zwei Rädern
Ende 2010 findet in Mexiko die Weltklimakonferenz statt. Das Land hätte viel zu verlieren, wenn sich die Erdatmosphäre stark erwärmt – Mexiko will deshalb beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen. Ausgerechnet der ehemalige Moloch Mexico City soll die grünste Stadt Lateinamerikas werden. Siemens-Technologie zeigt bereits an etlichen Stellen im Land, wie das gehen könnte.
Neue Fahrradwege erleichtern den Weg zur Arbeit, und Fahrradtaxis locken nicht nur Touristen.
Grünes Mexiko: Das Santander Call Center in Querétaro spart 40 % Energie.
Wenn Roberto Vázquez am Eingang der Universidad Autonoma Metropolitana (UAM) im Norden von Mexico City seinen Helm abnimmt und sein Fahrrad durch die Korridore zu seinem Büro schiebt – dann wundert sich inzwischen keiner mehr. Das war einmal anders. Die sieben Kilometer zur Arbeit, zum Campus Azcapotzalco, an dem er die Mülltrennung und das Recycling organisiert, bewältigt Vázquez seit Jahren mit dem Rad. In einem Ballungsraum mit 20 Millionen Einwohnern und mehr als vier Millionen Fahrzeugen. In einer Stadt, in der die Luft einmal so giftig war, dass die Vögel tot vom Himmel fielen, wie die Umweltministerin Martha Delgado sagt (siehe Artikel „Am wichtigsten: Mobilität, Wasser und Müll“). „Vor ein paar Jahren hielt man mich für einen lebensmüden Spinner“, schmunzelt der überzeugte Fahrradfahrer Vázquez. Er sagt es selbstbewusst, denn er weiß: Tatsächlich war er verfrühte Avantgarde.
Mexico City versucht, sein Verkehrs- und Umweltproblem in den Griff zu bekommen. Das erklärte Ziel: Bis 2022 die grünste Stadt Lateinamerikas werden. Um es zu erreichen, sind nun alle Mittel recht, eben auch Fahrräder. Fahrradtaxis umkreisen den Zócalo, den riesigen Platz im Stadtzentrum. Inzwischen gibt es 85 Fahrradverleih-Stationen, und es werden Fahrradwege gebaut. Zur Genugtuung von Vázquez kürzlich auch auf der Route zwischen seiner Wohnung und der UAM. Nun ist er schneller unterwegs als die Autofahrer, ohne im dichten Verkehr fürchten zu müssen, dass er unter die Räder kommt.
Mehr Benzin in der dünnen Luft. Das Tal, in dem Mexico City liegt, befindet sich 2 310 m über dem Meeresspiegel. Autos müssen hier wegen der dünnen Luft für die gleiche Leistung mehr Treibstoff verbrennen, als in tieferen Lagen. Vulkanketten, die die Stadt umschließen, erschweren, dass Winde die Abgase fortwehen. Vor 20 Jahren erklärten die Vereinten Nationen Mexico City zur am stärksten verschmutzten Stadt der Welt. Seither wurden Betriebe der Schwerindustrie umgesiedelt, eine Raffinerie in Nähe des Campus Azcapotzalco wurde geschlossen. Bleibt der wachsende Verkehr, der für die meisten der Emissionen in der Stadt verantwortlich ist.
Obwohl 80 % der Fahrten in Mexico City mit dem öffentlichen Nahverkehr bestritten werden, geraten die Staus täglich länger. „Viele der schmutzigen camiones, extrem ineffiziente Kleinbusse, wurden aus dem Verkehr gezogen – aber viel zu viele verstopfen immer noch die Straßen“, sagt Susana García, die an der UAM studiert. Für ihre Abschlussarbeit berechnete sie die CO2-Bilanz der täglichen Fahrten ihrer Kommilitonen und Dozenten zwischen dem Campus und ihren Wohnungen. Das überraschende Ergebnis: Wer sich in einen der Kleinbusse setzt, kann mehr Emissionen verursachen, als der Fahrer eines modernen Autos, selbst wenn dieser allein unterwegs ist. „Die Stadt braucht dringend mehr U Bahnen“, so der Schluss von García.
Mexico City hat mit mehr als 450 km zwar bereits eines der längsten U Bahn-Netze der Welt, doch es erscheint vielen unzulänglich. Es wird weiter daran gebaut und es wird modernisiert, hier wie andernorts im Land. Etwa in den Millionenstädten Monterrey und Guadalajara. Monterrey, die Industriemetropole im Norden des Landes, nahm Ende 2008 die Verlängerung der U Bahn-Linie 2 in Betrieb; Siemens verantwortete das Projektmanagement und lieferte unter anderem Systeme zur Energieversorgung, zur Betriebssicherheit sowie die Kommunikationsinfrastruktur.
In der Vier-Millionen-Metropole Guadalajara modernisiert das Unternehmen derzeit Teile der Zugflotte: Die Metrozüge bekommen neue Antriebssysteme, die den Energieverbrauch um 10 % reduzieren. Im Metronetz der Stadt kommen seit Jahren Signalsysteme von Siemens zum Einsatz. Francisco Padilla, Generaldirektor der lokalen Verkehrsgesellschaft Siteur, witzelt: „Unsere Züge bekommen jetzt ihre längst fällige manita de gato, die kleine Katzenwäsche.“ Ein Ausbau des Nahverkehrs ist seiner Meinung nach auch in Guadalajara dringend nötig: „Wir haben in mexikanischen Großstädten kein Mobilitätsproblem, sondern ein Immobilitätsproblem. Dass es in Mexico City besonders drastisch ausfällt, ist so etwas wie ein Segen für die anderen mexikanischen Großstädte: Das abschreckende Beispiel macht uns deutlich, wie wichtig rechtzeitige, nachhaltige Investitionen sind.“
Starke Brise. Schienenverkehr ist nicht nur deshalb umweltfreundlicher, weil keine stadtnahen Emissionen anfallen, sondern auch, weil Strom in Mexiko zunehmend CO2-frei erzeugt wird. Im südlichen Bundesstaat Oaxaca bläst der Wind stetig und heftig, hin und wieder werden dort sogar Lastwagen von der Straße gefegt. Die Windverhältnisse gehören zu den besten weltweit. Doch auch in den nördlicheren Staaten Tamaulipas und Baja California bläst die Brise stark genug, dass sich dort Windparks profitabel betreiben lassen.
Ein Unternehmen, das bereits investiert hat, ist Wal-Mart – die 348 Ladengeschäfte der Einzelhandelskette müssen zahlreiche Stromfresser betreiben, etwa die Kühlregale. Wal-Mart ließ deshalb im Südosten des Landes einen eigenen Windpark mit 67,5 MW Leistung errichten. Siemens lieferte die Infrastruktur für die Netzanbindung. Für den Windpark eines anderen Betreibers an der Karibikküste wird Siemens auch die Turbinen liefern; auf über 160 MW Leistung ist diese Anlage ausgelegt.