in den USA
Mit umweltfreundlicher Technologie schafft Siemens Jobs im mittleren Westen der USA und verändert dabei auch die Energielandschaft Nordamerikas.
In Norwood produziert Siemens Industriemotoren aller Art.
Wer im Südosten Iowas auf dem Highway 61 Richtung Norden fährt, sieht die weißen Rotorblätter schon von weitem. Kurz vor der Kleinstadt Fort Madison liegen sie wie 45 m lange Riesenschwerter fein säuberlich auf Metallböcken nebeneinander aufgereiht. Täglich kommen etwa fünf neue Flügel hinzu – und mindestens einmal pro Woche lädt ein Güterzug die Rotorblätter auf, um sie an windreiche Orte in den USA oder Kanada zu transportieren.
Auf dem Lagergelände steht der Betriebsleiter Allan Luers. Er ist nahe Fort Madison aufgewachsen. "Vor fünf Jahren wurden hier noch Sattelzugmaschinen hergestellt – dann machte der Betrieb dicht", erzählt Luers. "Auch andere haben ihre Tore geschlossen: eine Düngemittelfabrik, ein Stanzblechhersteller, eine Elektronikfirma." Dann kam Siemens Wind Power und stieg innerhalb von nur drei Jahren mit über 600 Angestellten zum größten Arbeitgeber Fort Madisons auf – zwei Drittel der Mitarbeiter waren zuvor arbeitslos.
Geschätzte 350 weitere Arbeitsplätze – in Gastronomie, Lebensmittelläden, Tankstellen – verdankt die Region der Neuansiedlung. Eine Erfolgsgeschichte, die für Präsident Obama im April 2010 Grund genug war, der Fabrik einen Besuch abzustatten – als erster US-Präsident, der in der 163-jährigen Firmengeschichte ein Siemens-Werk besichtigte.
Iowa, der mittlere Westen, ist das Herz Amerikas. Straßen führen schnurgerade durch endlose Maisfelder, gelegentlich tauchen Städtchen mit Holzhäusern und Amerikaflaggen auf. Im 19. und 20. Jahrhundert siedelte sich vermehrt Industrie an – von mittelständischen Manufakturen bis zu den Automobilkonzernen in Detroit. Doch in den letzten Jahrzehnten mussten immer mehr Firmen ihre Produktion aufgeben oder sie nach Übersee verlagern. In Fort Madison lebten in den 1950er-Jahren 17 000 Menschen – heute sind es noch 11 000.
Grüne Technologien bieten den strukturschwachen Regionen neue Perspektiven. 2005 gab es nur einen Siemens-Angestellten für Windenergie in den USA, heute sind es über 1 000, Tendenz steigend. Das reicht von der US-Zentrale für Wind Power in Orlando, Florida, über eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Boulder, Colorado, bis zur Fertigung in Fort Madison. Darüber hinaus baut eine Siemens-Tochterfirma in Illinois Generatoren für Windkraftwerke, und in Kansas entsteht eine neue Anlage für die Gondeln der Windturbinen.
Der mittlere Westen liegt in der Mitte eines Windkorridors, der sich von Texas im Süden über die großen Seen im Norden der USA bis nach Kanada erstreckt. So sind die umliegenden Bundesstaaten auch gute potenzielle Kunden. Iowa etwa produziert mit 3 600 MW Leistung nach Texas (9 400 MW) die meiste Windenergie in den USA. An dritter Stelle befindet sich Kalifornien mit 2 800 MW, gefolgt von Washington mit 1 850 MW.
Wind-Ernte auf dem Meer. Offshore ist bisher in den USA noch kein Windkraftwerk gebaut worden. Vor der Küste von Massachusetts ist nun der erste Offshore-Windpark namens Cape Wind in Planung – und Siemens, Weltmarktführer für Offshore-Anlagen, soll die Rotoren liefern. Zudem gibt es Offshore-Pläne für Rhode Island und New Jersey, die sich aber noch im Konzeptionsstadium befinden. Das Potenzial in den USA ist groß: Bislang sind nur etwa 35 GW installiert. Das National Renewable Energy Lab in Golden, Colorado, schätzt, dass bis 2024, inklusive Offshore, Anlagen für 300 GW gebaut werden könnten, 20 % des US-Stromverbrauchs. Deshalb fördert die Regierung den Windsektor nach Kräften: mit Steuernachlässen und anderen Investitionsanreizen.
Bei seinem Rundgang durch die Fabrik bekam Obama zu sehen, wie die gigantischen Rotorblätter weitgehend per Hand, ohne Automatisierung in einem Stück aus Glasfaser, Harz und Balsaholz gefertigt werden (Pictures of the Future, Herbst 2009, Offshore Windenergie). So vermeidet man mögliche Bruchstellen durch Nähte oder verschraubte Teile. Der Fabrikleiter Robert Gjuraj, der Obama durch die Anlage führte, erläuterte auch, wie energieeffizient der Betrieb selbst ist: mit seiner Beleuchtung aus Energiesparlampen und Leuchtdioden und einer umweltfreundlich arbeitenden Klimaanlage. Außerdem reduziert der Transport der Rotorblätter auf der Schiene, verglichen mit der Straße, den Kohlendioxidausstoß um ganze 80 %.
In seiner Rede in Fort Madison machte der US-Präsident deutlich, dass dieses Werk einen wichtigen Beitrag zu seiner eigenen energiepolitischen Vision leistet. "Hier stellen Sie einige der innovativsten Windanlagen der Welt her, eine jede in der Lage, genug Energie für hunderte Haushalte zu liefern, nur indem man den Wind erntet. Hier haben Sie Anteil an der Energiezukunft Amerikas. Sie ebnen den Weg dorthin."
Die Vision einer nachhaltigen Energieversorgung übt eine große Faszination auf die Mitarbeiter aus. "Ich bin stolz darauf, dass wir hier für die Energiezukunft Amerikas eine so wichtige Rolle spielen und zugleich noch dem Weltklima helfen", sagt Chris McPherson, der arbeitslos war, ehe er zu Siemens kam. Er montiert jetzt die Bolzen für die Windräder, die die Flügel mit der Turbine verbinden.
Siemens baut auf die grüne Zukunft. Das Unternehmen hat bislang weltweit etwa 9 000 Windturbinen mit 11 000 MW Leistung installiert. In den USA gehört es zu den drei größten Windanlagenherstellern. 2006 lieferte Siemens 160 Windturbinen an den größten Windpark der USA in Texas, Hollow II. Seither hat der Konzern viele Großaufträge erhalten, für die die Rotorblätter jetzt aus Fort Madison kommen. Zum Beispiel errichtet Siemens bis Herbst 2010 insgesamt 87 Windturbinen auf einer Windfarm im Landkreis San Patricio in Texas. Bis Ende 2010 gehen außerdem in Oklahoma 66 Siemens-Windturbinen ans Netz.
Mit Umwelttechnik zum Erfolg. Grüne Technologie in den Midwest-Staaten bedeutet aber nicht nur Windfarmen. Auch in anderen Energiebereichen investiert Siemens, was für die Kommunen wiederum Arbeitsplätze bringt. Etwa im Werk für elektrische Motoren in Norwood, Ohio, nahe Cincinnati. Norwood behauptet stolz von sich, in den 1950er-Jahren mehr Güter pro Kopf als jede andere Stadt in Amerika produziert zu haben. Damals lebten hier 35 000 Menschen, heute 20 000. Die Stadt stand kurz vor dem Bankrott, als General Motors 1986 ein Fertigungswerk vor Ort schloss.
Tom Williams, Bürgermeister von Norwood, blickt aus dem Fenster des Siemens-Werks auf das Areal, wo einst Autos vom Band liefen. Die Fertigungshallen sind abgerissen, das Gelände neu bebaut. "Das war eine schwierige Zeit", sagt Williams, der damals Polizist war. "Aber wir sind ein attraktiver Standort, verkehrstechnisch günstig gelegen." Siemens übernahm das Werk vor 25 Jahren. Die derzeit 380 Mitarbeiter stellen große Elektromotoren für die Industrie her, etwa für Wasserpumpen, Kompressoren oder Ventilatoren für Kühltürme von Kraftwerken – damit ist Siemens Marktführer in den USA.
Eine dreißig Millionen Dollar teure Expansion und Modernisierung der Anlage trug der Fabrik die Auszeichnung "Fabrik des Jahres 2009" des Magazins Plant Engineering ein. Den Preis verdankt das Werk nicht zuletzt umweltfreundlicher Technologie, etwa einem konsequenten Recycling von Industrieabfall wie Kupfer oder Kunststoffe. Zudem nutzt die Firma ein Strom sparendes Kontrollsystem für die Fertigungs- und Verwaltungsgebäude. Auch die Elektromotoren selbst sind hoch effizient. "Sie setzen über 95 % der elektrischen Energie in Bewegung um", erklärt William Finley, Leiter für Maschinenbau und Technik in Norwood: "Trotzdem arbeiten wir daran, die Motoren noch effizienter zu machen – bis über 98 %. Für die New Yorker U Bahn bauen wir Fahrmotoren, die deutlich niedrigere Wartungskosten haben. Und künftig wollen wir auch Generatoren für die getriebelosen Windanlagen von Siemens produzieren."
So setzt Siemens mit grüner Technologie die industrielle Tradition des mittleren Westens fort. Mike Revak, der einst erste Angestellte von Siemens Wind Power in den USA, ist darüber nicht überrascht. "Als Siemens einen Standort in den USA suchte, haben wir uns nach einem Umfeld umgesehen, in dem es steuerliche Anreize gab und die Arbeiter teils bereits gut ausgebildet waren – und als bodenständig, fleißig und verlässlich galten. Genau das haben wir im mittleren Westen gefunden."