und Wirtschaft
Es war die Eisenbahn, mit deren Hilfe im 19. Jahrhundert der amerikanische Kontinent erschlossen wurde. Doch diese Pioniertage sind lange vorbei. Heute ist in den USA – im Gegensatz zu Europa oder China – der Zug keine wirkliche Alternative zum Flugzeug. Dies soll sich nun ändern. 13 Mrd. US $ will Präsident Barack Obama in die Verbesserung des Eisenbahnnetzes investieren und davon insbesondere Hochgeschwindigkeitsstrecken bauen. Acht Milliarden Dollar stammen aus dem Konjunkturpaket, weitere fünf Milliarden Dollar sollen in den kommenden fünf Jahren fließen. Welche Vorzüge der geplante Ausbau des Schienennetzes hat, zeigt eine aktuelle Studie von Siemens: Allein in den Regionen Los Angeles, Chicago, Orlando und Albany könnten bis zu 145 000 neue Arbeitsplätze entstehen – und die ansässige Wirtschaft könnte bis zu 19 Milliarden Dollar mehr Umsatz pro Jahr erzielen. Für die Studie wurden diese vier Ballungsräume ausgewählt, weil sie durch ihre Unterschiede bezüglich Größe, Lage und wirtschaftliche Voraussetzungen als repräsentativ für das Land gelten.
Der Ausbau des Schienennetzes würde die wirtschaftliche Produktivität erhöhen, da sich Reisekosten und zeiten einsparen lassen. Zudem könnten sich Mitarbeiter aus der Industrie und von universitären Forschungszentren öfters treffen – was auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar ist. An den Stationen können sich innovative Industrien und neue Lebensräume leichter entfalten und Büros, Hotels und Technologieparks entstehen. Und neben dem Arbeitsmarkt würde zusätzlich der Tourismus einen Aufschwung erleben. Nicht zu vernachlässigen: Durch den Ausbau des Schienennetzes ließe sich der CO2-Ausstoß um bis zu 2,8 Mio. t pro Jahr senken.
„Hochgeschwindigkeitsverkehr ist der effizienteste und umweltfreundlichste Weg, die Wirtschaftskraft dieser US-Regionen zu stärken“, sagt Hans-Jörg Grundmann, CEO der Siemens-Division Mobility. „Wir sehen uns in der führenden Marktposition und sind auch bereit, unseren Fertigungsstandort in Sacramento auszubauen, um den Bedarf an modernen und schnellen Zügen zu decken“.
Die Verlagerung eines Großteils des Güter- und Personenverkehrs von der Straße auf umweltfreundliche Verkehrsträger ist das Kernstück jeder nachhaltigen Verkehrspolitik. Siemens setzt dabei auf Complete Mobility – die intelligente Vernetzung der Verkehrsströme auf der Schiene, der Straße und in der Luft. „Außer Siemens gibt es weltweit keinen Anbieter, der das aus einer Hand leisten kann. Von der Stromversorgung über die Betriebsführungssysteme für die Bahn- und Straßenverkehrstechnik bis zu den Schienenfahrzeugen für den Nah-, Regional- und Fernverkehr und sogar vielen Lösungen für Flughäfen verfügen wir über alle notwendigen Produkte und Kompetenzen“, sagt Grundmann. Möglich ist diese Vernetzung mit Hilfe von Technologien wie Sensorik, Telematik und Kommunikationstechnik – und sie lässt sich bereits durch relativ unspektakuläre Angebote fördern, beispielsweise indem Pkw-Fahrer gezielt über Park-and-ride-Plätze, Staus und die Abfahrt von Zügen informiert werden (siehe Artikel „Schneller ans Ziel“).
Während Europa und die USA vor allem die Infrastruktur modernisieren und Lösungen harmonisieren wollen, geht es in China, Indien und den Tigerstaaten darum, effiziente Infrastrukturen überhaupt erst zu schaffen. „In vielen Großstädten Asiens liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit von Autos derzeit bei unter 10 km/h“, sagt Grundmann. Das zeigt, wie wichtig der Ausbau des S Bahn- und Metronetzes ist. Auch hier hat Siemens Lösungen. So wird das Unternehmen in Delhi bis 2012 eine schlüsselfertige Bahngesamtanlage realisieren und liefert dazu von den Fahrzeugen über die gesamte Elektrifizierung und Signaltechnik bis zur Systemintegration alles aus einer Hand.
In China soll das landesweite Schienennetz von bisher 86 000 auf 120 000 km erweitert werden, wobei dann ein Zehntel für Schnellzüge geeignet sein soll. Dazu sollen bis 2012 umgerechnet über 250 Mrd. US $ in den Bau von 42 Strecken für Hochgeschwindigkeitszüge investiert werden. Seit kurzem fährt auch der Zug mit der derzeit höchsten Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h im Reich der Mitte: Der Harmony Express braucht für die 1 000 km lange Strecke zwischen Wuhan und Guangzhou gerade mal drei Stunden.
Auch Russland baut das Schienennetz aus, insbesondere im Güterverkehr, der unter anderem die reichhaltigen Bodenschätze transportieren soll. Bis 2030 soll das russische Eisenbahnnetz mit Investitionen bis zu 500 Milliarden Dollar modernisiert werden. Geplant sind unter anderem Hochgeschwindigkeitsstrecken und der Anschluss rohstoffreicher Gebiete. Dafür sind eine Million Güterwaggons und 20 000 Lokomotiven nötig, denn die bisherigen Loks stammen zum Teil noch aus den 1920er- und 1930er-Jahren.
Die erhebliche Zunahme des Verkehrs rückt aber auch das Auto zunehmend ins Blickfeld. Deutschland will bis 2020 eine Million Elektroautos auf die Straße bringen, die USA wollen dieses Ziel bereits 2015 erreichen, und China investiert derzeit 2 Mrd. € in Pilotprojekte mit Tausenden von E Mobilen. Auch Siemens ist bei der Elektromobilität sehr aktiv – von intelligenten Energie- und Verkehrsinfrastrukturlösungen über Ladetechnologien und leistungsfähige IT-Systeme bis hin zur Erforschung der notwendigen Antriebstechnologie (siehe Artikel „Elektrisch über den Hockenheimring“).
Elektroautos werden insbesondere in den Städten fahren. Auch deswegen sind neue Verkehrsmodelle gefragt. Einfach nur das bestehende Fahrzeug zu elektrifizieren – damit ist es nicht getan. Schon allein, da Elektroautos mit dem Stromnetz verbunden sein müssen, um ihre Akkus aufzuladen. Notwendig ist eine nachhaltige und massenmarktfähige Infrastruktur, die standardkonform sein muss. Es gilt, die unterschiedlichen Verkehrsträger neu zu organisieren und aufeinander abzustimmen – Complete Mobility eben.