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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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Immer mehr und immer ältere Menschen – welche Auswirkungen hat das?

In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Weltbevölkerung auf heute 6,8 Milliarden Menschen verdoppelt. Etwa 60 % davon leben in Asien. Die Vereinten Nationen (UN) gehen davon aus, dass bis 2050 weitere 2,3 Milliarden Erdenbürger vor allem in den Entwicklungsländern hinzukommen werden. In Afrika ist die Geburtenrate besonders hoch – bis 2050 werden knapp zwei Milliarden Menschen den schwarzen Kontinent bevölkern, doppelt soviel wie heute. In Niger beispielsweise bekommt jede Frau im Durchschnitt sieben Kinder. Allerdings sterben knapp 117 von 1000 Neugeborenen, vor allem wegen Mangelernährung. Die Geburtenrate in China liegt dagegen infolge der – inzwischen durch Ausnahmeregelungen gelockerten – Ein-Kind-Politik nur bei 1,8 Kindern pro Chinesin. „Die chinesische Bevölkerung von heute gut 1,3 Milliarden Menschen wird um das Jahr 2040 einen relativen Spitzenwert von 1,47 Milliarden erreichen, bevor sie sinkt“, erklärt Jiang Weiping, Generaldirektor des China Population and Development Research Centers. Die Chinesen werden dann „nur“ noch 15 % der Weltbevölkerung ausmachen, 5 % weniger als heute.

In den USA wächst die Bevölkerung bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau vor allem durch Zuwanderung von heute knapp 310 auf 392 Millionen Menschen in 2050. Auch in den EU-27-Ländern könnte die Bevölkerung nach Angaben der EU-Kommission bedingt durch Zuwanderung von heute etwa 500 auf 528 Millionen in 2030 zunehmen. Ohne Einwanderung wäre dieses Wachstum bei einer aktuellen Geburtenrate von 1,5 Kindern pro Frau in den EU-Staaten nicht möglich. Denn damit die Bevölkerung nicht schrumpft, ist eine Geburtenrate von 2,1 erforderlich.

Längere Ausbildungszeiten, eine höhere Frauenerwerbsquote, eine zunehmend unsichere Arbeitsmarktsituation sowie der verbreitete Zugang zu modernen Verhütungsmethoden gelten als Ursachen für das Geburtentief. Aber langfristig ist eine leichte Besserung in Sicht. Nach einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung Rostock und des Vienna Institute of Demography steigen in vielen Industriestaaten die Geburtenraten langsam wieder. Dies liegt daran, dass Frauen heute Geburten weniger stark aufschieben als noch in den 1990er-Jahren. Hinzu kommen in Ländern wie Frankreich ein umfassendes Betreuungsangebot, großzügige finanzielle und steuerliche Erleichterungen sowie Anreize für den raschen beruflichen Wiedereinstieg der Mütter.

Demographischer Wandel heißt jedoch nicht nur steigende Bevölkerungszahlen, sondern auch immer mehr Methusalems. Auf Grund einer geringeren Säuglingssterblichkeit, einer besseren medizinischen Versorgung sowie einem geringerem Verschleiß durch weniger körperliche Arbeit steigt vor allem in Industrieländern das Durchschnittsalter. Die UN erwarten bis 2050 einen weltweiten Zuwachs bei den Über-60-Jährigen von jetzt 11 auf knapp 22 %. Waren 2009 noch 737 Millionen Menschen weltweit 60 Jahre oder älter, werden dies 2050 bereits knapp 2 Milliarden sein. So hat sich in China die Lebenserwartung in den letzten 50 Jahren von 41 auf 72 Jahre erhöht. Heute sind mehr als 100 Millionen Chinesen über 65 Jahre – über 8 % der Bevölkerung. Nach UN-Angaben wird sich dieser Wert bis 2050 fast vervierfachen.

Dies führt schon heute zu steigendem Bedarf an medizinischer Versorgung und Pflege. So breiten sich in China zunehmend chronische Erkrankungen aus – der Grund: ein erhöhter Lebensstandard mit typischen Begleiterscheinungen wie ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung. Die Steigerungsrate der Gesundheitskosten liegt bereits über dem Wachstum der Volkswirtschaft. Zudem kümmern sich in China traditionell die erwachsenen Kinder um die Langzeitpflege alter Menschen. Dies wird aber in Zukunft bedingt durch die langjährige Ein-Kind-Politik immer schwerer umzusetzen sein.

In der EU wird nach Berechnungen des Europäischen Amts für Statistik Eurostat bis 2060 der Anteil der EU-Bürger, die 65 Jahre und älter sind, von heute 17,1 auf 30 % steigen. Dies bedeutet, dass 2060 nur zwei Personen im arbeitsfähigen Alter auf jeweils eine Person ab 65 Jahre kommen werden. Derzeit liegt dieses Verhältnis noch bei vier. Jeder siebte Deutsche wird 2050 über 80 Jahre alt sein. Die Bevölkerungsstruktur in den Industrieländern ähnelt bereits heute mehr einem Pilz als einer klassischen Pyramide – eine enorme Belastung für die Rentensysteme. Deshalb empfiehlt die EU-Kommission den EU-Staaten eine deutliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Eine alternde Bevölkerung hat auch Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), denn dieses ist abhängig von Beschäftigung und Produktivität. Daher wird es schwieriger, ein Wirtschaftswachstum zu erzielen, wenn die Zahl der Arbeitnehmer abnimmt. Oft wird auch vermutet, dass bei einer alternden Bevölkerung die Innovationen zurückgehen, weil diese auf jugendliche Dynamik und Ideenreichtum angewiesen seien. Aber Ideen an sich sind noch keine Innovationen. Entscheidend ist, wer an der Realisierung und erfolgreichen Vermarktung von Innovationen beteiligt ist. Gerade hier sind ältere Menschen erfahrene Wissensträger. Der deutsche Prüfdienstleister Dekra beispielsweise hat in seiner jährlichen Erhebung zur Innovationstätigkeit und fähigkeit, dem sogenannten Innovationsbarometer, festgestellt, dass Unternehmen ohne Wissensaustausch zwischen Mitarbeitern verschiedenen Alters weniger als ein Zehntel aller Ideen erfolgreich am Markt platzieren. Findet hingegen ein regelmäßiger Austausch zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitern statt, sind es bereits rund 20 %. Gibt es in der Organisation mehr Mitarbeiter über 49 Jahre als solche unter 36, werden nach dieser Untersuchung sogar drei von zehn Ideen erfolgreich umgesetzt.

Sylvia Trage