Wind und Sonne können in Nordafrika nicht nur lokal Strom liefern, sondern künftig auch einen Teil des europäischen Bedarfs decken. Marokko baut erste Anlagen.
Die Ingenieure in Marokko setzen auf Erneuerbare, so wie Driss Zejli und seine Studentinnen.
Dr. Driss Zejli drosselt den kalten Luftstrom der Klimaanlage im Centre National pour la Recherche Scientifique et Technique, einem nationalen Forschungszentrum in Rabat; er leitet dort die Einheit für Erneuerbare Energien. „Wir haben in Marokko jahrzehntelang nach Energiequellen gesucht – am rechten Ort, nur eben nach dem Falschen: nach Öl und Gas“, sagt er und nimmt einen Schluck Tee. Mehr als 95 % seines Energiebedarfs befriedigt Marokko durch Importe, vor allem in Form von südafrikanischer Steinkohle. Benachbarte Staaten, etwa Algerien und das ölreiche Libyen, sind mit fossilen Energieträgern geradezu gesegnet. Kein Wunder, dass Marokko intensiv nach Öl und Gas im eigenen Land suchte – erfolglos.
Als 2008 der Ölpreis zeitweise auf 148 US $ pro Barrel stieg, verdoppelten sich die Kosten für Energieimporte. „Dieser heilsame Schock führte zum Umdenken. Nun konzentrieren wir uns darauf, unseren tatsächlichen Energiereichtum zu erkennen und zu nutzen“, führt Zejli aus. „Die Bedingungen für Wind- und Sonnenstrom-Erzeugung sind hier exzellent.“ Im Norden Marokkos, nahe Tanger, sowie an der Westküste, wo die starken Passatwinde konstant wehen, befinden sich ideale Standorte für Windparks. Der Wind weht teils 50 % stärker als in Top-Lagen in Europa. Schon heute produziert Marokko etwa 280 MW Windstrom, und für große solarthermische Kraftwerke mit 500 bis 1 000 MW laufen die Ausschreibungen.
Im November 2009 wurde aus den Hoffnungen und Plänen eine klare Vorgabe: Der königliche Solarplan sieht vor, dass in Marokko bis 2020 etwa 2 000 MW durch Solarkraftwerke erzeugt werden sollen – so viel, wie zwei große konventionelle Kraftwerke leisten. Auch Windanlagen sollen dann 2 000 MW bringen. „Marokko hat noch zwei Trumpfkarten“, betont Zejli. „In Pumpspeichern im Atlasgebirge – eine solche Anlage läuft bereits – können wir Strom zwischenspeichern. Und es gibt eine Hochspannungsverbindung mit Algerien sowie Leitungen nach Spanien mit einer Kapazität von 1 400 MW. Eines Tages können wir Strom exportieren, statt ihn wie heute einzukaufen.“
Die Aufbruchstimmung erfasst nicht nur Experten wie Zejli. Inzwischen wächst eine Generation umweltbewusster Ingenieure heran, die ihre Zukunft in grünen Energien sehen. So wie Khadija Ezaoui und Sanaa Essabar. Die beiden jungen Frauen studieren an der Ecole Nationale de l’Industrie Minérale in Rabat und belegten bei Zejli Spezialkurse zu erneuerbaren Energien. „Ich komme aus Ajun“, erzählt Khadija Ezaoui. „Die einzigen Ressourcen, die wir dort bisher ökonomisch nutzen, sind Fische aus dem Meer und Phosphatvorkommen in der Wüste. Doch nicht weit von meiner Heimatstadt, bei Foum El Oued, wird eine 50-MW-Windenergieanlage gebaut. Erneuerbare Energien bringen Wachstumsindustrien und Jobs.“
In Foum El Oued ist der Einsatz von Siemens-Windturbinen geplant. Auch für solarthermische Kraftwerke hat Siemens fast alle Komponenten und Systeme im Angebot (Pictures of the Future, Herbst 2009, Solarstrom Kraftwerke und Frühjahr 2010, Solarkraftwerke). Hier geht es vor allem darum, die Kosten dieser Technologie weiter zu reduzieren. Was seinerzeit mit Windkraft gelang – sie ökonomisch wettbewerbsfähig zu machen – soll nun mit Solarstrom wiederholt werden, auch wenn für die Anfangsjahre Subventionen nötig sein dürften. Damit rechnet jedenfalls Said Mouline, Generaldirektor einer Entwicklungsagentur für erneuerbare Energien: „Die Solarthermie braucht Anschubhilfe: Indem wir Kraftwerke bauen, lernen wir technologisch dazu und können damit künftig die Kosten reduzieren. Europäische Länder könnten ihre Klimabilanz verbessern und die Sonnenstromproduktion in Nordafrika fördern, indem sie dort Strom kaufen und mit entsprechenden CO2-Zertifikaten handeln.“
Damit europäische Investitionen und eines Tages auch Fördergelder ihren Weg nach Marokko finden – und der marokkanische Strom seinen Weg nach Europa – hat das Land alle nötigen Gesetze auf den Weg gebracht. Damit wird in Marokko gerade ein wichtiger Baustein der Vision von Desertec verwirklicht. Doch natürlich will das Land nicht einfach seine Wüste an ausländische Kraftwerksentwickler vermieten. Sanaa Essabar: „Wir wollen dazulernen und eines Tages eine eigene Industrie für erneuerbare Energien und Kraftwerkskomponenten aufbauen.“ Marokko ist gerade dabei, die Armut an fossilen Energieträgern in eine Stärke umzumünzen. Womöglich erweist sich rückblickend der Mangel an fossilen Ressourcen sogar als Segen. Für Khadija Ezaoui und Sanaa Essabar hat jedenfalls die grüne Zukunft der Sahara schon längst begonnen.