Jamshed J. Irani (74) ist
Mitglied des Vorstands von
Tata Sons, der Muttergesellschaft der Tata Group. Er studierte in Nagpur, Indien und Sheffield, Großbritannien; dort machte er auch seinen Doktor. Seine berufliche Karriere begann
er bei der British Iron and Steel Research Association. Nach seiner Rückkehr nach Indien heuerte er bei Tata an,
einem international
aufgestellten Unternehmen mit 357 000 Mitarbeitern - in
Bezug auf Umsatz und Marktkapitalisierung ist Tata
das größte Privatunternehmen Indiens. Das Produktportfolio umfasst Stahl, Autos, Informationstechnik, Kommunikation, Energie und sogar Tee. Irani wurde 1997 in Anerkennung seiner Leistungen für die indisch-britische Zusammenarbeit von der englischen Königin mit der "honorary knighthood" ausgezeichnet.
Jamshed J. Irani
openWie definieren Sie Nachhaltigkeit?
Irani: Nachhaltigkeit bedeutet mehr, als nur CO2-Emissionen zu senken. In den hochentwickelten Ländern sind Privatunternehmen für den größeren Teil der wirtschaftlichen Aktivität verantwortlich. Der Staat kümmert sich um bestimmte Aufgaben, wie Bildung und Gesundheitsversorgung. Das sind gute Voraussetzungen für Nachhaltigkeit. In Indien dagegen klafft in vielen Bereichen ein Graben zwischen Anspruch und Möglichkeit der Regierung, für das Volk zu sorgen. Hier übernimmt der private Sektor einen Teil der Verantwortung. Er kann sich schließlich nicht isolieren und zur Insel des Wohlstands in einem Meer aus Armut verkommen. Teilen gehört dazu.
Wie teilt Tata?
Irani: Unser Leitspruch ist: Geben und Nehmen. Wir helfen beispielsweise Gemeinden beim Aufbau der Infrastruktur, seien es Schulen oder Krankenhäuser. Das erhöht auf lange Sicht die Nachhaltigkeit. Wir betrachten das übrigens nicht als Marketingkosten; es handelt sich aus unserer Sicht um Investitionen. Jeder zweite Inder hat noch immer keinen Strom – und zur Stromerzeugung verbrennen wir vor allem Kohle. Was erneuerbare Energien wie Sonne und Wind betrifft, sind wir in Indien noch nicht sehr weit. Hier können wir einen gewaltigen Schritt nach vorne tun, indem wir von Anfang an auf saubere Technologien setzen und einen Bogen um jene schmutzigen Technologien machen, die in den entwickelten Ländern weithin zum Einsatz kommen.
Sie wollen gleich große Sprünge machen?
Irani: Genau. Indien muss nicht Schritt für Schritt Entwicklungspfade der etablierten Industrienationen wiederholen. Wir können uns für die neuesten Technologien entscheiden. Das nennen wir Leapfrogging, und Indien wird von diesem Phänomen profitieren. Ein Beispiel sind erneuerbare Energien. Wir sehen ja, was im Westen funktioniert hat und was nicht. Indien war in seiner Entwicklung ein Nachzügler; der Vorteil dabei ist, dass wir nicht alle Fehler der anderen wiederholen müssen.
Was tut Tata für die Umwelt?
Irani: Der Wandel muss erst einmal in den Köpfen stattfinden. Aber hier hat sich schon viel getan. Über die vergangenen 100 Jahre sind wir mächtig vorangekommen. Zunächst ging es darum, gute Produkte herzustellen. Dann galt es, unsere Prozesse weiter zu verbessern. Inzwischen können wir unsere Aufmerksamkeit auch stärker auf unerwünschte Nebenfolgen unserer Tätigkeit richten. Früher sahen wir beispielsweise kein Problem darin, schmutzige Abgase in die Atmosphäre zu blasen, solange wir erfolgreiche Produkte fertigen konnten. Beim Brennstoff achteten wir vor allem darauf, dass er billig war. Inzwischen schauen wir sehr genau auf unsere CO2-Emissionen und suchen Wege, sie weiter zu reduzieren. Meine Mitgliedschaft im Siemens Sustainability Advisory Board verstehe ich auch als Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, um hier gemeinsam weiterzukommen.
Und wie lebt Tata Nachhaltigkeit konkret?
Irani: Wir versuchen so wenig Kohle und so viel Gas wie möglich zu verbrennen. Letzteres ist viel weniger umweltschädlich. Zudem fällt in unseren Prozessen teils Gas an, das wir als Brennstoff in unserem Kreislauf wieder nutzen können. Wir haben gegenüber den Tochterfirmen von Tata den Anspruch formuliert, sich im Hinblick auf ihre Umwelt- und CO2-Bilanz als eines der drei besten indischen Unternehmen in ihrem jeweiligen Segment zu positionieren. Auch dank externer Hilfe wissen wir, wie viel CO2einzelne Geschäftsfelder produzieren. Wir lernen kräftig dazu und trainieren sogenannte Champions, die unser Ziel einer größeren Nachhaltigkeit im ganzen Konzern verständlich machen sollen. Schon jetzt gibt es 200 Champions und wir trainieren gerade 200 weitere.