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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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"Die Antwort
ist simpel:
mehr Bildung"
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Luiz Fernando de Souza Pezão (55) ist Vize-Gouverneur des Staates Rio de Janeiro. Er studierte Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft. In der kleinen Gemeinde Piraí, 70 km von Rio de Janeiro entfernt, erwarb er sich zuvor als Lokalpolitiker Anerkennung: In den Schulen verteilte er Laptops, die ganze Gemeinde schloss er frühzeitig ans Internet an. Für seine Leistungen als Präfekt erhielt er Auszeichnungen, unter anderem von der UNESCO und der Stiftung Fundação Getúlio Vargas.

Was tragen Sie denn da für ein gelbes Bändchen am Arm?

Pezão:Das ist ein Heiligenbändchen, das ich aus Salvador de Bahia mitgebracht habe. Wenn man es anlegt, darf man sich drei Dinge wünschen, dann lässt man es am Handgelenk, bis es abfällt. Danach gehen die Wünsche, einer nach dem anderen, in Erfüllung.

Darf ich raten? Sie wünschen sich weniger Armut, schnelle U Bahnen in allen Stadtvierteln und sauberes Wasser für alle?

Pezão: Man darf nicht sagen, was man sich gewünscht hat, sonst geht das nicht in Erfüllung. Aber im Ernst: Das sind drei gute Wünsche. Infrastruktur ist das große Thema für Rio. Das gilt für die Armenviertel, die Favelas, wie für die reicheren Stadtteile. Rio hat über die letzten 50 Jahre viele Chancen für nachhaltige Investitionen verpasst. Wir dürfen jetzt diese letzte Chance nicht verpassen. Die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 sind ein Geschenk und zugleich eine Verpflichtung für uns.

Großereignisse werfen aber auch Zielkonflikte auf. Einerseits gilt es, die Infrastruktur schnell für große Besuchermassen auszubauen. Doch nachhaltige Lösungen bedeuten oft erst einmal höhere Investitionen und eine längere Bauzeit.

Pezão: Klar. Eine Buslinie lässt sich schneller einrichten. Eine U-Bahn kann dafür mehr Menschen befördern und künftig noch weiteres Bevölkerungswachstum auffangen. Aber die Antwort auf diesen scheinbaren Zielkonflikt ist einfach: Wir müssen beides tun. Gerade im Bereich Nahverkehr haben wir extremen Nachholbedarf, die anstehenden Mega-Events verschärfen die Situation; da dürfen wir uns keine Fehler erlauben. 2011 werden die internationalen Militärspiele in Rio stattfinden, dann kommen der Confederations Cup 2013, die Weltmeisterschaft 2014 und 2016 schließlich die Olympischen Spiele. Für Rio ist das die große Chance, in sechs, sieben Jahren wieder eine zentrale Rolle für Brasiliens Entwicklung zu spielen. Wir werden die Augen aller auf uns ziehen.

An vielen Ecken und Enden fehlt es an grundlegender Infrastruktur. Ist da für Brasilien überhaupt schon der Zeitpunkt gekommen, besonders ressourceneffiziente Lösungen zu suchen, die sich erst über einen längeren Zeitraum rechnen?

Pezão: Wer Energie spart, muss weniger Energie produzieren. Deshalb ist meine Antwort eindeutig: Natürlich müssen wir von Anfang an energieeffiziente Lösungen suchen. Darüber hinaus bin ich ein großer Freund alternativer Energien – wie übrigens wohl alle anderen Brasilianer auch. Wir nutzen nämlich derzeit schon vor allem Wasserkraft zur Stromerzeugung. Künftig werden wir aber auch mehr Sonnen- und Windenergie nutzen. Im Norden des Bundesstaates Rio gibt es für letztere gute Möglichkeiten.

Viele Cariocas sehen die Zukunft in Kreativindustrien: IT, Medien, Design. Was tun Sie, um den Weg dahin zu ebnen?

Pezão: Die Antwort ist erst einmal simpel: Mehr Bildung. Aber wie lässt sich das umsetzen? Gerade für die arme Bevölkerung in den Favelas fehlen oft die Angebote, oder der Schulweg für die Kinder ist schlicht zu weit. Letztlich müssen wir den Graben zwischen Arm und Reich überbrücken, auch in Sachen Bildung. Und da gibt es ganz praktische Möglichkeiten: Als ich noch als Präfekt in Piraí tätig war, verteilten wir an alle Schulkinder Laptops. Die ersten Geräte gingen an die Schule in unserem Bezirk mit den schlechtesten Bewertungen im Brasilianischen Bildungsindex. Die konnten ihre Punktzahl im Index binnen zwei Jahren verdoppeln. Einer der Gründe war sicherlich, dass die Kinder auf einmal auch am Wochenende in die Schule gehen wollten, weil sie ihre Laptops nur dort laden konnten. Und auf ihre Laptops wollten sie nicht mehr verzichten. Die Kinder wollten nicht einmal mehr in die Ferien gehen.

Das Interview führte Andreas Kleinschmidt