzubinden.“ Für Senioren-Experte Glende hängt der Erfolg vernetzter Technologien zudem davon ab, ob „Produkte wirklich nützliche Funktionen haben.“ Spielereien seien bei Senioren weniger gefragt.
Den Nutzen im Vordergrund. Das bekamen Wissenschaftler im DAI-Labor der TU Berlin bei einem Besuch der Senior Research Group zu hören. Die Ruheständler begutachteten Hightech-Lösungen für künftige Smart Homes. Längst nicht alle konnten die Tester überzeugen. Die im Kühlschrank-Monitor integrierten Rezepte seien praxisfern und unbrauchbar, die Flut von Monitoren, die sogar Gesprächspartner beim Telefonat anzeigen, schlicht überflüssig. Ihr Fazit: Hier werde gezeigt, was Technik könne, der Nutzen stehe im Hintergrund.
Anders fiel ihr Urteil in Potsdam aus. Die Musterwohnung der Baugesellschaft Gewoba und des Lehrstuhls Gebäudetelematik der Fachhochschule Wildau, gefördert durch das Bundesforschungsprojekt SmartSenior (siehe Artikel „Smartes Pflaster“), beschränkt sich auf wenig, schon heute realisierbare Technik. Vor allem der elektronische Schlüssel begeisterte die Besucher. Der schaltet beim Verlassen des Hauses alles aus, was nicht unter Strom stehen muss. Keine Kaffeemaschine droht, das Haus in Brand zu setzten, und beim Eintreten geht automatisch das Flurlicht an.
Dem Enthusiasmus müssen allerdings mehr Taten folgen, wünscht sich Eberhardt: „Viele Hausgeräte werden erst nach zwanzig Jahren erneuert.“ Dabei rechne sich der Kauf schon wegen der höheren Effizienz in kurzer Zeit. „Ihr Auto hingegen tauschen viele Fahrer oft schon nach wenigen Jahren gegen ein Neues aus“, ärgert sie sich.