Um die Abkehr von Kohle
und Gas zu beschleunigen,
setzt Schweden auf marktorientierte Anreizsysteme und innovative Technologien:
In Södertälje wurde das
größte Biomassekraftwerk des Landes eingeweiht. Eine Siemens-Turbine trägt zu hoher Effizienz bei.
Als im März 2010 das Biomasse-Kraftwerk Igelsta in Södertälje westlich von Stockholm in Betrieb ging, zeigte sich der schwedische König stolz: „Es gab nie einen besseren Moment für eine solche Investition“, sagte Carl XVI. Gustav. „Was wir hier gebaut haben, ist ein Beispiel für Schweden, für Europa und für die Welt.“ Im Vergleich zu einem konventionellen Kraftwerk, das mit fossilen Brennstoffen arbeitet, spart die umweltfreundliche Technologie so viel CO2 ein, wie 140 000 Autos ausstoßen.
Um die grünen Energien zu fördern, entschied sich die schwedische Regierung vor Jahren für das Rezept Zuckerbrot und Peitsche: Wirtschaftliche Anreize für erneuerbare Energien und finanzielle Sanktionen für herkömmliche Technologien machen den Bau neuer Kohle- Kraftwerke unprofitabel. Die schwedischen Versorgungsbetriebe investieren nun in Kraftwerke, die Biomasse oder Müll verbrennen.
Bis 2020 sollen fossile Brennstoffe ganz aus der Stromproduktion verschwunden sein. Die Natur hilft dabei: Fast die Hälfte des Stroms entsteht in Schweden durch Wasserkraft, einen wichtigen Anteil hat die Kernenergie, etwa 2 % wurden 2009 mit Windturbinen erzeugt. Über 11 % kommen aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK), bis 2015 sollen es 15 % sein. Dabei wird die Abwärme für industrielle Prozesse genutzt oder ins Fernwärmenetz gespeist. Gerade in kühleren Regionen ist die Gesamteffizienz dieser Technologie deshalb unschlagbar (Pictures of the Future, Frühjahr 2010, Jekaterinburg). Ein wachsender Anteil dieser Anlagen wird, wie Igelsta, mit Biomasse betrieben.
Mats Strömberg, der als Projektmanager beim Betreiber Söderenergi für die Entwicklung des Kraftwerks zuständig war, hatte in der Stadt Gävle nördlich von Stockholm schon an einem ähnlichen Projekt gearbeitet. Auch dort kommt, wie in Södertälje, eine Siemens-SST-800-Dampfturbine zum Einsatz. Drei Viertel des Brennstoffs für Igelsta besteht aus Biomasse, vor allem Holzabfälle; ein Viertel sind Haus- und Industrieabfälle. Damit produziert die Anlage 200 MW Wärme, sowie 85 MW Elektrizität. „Siemens hat in Gävle wie bei Igelsta schlicht das beste Angebot gemacht, da stimmten Preis, Leistung und Technik“, erklärt Strömberg. „Am wichtigsten ist die Leistung, denn das Kraftwerk ist auf 40 Jahre Laufzeit ausgelegt. Was wir da durch hohe Effizienz gewinnen, das summiert sich gewaltig.“
Zur Kasse gebeten.2003 wurde in Schweden der Handel mit grünen Zertifikaten eingeführt – was die erneuerbaren Energien fördert und fossile Brennstoffe verteuert. „Diese Zertifikate sind nur eine der Regulierungsmaßnahmen, mit denen der Energiemix gesteuert wird“, erklärt Jan-Erik Haglund, Umweltschutz-Manager bei Söderenergi. „Eine Kohlenstoffsteuer und die konsequente Anwendung des gesamteuropäischen Emissionshandels sind die anderen beiden Säulen.“
In Schweden werden die Nutzer fossiler Brennstoffe also gleich drei Mal extra zur Kasse gebeten. Die schwedische Kohlenstoffsteuer wurde 1991 Gesetz – sie verteuert die Produktion einer Kilowattstunde aus fossilen Energieträgern im Schnitt um 50 %. Und als das EU-weite Emissionshandelssystem eingeführt wurde, teilte Schweden den Stromproduzenten Zertifikate in einem Umfang zu, der nur 70 % ihres Bedarfs entsprach, den Rest mussten sie von Anfang an zukaufen.
Seit 2003 ist parallel ein nationales schwedisches Elektrizitäts-Zertifikatesystem in Kraft: Für jede mit Hilfe erneuerbarer Energiequellen erzeugte Megawattstunde erhält der Produzent kostenlos ein Zertifikat. Alle Stromerzeuger müssen für einen jährlich durch den Staat neu festgelegten Anteil ihrer Gesamt-Produktion Zertifikate vorweisen; derzeit liegt die Quote bei 17,9 %. Die Zertifikate sind frei handelbar, ihr Preis steigt daher mit der Nachfrage.
So verhilft die unsichtbare Hand des Markts jenen Formen grüner Energie zum Erfolg, die am günstigsten erzeugt werden können. Dabei sind die Kernkraft und bestehende große Wasserkraftwerke kein Teil des nationalen Zertifikatesystems. Haglund hält die staatliche Regulierung in Schweden für ein Erfolgsmodell: „Der Staat hat sich einer Ineffizienz im Markt angenommen: dem eigentlich zu niedrigen Preis fossiler Brennstoffe. Das Ergebnis spricht für sich: Ohne staatliche Regulierung würden wir in Igelsta heute aller Wahrscheinlichkeit nach Gas und nicht Holzabfälle verbrennen.”
Mit ihrer Begeisterung für Biomasse sind die Schweden Vorreiter und Traditionalisten zugleich. Während der Arbeiten am Igelsta-Kraftwerk fanden Arbeiter eine alte Feuerstelle aus der Steinzeit. Um sich warm zu halten, tun die Einwohner von Södertälje heute nichts anderes als ihre Vorfahren Jahrtausende zuvor: Sie verbrennen Holz. Doch mit Hilfe modernster Technik tun sie es besonders effizient. Das spart Kohle … und bringt auch welche ein.