Jim O´Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, prägte 2003 die Abkürzung BRIC. Sie steht für die Anfangsbuchstaben der vier Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. 2,8 Milliarden Menschen, etwa 40 % der Weltbevölkerung, leben in den BRIC-Staaten. Sie erwirtschaften nach Aussagen der Deutschen Bank Research 2010 mit 10,5 Bill. US $ etwa 17 % des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die G7-Staaten USA, Japan, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Kanada liegen bei knapp 52%.
Auch nach der Finanzkrise übertreffen die Wachstumsraten der BRIC mit 4 bis 10 % pro Jahr diejenigen der G7 bei weitem. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom Juni 2010 wird das weltweite Wachstum in 2010 von 4,6 % vor allem von China mit 10,5, Indien mit 9,4 und Brasilien mit 7,1 % getragen. Selbst das BRIC-Sorgenkind Russland dürfte mit über 4 % wachsen – nach einem BIP-Rückgang in 2009 von 8 %. Die Experten von Goldman Sachs gehen davon aus, dass die BRIC-Staaten bis 2020 fast die Hälfte des weltweiten BIP-Wachstums auf sich vereinen.
Gelegentlich wird die BRIC-Gruppe durch Südkorea zu den BRICK-Staaten oder durch Südafrika zu den BRICS erweitert. Im Dezember 2005 veröffentlichte Goldman Sachs eine Liste von elf Ländern, die einen ähnlichen wirtschaftlichen Aufschwung erleben könnten. Diese Next Eleven (N 11) sind Vietnam, Bangladesch, Pakistan, die Philippinen, Südkorea und Indonesien, Mexiko, Türkei, Iran, Ägypten und Nigeria. Allerdings sind solche Ländereinteilungen nicht unumstritten. So zählt etwa Südkorea als Mitgliedstaat der OECD für viele Experten längst zu den Industriestaaten mit einem stabilen Wachstum.
2050, so prophezeit O´Neill, wird der Großteil der N 11 zu den Top-20-Nationen der Welt gehören: „Diese Länder haben nach den BRIC-Staaten die größte Bevölkerung und das höchste Wachstum.“ Goldman Sachs bewertete 170 Nationen auf ihre nachhaltige Wachstumsfähigkeit – mit einem Wachstumsindikator, der Faktoren wie Inflation, Staatsverschuldung oder Offenheit der Volkswirtschaft, technologische Fähigkeiten, Lebenserwartung und Ausbildung sowie politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und Korruption berücksichtigt. Die besten Chancen auf überdurchschnittliches Wachstum werden Vietnam bescheinigt. Die N 11 tragen heute bereits 11 % zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei, nach nur 1 % vor der Krise. Bis 2050 wird laut Goldman Sachs ihr BIP etwa zwei Drittel desjenigen der G7-Länder erreichen.
Als wichtigster Wachstumsträger der BRIC gelten der Massenkonsum im jeweiligen Land und insbesondere in China staatliche Investitionen. Voraussetzung für den Kaufkraftschub ist eine neu entstehende Mittelschicht. An der Spitze steht laut Goldman Sachs China mit einem Anstieg von 3 463 US $ pro Kopf im Jahr 2010 auf 8 829 in 2020 und 17 522 bis 2030. Dies wären bereits 28 % des für 2030 erwarteten US-Werts von 62 717 US $.
Für einen dauerhaften Boom der BRIC spricht auch ihr Ressourcen-Reichtum. So ist Brasilien der weltweit wichtigste Lieferant von Eisenerz, und Russland versorgt nicht nur Westeuropa mit Erdgas. Zudem exportieren die vier BRIC-Staaten mittlerweile Hightech-Produkte. Brasilien ist bei der Flugzeugproduktion auf Weltklasseniveau. Indien setzt auf Denkfabriken: Zwei Drittel des BIP kommen aus dem Dienstleistungssektor, vor allem Software, IT-Center und Biotechnologie. Indien ist mengenmäßig der viertgrößte Medikamentenhersteller der Welt, spezialisiert auf Generika. Bei Business Process Outsourcing wird bis 2013 fast eine Verdoppelung des Branchenumsatzes auf 110 Mrd. US $ gegenüber 2008 erwartet.
China galt bislang als Werkbank der Welt, doch in Zukunft wird das Land immer höherwertige Produkte erzeugen. Bislang exportiert China vor allem Elektronik, Maschinen und Geräte, Bekleidung sowie Eisen- und Stahlerzeugnisse. Künftig dürfte das Reich der Mitte zunehmend auch Bahntechnologie exportieren, Finanzierung über Staatsbanken inklusive. 2009 hat allein China Southern Railway bereits Produkte im Wert von 1,2 Mrd. US $ ausgeführt, nach nur 59 Millionen acht Jahre zuvor. Auch der Export von komplexerer Kraftwerks- und Infrastrukturtechnologie, etwa nach Osteuropa, wird steigen.
Der Wirtschaftsaufschwung Chinas ist mit hohen Deviseneinnahmen verbunden. Mit mehr als 2,4 Bill. US $ entfällt laut Deutsche Bank Research der Hauptanteil der BRIC-Devisenreserven von 3 Bill. US $ auf China. Dank hoher Leistungsbilanzüberschüsse dürften diese Reserven weiter rasch ansteigen. Bis 2050 will China auch „führende Wissenschaftsmacht der Welt“ werden. Dies hat die Regierung in einer Nationalen Richtlinie festgelegt. Seit 1999 hat das Land die Forschungsinvestitionen jedes Jahr um 20 % gesteigert. Im Verhältnis zum BIP ist das Budget aber noch klein: 1,5 % machte es 2007 aus, in Deutschland waren es 2,5, in den USA 2,6 %. Bis 2020 will China hier aufholen.
Ein erstes Indiz dafür sind steigende Patentanmeldungen: Nach einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft meldeten im Jahr 2007 etwa 160 000 chinesische Ingenieure weltweit ihre Patente an, 30 000 mehr als aus Deutschland. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der chinesischen Patentanmeldungen versechsfacht. Es gibt derzeit auch kein Land der Welt, das seine Publikationen so rasant steigert wie China. Heute liegt das Reich der Mitte zwar mit 70 Publikationen pro eine Million Einwohner noch deutlich hinter Industrienationen wie den USA mit 960 oder Deutschland mit 930 Veröffentlichungen. Aber wenn sich die Publikationstätigkeit chinesischer Forscher weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit entwickelt – mehr als eine Vervierfachung von 1997 bis 2006 –, dann wird China in zehn Jahren mehr als die USA und in 15 Jahren mehr als die EU 27 veröffentlichen. In der Nanotechnologie kommen heute schon weltweit die meisten Publikationen aus China.