Auf der richtigen Spur: Ein indischer Journalist sucht nach Wegen, das Verkehrschaos und die Luftverschmutzung in Megacities zu verringern. Fündig wird er im New York City der Zukunft, dessen Verkehrssystem dann zu den modernsten der Welt gehört. Elektrische Taxis und Busse prägen das Straßenbild, während effiziente Metros in Rekordzeit durch den Untergrund flitzen – und Highspeed-Züge die Metropolregionen der USA verbinden
Mein lieber Gajendra,
ich schicke Dir die besten Grüße aus der Stadt, die ich schon seit Jahren besuchen wollte. Wie versprochen schreibe ich Dir jeden Tag einige Zeilen, um Dich an der Faszination dieser Metropole teilhaben zu lassen. Wie Du weißt, habe ich die Reise hauptsächlich aus einem Grund angetreten: Ich wollte Zeuge eines der modernsten Verkehrssysteme der Welt werden, und diese Eindrücke in Artikel für die „Digital Times of Rajasthan“ fließen lassen. Den Grund hierfür haben wir beide an vielen Abenden ausführlich diskutiert: Wir suchten nach Wegen, das Verkehrschaos mitsamt seiner Luftverschmutzung zu lösen, in unseren Heimatstädten und all den Megacities weltweit, deren Lebensadern chronisch verstopft sind.
Die Antworten habe ich nun endlich gefunden. In dieser Stadt, die so ausgebaut ist, dass sie eigentlich kaum Spielraum für neue Verkehrssysteme zulässt, die es aber dennoch geschafft hat, mit neuen Lösungen ihre öffentlichen Verkehrsmittel in punkto Komfort, Schnelligkeit und Sicherheit so attraktiv zu gestalten, dass kaum ein vernünftiger Mensch noch auf sein eigenes Auto zurückgreifen mag. Das Ergebnis sind weitaus weniger Emissionen und – ein überraschender Effekt: eine Ankurbelung der Wirtschaft. Denn das Geld, das die Bürger durch den Verzicht aufs Auto einsparen, investieren sie größtenteils in den Konsum.
Wie das möglich ist? Ich verrate Dir, was ich heute in meinen Interviews mit Stadtvertretern erfahren habe. Beginnen will ich mit der U-Bahn, die mich morgens zur Zentrale der New Yorker Verkehrsgesellschaft gebracht hat: ein 125 Jahre altes System, dem das Alter trotz Modernisierung manchmal noch anzusehen ist. Aber hier kommt es auf die inneren Werte an: Bei voller Fahrt schnurren die neuen Züge wie eine Katze und trotz der sommerlichen Außenhitze sind die Wagen angenehm kühl – ein Luxus, den ich auch bei uns sehr begrüßen würde. Alle Züge wurden modernisiert, und ihre Energiebilanz auf Vordermann gebracht. So wird etwa die Bremsenergie zurückgewonnen. Während ein Teil dieser Energie die Klimaanlagen im Zug versorgt, wird der Rest zurück ins Netz gespeist. Stell Dir vor, die so eingesparte Energie würde ausreichen, um eine Kleinstadt zu versorgen.
Zudem hat die Stadt als Ergänzung zur bisherigen Metro einen Express-Ring installiert, der unterirdisch alle Stadtbezirke miteinander verbindet. In jedem Stadtteil hält der Zug nur zwei- bis dreimal. Auf diese Weise sind große Distanzen in Rekordzeit zu bewältigen, viel schneller, als es ein Auto je schaffen würde: Etwa von Brooklyn in die Bronx, oder von Manhattan zum Flughafen in weniger als einer Viertelstunde.
Ein weiteres Highlight ist die Anbindung an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn. Seit dem Ausbau des Fernverkehr-Streckennetzes in der vergangenen Dekade brausen die High-speed-Züge von New York aus in viele Metropolregionen – und zwar direkt von der Central Station, die hierfür ein neues Gleisareal unter den Straßen der Stadt bekommen hat. Diese Züge sind eine ernstzunehmende Alternative zum Flugzeug: Zieht man die Fahrt zum Flughafen sowie Check-in und Wartezeiten ab, sind die emissionsarmen Raketen auf Schienen auf vielen Strecken schneller als ihre geflügelten Pendants – und zudem preiswerter.
Kein Wunder, dass die Züge so schnell ausgelastet waren, dass kürzere Zugfolgen notwendig wurden, um die hohe Nachfrage bedienen zu können. Heute ermöglichen das satellitengestützte Ortungssysteme, mit denen die Highspeed-Züge auf den Meter genau lokalisiert werden. Darüber hinaus erlauben integrierte Fahrerassistenzsysteme auch noch eine vorausschauende Optimierung des Energieverbrauchs – bei gestiegener Sicherheit. Das System ist so erfolgreich, dass die Stadt Varianten davon auch für ihre unterirdische Metro und den erwähnten Expresszug einsetzt. Das Satellitennetz wird dabei mit sogenannten Pseudoliten aus Funkantennen, empfängern und Glasfaserleitungen nachgebildet.
Aber, werter Freund, auch den Straßenverkehr hat die Stadt umgekrempelt. Ein entscheidender Punkt war die Einführung einer satellitengestützten City-Maut – damit lassen sich die Fahrstrecken aller Autos, vom Lkw bis zum privaten Pkw, kilometergenau erfassen und abrechnen. Ziel war neben Einnahmen für den Umwelt- und Klimaschutz natürlich auch, die Bürger zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu animieren. Und die gesamte Bus- und Taxiflotte wurde im Lauf der vergangenen Jahre gegen zehntausende Elektroautos und -busse ausgetauscht. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie gut die Luft hier ist.
Nach 250 km steuern die Taxifahrer dann entweder eine teure Schnellladestation an, wo ihre Batterien in zehn Minuten vollgetankt werden – oder sie hängen die Fahrzeuge für mehrere Stunden ans Netz und machen Pause. In dieser Zeit können die Autos übrigens nicht nur Strom tanken, sondern auch wieder abgeben und damit Geld verdienen. Für Privatleute ist das eine echte Einnahmequelle, weil deren Fahrzeuge oft 22 Stunden pro Tag am Netz hängen. Wenn sie sie als Netzspeicher zur Verfügung stellen, können sie pro Jahr rund 1000 Dollar verdienen. Denn die Energieversorger brauchen solche Zwischenspeicher. Damit lassen sich wesentlich mehr fluktuierende Energiequellen, etwa Windkraft oder Solaranlagen, ins Stromnetz einbinden. Dank dieser Technik konnten in der Region um New York bereits mehrere veraltete Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden.
Übrigens, so bequem wie in einem dieser Taxis bin ich noch nie gefahren. Ein Fahrer verriet mir, dass dies an den Radnabenmotoren im Fahrzeug liegt, also Motoren, die direkt in jedes der vier Räder integriert sind und so vollkommen neue Designkonzepte eröffnen – man hat enorm viel Platz im Fahrzeug. Mein Freund, ich muss zum Ende dieses Briefes kommen. Mein E-Taxi, an dessen integriertem Internetterminal ich diese Zeilen schreibe, hat von Manhattan aus überraschend schnell South Richmond Hill erreicht: 19 Minuten, und das mitten im Feierabendverkehr! In diesem Brooklyn-Viertel wohnt mein Cousin Ajith mit seiner Familie und bekocht mich heute zum Wiedersehen. Was freue ich mich jetzt auf einen Teller mit leckerem Matar Paneer! Ich melde mich morgen wieder bei Dir mit neuen Eindrücken. Lass Dich überraschen. Dein Freund Mahesh.