Die Maut-Systeme, die Siemens in einem Kompetenzzentrum in Wien entwickelt, machen sich modernste Satellitentechnik zunutze. Ballungsräume vom Verkehr zu entlasten und die Lkw-Maut für Fernstraßen zuverlässig und grenzüberschreitend zu organisieren – das ist das erklärte Ziel der Ingenieure.
Flexibel: Dank satellitengestützter Onboard-Unit kann das Maut-System nicht nur die Fahrten auf Autobahnen berechnen, sondern auch die auf Landstraßen.
"Soll die Maut auf andere Straßen ausgedehnt werden, reicht eine Änderung der Software im Zentralrechner."
Mehr als einen Handgriff braucht Christoph Wondracek nicht, um die Technik startklar zu machen. Mit Saugnäpfen befestigt er einen unauffälligen Kasten an der Windschutzscheibe, dann steckt er den Stecker in den Zigarettenanzünder. „Jetzt können wir schon los“, meldet er und dreht den Zündschlüssel. Der Pkw, mit dem Wondracek durch Wien kurvt, ist so etwas wie ein fahrendes Labor. Hier testet Siemens die neuesten Ideen, die künftig den Straßenverkehr wirtschaftlicher und umweltfreundlicher machen sollen.
„In dieser Onboard-Unit steckt alles an Technik, was wir dafür brauchen“, sagt Wondracek. Das Navigationssystem erkennt per Satelliten-Signal, wo sich der Wagen gerade befindet, und sendet die Position mit der vom Handy bekannten GSM-Technik an einen Zentralrechner. Mit diesen Daten lässt sich ein Autobahn-Maut-System für Lastwagen ebenso aufbauen wie ein Gebührensystem für Innenstädte, um die Verkehrsströme zu Stoßzeiten zu reduzieren.
Die modernen Lösungen entwickelt Siemens in Wien. Dort ist der Sitz des Kompetenzzentrums Mauttechnik, das 2006 gegründet wurde. „Das Thema Maut wurde vorher auch schon behandelt“, sagt Dr. Karl Strasser, der Leiter des Kompetenzzentrums, „aber erst seit ein paar Jahren geht die Entwicklung in Richtung komplexer, weitverzweigter Systeme.“ Siemens bündelt deshalb in Wien das Fachwissen aus allen Bereichen, die für die Technik gebraucht werden: Experten für Satellitennavigation, für mobile Datenübertragung, für Verkehrslenkung und weitere Bereiche arbeiten eng zusammen.
In ihren Labors forschen sie sowohl virtuell als auch ganz greifbar: Zum einen konzipieren sie die Onboard-Units, in die aktuellste Technik aus der Navigation und der Datenübertragung einfließt, zum anderen feilen sie an der Software, die eine zuverlässige Erfassung von hunderttausenden Datensätzen ermöglicht. Wenn irgendwo auf der Welt ein System für eine Stadtmaut oder eine Lkw-Gebühr geplant wird, konzipieren die Techniker in Wien eine individuell passende Lösung, mit der sie sich an der Ausschreibung beteiligen.
Keine Mauttore erforderlich. 40 Mitarbeiter zählt Strassers Kernmannschaft, bei laufenden Projekten stellt er noch größere Teams mit Experten aus angrenzenden Bereichen zusammen. Nagelprobe war die Einführung einer hochmodernen Lkw-Maut in der Slowakei im Frühjahr 2010, für die Siemens die Onboard-Units und die Software geliefert hat: „Bevor das System gestartet ist, haben bei uns 100 Leute an der Technik gefeilt“, sagt Strasser.
In der Slowakei zahlen Lastwagen einen unterschiedlichen Satz für die Nutzung von Autobahnen und Fernstraßen. Bei ähnlichen Projekten, etwa in Tschechien, mussten bislang entlang der Straßen aufwändige Mauttore gebaut werden, die ein Mikrowellen-Signal empfangen, das von einer Box im Fahrzeug gesendet wird. Die Slowakei hat mit Siemens erstmals einen anderen Weg gewählt und damit hohe Investitionen für die Mauttore gespart: Jeder Lastwagen wird mit einer Onboard-Unit ausgestattet, wie sie sich auch in Wondraceks Pkw befindet. So lässt sich nach der gefahrenen Strecke exakt ermitteln, wie viel Mautgebühren die jeweilige Spedition für ihren Fuhrpark bezahlen muss. Denkbar ist auch ein Zusatznutzen: Gefahrgüter oder Tiertransporte könnten aus Sicherheitsgründen mit der Präzision eines Navigationssystems geortet werden, wenn ein Land diese Funktion wünscht.
„Das ist eine Technik, die in ihrer Flexibilität einmalig ist“, schwärmt Wondracek, der mit seinem Testfahrzeug in der Wiener Innenstadt unterwegs ist. So lässt sich in jeder Onboard-Unit einstellen, zu welcher Schadstoffklasse der Motor des Lastwagens gehört und ob das Fahrzeug mit Anhänger unterwegs ist oder ohne. Je nach Belastung für Umwelt und Straßenbelag errechnet sich die Höhe der Maut. Sollte die Regierung irgendwann die Maut auf andere Straßen ausdehnen, reicht dazu eine einfache Änderung der Software im Zentralrechner.
In der Slowakei ist das System erfolgreich gestartet. 200 000 Onboard-Units mit der Siemens-Technik sind in dem stark frequentierten Transitland unterwegs. Die einheimischen Lastwagen haben eine Onboard-Unit fest eingebaut, die durchreisenden Lkw bekommen an der Grenze ein mobiles Gerät. „Ich habe den Eindruck, da ist ein Knoten geplatzt“, sagt Wondracek: Inzwischen laden ihn Ministerien aus ganz Europa mit seinem Testwagen zu Vorführ-Fahrten ein. Frankreich plant ein ähnliches System wie die Slowakei, ebenso Polen, Slowenien, die Niederlande und Belgien. „Wir kommen mit unserer Arbeit kaum noch hinterher, so groß ist die Nachfrage“, heißt es aus dem Kompetenzzentrum.