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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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"Orlando ist eine junge Stadt mit großen Träumen"
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Buddy Dyer (52) ist seit 2003 Bürgermeister von Orlando
und damit von allen Großstadt- Bürgermeistern in Florida am längsten im Amt. Er ist einer
der prominentesten
Fürsprecher eines landesweiten Hochgeschwindigkeits- Bahnnetzes. Orlando gilt inzwischen als Zentrum der Bahn-Renaissance in Amerika. Dyer belebte die Innenstadt
des Ortes neu, mit
Sport-, Kunst- und anderen Unterhaltungsangeboten. Er war zehn Jahre lang Mitglied im Senat von Florida. Davor arbeitete er als Umwelttechniker und mehr als 20 Jahre lang als Jurist.

US-Präsident Obama hat angekündigt, Orlando würde der Ausgangspunkt des US-weiten Hochgeschwindigkeits-Bahnnetzes werden. Seit wann sind Sie ein Anhänger von Hochgeschwindigkeitszügen?

Dyer: Seit ich die Technologie kenne. Jetzt können wir endlich mit Städten in Europa und anderen Teilen der Welt gleichziehen. Zwischen Orlando und Tampa wird man auf der ersten Hochgeschwindigkeitsstrecke Amerikas mit über 270 km/h unterwegs sein. Das ist der erste Schritt in Richtung eines landesweiten Netzes. Wichtige Gründe für die großen Fortschritte, die wir hier machen, sind die gute regionale Zusammenarbeit und Partnerschaften. Das war auch ausschlaggebend für die Vergabe der Zuschüsse des US-Verkehrsministeriums.

Orlando ist eine Stadt ohne Bahntradition und ohne Bahninfrastruktur, wie sie etwa in Chicago existiert. Ist das ein Nachteil?

Dyer: Tatsächlich wurde Florida vor über 100 Jahren vor allem mit der Eisenbahn erschlossen, die an der Küste bis zu den Keys hinunter fuhr. Allerdings zerstörte ein Hurrikan wichtige Teile der Strecke. Florida hat also eine lange Bahngeschichte – nur dass sie für ein Jahrhundert unterbrochen wurde. Ich glaube nicht, dass uns daraus ein Nachteil erwächst. Bis 2050 wird sich die Bevölkerung von Florida verdoppeln, die Bahn ist also schlicht notwendig und sie ist gut für unsere Wirtschaft.

Die US-Bürgermeisterkonferenz vermutet, dass dadurch die Einnahmen durch Tourismus und Tagungen in Orlando um bis zu 250 Mio. US $ steigen könnten.

Dyer: Der Tourismus würde sicherlich angekurbelt – und die Strecke wäre eine Attraktion für sich. Ich wäre nicht überrascht, wenn Reisende mit dem Ziel Tampa einen Flug nach Orlando buchen würden, damit sie eine Hochgeschwindigkeits-Bahnfahrt erleben können. Aber auch für Zukunfts-Industrien wie digitale Medien oder biomedizinische Wissenschaften, die wir entlang der Strecke ansiedeln wollen, ist der Zug wichtig.

Werden Hochgeschwindigkeitszüge das Leben und Arbeiten in den USA genauso grundlegend verändern wie seinerzeit das Interstate-Highway-System?

Dyer: Ich denke schon. Sobald die Züge fahren, wird das viele Bereiche beeinflussen: Arbeitsplätze, die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt, die Umwelt und natürlich den Straßenverkehr. Historisch gesehen ist Florida extrem abhängig vom Auto – Hochgeschwindigkeitsstrecken und der gleichzeitige Ausbau des regionalen Schienenverkehrs könnten also drastische Veränderungen bringen.

Warum hat Amerika so lange mit der Entscheidung für diese Technologie gezögert?

Dyer: „Zwei Autos vor jedem Haus“, das war stets Teil des amerikanischen Traums. Benzin war lange Zeit billig, und es war leicht, in den USA ein Auto zu besitzen und zu fahren. Deshalb ist die Mehrzahl unserer Städte nicht für ein Leben ohne Auto gemacht, Orte wie New York sind da die Ausnahme. Aber steigende Benzinpreise und immer mehr Staus sowie ein wachsendes Umweltbewusstsein machen Amerikanern nun die Entscheidung leichter, verstärkt neue Technologien zu nutzen.

Züge sind umweltfreundlicher als Autos. Zählt dieses Effizienzargument?

Dyer: Für manche Amerikaner wird der Umweltschutz ein wichtiger Grund sein, mit dem Zug zu fahren. Doch für die meisten spielen persönliche und praktische Gründe die größere Rolle, etwa dass die Bahn günstiger und schnel-ler ist. Ein großer Vorteil des Schienenverkehrs ist die größere Planungssicherheit. Wenn man in sein Auto steigt, weiß man nie, ob die Autobahn nicht vielleicht aufgrund eines Unfalls verstopft ist. Wer mit der Bahn fährt, weiß eher, wann er am Zielort ankommt.

Eine der Attraktionen hier in Orlando sind die Zukunftsvisionen im EPCOT Center oder in Disney’s Tomorrowland. Ist die Hochgeschwindigkeitsstrecke eine Vision, die nun Wirklichkeit wird?

Dyer: Durchaus. Orlando ist eine junge Stadt, in der wir noch große Träume haben. Viele Städte weltweit haben eine längere Geschichte als wir, dafür schreiben wir gerade an unserer eigenen. Vor ein paar Jahren war ich im spanischen Valladolid, einer unserer Partnerstädte, und sprach mit dem Bürgermeister über die Neugestaltung der Innenstädte. Ich erzählte ihm von einem Feuer, das einige Gebäude im Stadtkern Orlandos zerstört hatte. Da erklärte er mir, dass es in Valladolid einen ähnlichen Brand gegeben hatte. Nur war der in Orlando erst sechs Monate her – der Brand in Valladolid hatte sich vor 400 Jahren ereignet!

Das Interview führte Thomas Jakobsh