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Martha Delgado (40) ist Umweltministerin im Hauptstadtbezirk Mexico City. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Megacity zur grünsten Metropole in Lateinamerika zu machen. Sie hat Pädagogik studiert, mit einem Schwerpunkt auf Umwelterziehung. Darüber hinaus hat sie mehrere Postgraduiertenkurse absolviert, unter anderem im Bereich Management.
Sie sind in einem kleinen Dorf nahe dem Meer aufgewachsen. Nun leben Sie in Mexico City. Wenn Sie vergleichen: Wie lebt es sich in der Megacity?
Delgado: Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Mobilität, Wasserversorgung und Müllbeseitigung sind die größten Probleme. Die Verkehrslage ist das wichtigste tägliche Gesprächsthema. Wie lang einer gebraucht hat, welche Route er gewählt hat, wie viel Stau es gab. Das ist vielen inzwischen wichtiger als das Wetter. In den vergangenen 15 Jahren gab es nur sehr geringe Investitionen in den Nahverkehr, während die Zahl der Autos stetig zunahm. Von 1990 bis 2007 sank die durchschnittliche Geschwindigkeit im Straßenverkehr von 17 auf 11 km/h. So schnell waren wir schon mal: 1910, als wir noch mit Kutschen fuhren. Die Fahrradfahrer sind derzeit im Schnitt mit 18 km/h unterwegs, also deutlich schneller als die Autofahrer. Ich benutze das Fahrrad im Schnitt zwei Mal die Woche, meist, um in der Mittagspause zu einem Restaurant zu fahren.
Können Fahrräder wirklich die Lösung für die Verkehrsprobleme einer Megacity sein?
Delgado: Sie sind Teil der Lösung. Sicherlich werden nur wenige Mexikaner jeden Tag 20 km und mehr im dichten Stadtverkehr mit dem Fahrrad zurücklegen wollen. Aber die letzten paar Kilometer von der U-Bahnstation zum Arbeitsplatz, oder die paar Blocks im Stadtzentrum, das sind geeignete Distanzen. Tatsächlich sind die Bedingungen gar nicht so schlecht: Es ist warm, wir haben wenig Steigungen und Gefälle in der Stadt und wir bauen immer mehr Radwege. Wir verändern auch die Gesetze, damit die Fahrradfahrer mehr Rechte erhalten. Wir schätzen, dass es derzeit zu 100 000 Fahrradfahrten pro Tag kommt. Diese Zahl wollen wir in den nächsten Jahren verfünffachen.
Hat Mexico City genug Wasser?
Delgado: Nein. Es ist schwierig, für alle Bewohner sauberes Wasser bereitzustellen, in einer der am höchsten gelegenen Großstädte der Welt, auf über 2 300 m über dem Meeresspiegel. Das Wasser kommt teils aus 200 km Entfernung, und wir müssen es 1 500 m in die Höhe pumpen. Unser Einzugsgebiet für Frischwasser mussten wir immer weiter ausdehnen, auch weil die Bevölkerung seit 40 Jahren im Schnitt um 4 % jährlich wächst. Darüber hinaus zapfen wir das Grundwasser an, aber leider in größerem Umfang, als wir sollten. Der Grundwasserspiegel sinkt, hier und da tun sich in der Stadt unerwartet Krater auf, weil das Erdreich nachgibt. Auch Rohrbrüche sind keine Seltenheit. Umgekehrt, wenn es einmal stark regnet, dann sind in vielen Vierteln die Straßen schnell überflutet. Mit dem Klimawandel verschärft sich unsere Situation weiter. Wir müssen also massiv investieren.
Was macht Mexico City mit seinem Müll?
Delgado: Wir deponieren ihn. Unsere wichtigste Deponie – die größte der Welt – ist fast voll. Wir müssen also auch hier radikal umsteuern: Künftig werden wir konsequent Müll trennen und Wertstoffe verkaufen. In einer Megacity wie Mexico City fällt da so einiges an, zum Beispiel wertvolle Metalle.
Nicht alle Mexikaner sind von Investitionen in eine nachhaltigere Infrastruktur begeistert. Es gibt Stimmen, die statt-dessen mehr Transferzahlungen für die Armen und mehr Schulen fordern.
Delgado: Welchen Wert würden Sie Ihrer Zukunft beimessen, wenn Sie glauben, keine zu haben? Einen sehr kleinen. Es gibt in Mexiko leider viele Menschen, die keinen Zugang zu Bildung und Aufstiegschancen haben, die eine schlechte Wohnung oder sogar zu wenig zum Essen haben. Der Kampf gegen den Klimawandel ist für Menschen in dieser Lage weniger wichtig als der Kampf um eine Mahlzeit. Wir fördern also Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein indirekt auch, indem wir die Armut bekämpfen und das Bildungssystem verbessern. Aber jetzt nicht in nachhaltige Technologien zu investieren, wäre Verschwendung, denn diese Technologien helfen uns, auf lange Sicht Geld zu sparen, schon allein dadurch, dass sie den Energieverbrauch senken.