Siemens entwickelt Gesundheits-
lösungen für Chinas ländliche Gebiete. Ein Pilotprojekt in der Kreisstadt Luochuan zeigt: Der Krankenhausalltag ist das beste Forschungslabor.
Hightech inside: Mit neuen CT-Scannern und Ultraschall-Geräten können in Luochuan Patienten gezielter behandelt werden. Laut Direktor Li Xiaolong ein großer Fortschritt.
suchungen an - für die Region ein enormer Fortschritt."
An Revolutionen ist man in Luochuan gewöhnt. In der 200 000-Einwohner-Kreisstadt in der nordchinesischen Provinz Shaanxi verweist man darauf, dass hier Mao einst seine ersten breit angelegten Landreformen durchführte und in der 100 km entfernten Präfekturhauptstadt Yan’an die Kampagne zur Gründung der Volksrepublik startete. „Wir sind immer eine Revolutionsbasis geblieben“, sagt Yan Yongxin, der Leiter des Gesundheitsamtes von Luochuan mit einem Lachen.
Doch der Umbruch, der sich heute in seiner Stadt anbahnt, hat mit Klassenkampf nichts zu tun. Vielmehr ist er ein Beispiel für die Fortschritte des chinesischen Reformzeitalters: In Luochuans Kreiskrankenhaus betreiben chinesische Gesundheitsexperten zusammen mit Siemens ein Pilotprojekt, das die medizinische Versorgung in ländlichen Regionen revolutionieren könnte. Von den Hightech-Entwicklungen der Medizintechnik, zu denen bisher nur die Bewohner chinesischer Metropolen Zugang hatten, soll künftig auch die Landbevölkerung profitieren. „Wir wollen dafür sorgen, dass chinesische Krankenhäuser auf allen Ebenen medizinische Geräte von hoher Qualität zu erschwinglichen Kosten bekommen können“, sagt Dr. Bernd Ohnesorge, der Leiter von Siemens Healthcare in Nordostasien. „Ziel ist es, das Niveau der ländlichen Gesundheitsversorgung deutlich zu heben.“
Im Rahmen der S.M.A.R.T.-Initiative (siehe Artikel „Vorsprung durch Kooperation“) entwickelt Siemens seit Jahren vornehmlich für Schwellenländer Produkte, die sich dadurch auszeichnen, dass sie einfach (Simple), wartungsfreundlich (Maintenance friendly), bezahlbar (Affordable) und zuverlässig (Reliable) sind, und schnell auf den Markt gebracht werden können (Timely to market). Im 2008 gegründeten „Siemens Rural Center of Medical Excellence“ in Luochuan machen die Forscher nun mit chinesischen Partnern die Probe aufs Exempel und sammeln Erfahrungen, um das Portfolio noch smarter zu machen.
„Ein Entwicklungslabor stellt man sich zwar anders vor“, sagt Prof. Li Xiaolong, Direktor von Luochuans Kreiskrankenhaus, „aber ein effektiveres Labor als die Alltagswirklichkeit gibt es eben nicht.“ Er steht in der Eingangshalle des schmucklosen Gebäudes. An einem Gitterfenster holen Patienten ihre Terminkarten ab. Viele sind Bauern aus den umliegenden Dörfern, andere Arbeiter aus Luochuans kleinen Fabriken. Alle gehören sie zu Chinas großer Mehrheit, die dank des Aufschwungs der vergangenen Jahrzehnte zwar keine Angst vor Hunger und Armut mehr haben muss, aber deren Wohlstand bisher nicht weit über einen Fernseher und Kühlschrank hinausgeht.
„Wenn bei uns Menschen krank werden, können sie für ihre Behandlung nicht viel bezahlen“, erklärt Li. „Damit sie dennoch Zugang zu guter Medizin bekommen, verlangt die Regierung von uns, dass wir ihnen eine Behandlung zu sehr niedrigen Kosten anbieten.“ Die Budgets für die Anschaffung moderner Geräte sind daher sehr beschränkt. Wäre Luochuans Kreiskrankenhaus nicht von Siemens in Kooperation mit dem chinesischen Verband der Medizingerätehersteller (CAME) und der Clinton Global Initiative ausgesucht worden, um im Rahmen eines 2007 – zusammen mit dem chinesischen Gesundheitsministerium – begonnenen Projekts Strategien für die Zukunft zu entwickeln, hätte es nie einen Großteil seiner medizinischen Ausstattung mit einem Schlag auf den neuesten Stand bringen können. Das Ziel der Experten: Dank der Erkenntnisse des Projektes die medizinischen Geräte in ländlichen Regionen nicht nur kostengünstiger zu gestalten, sondern sie auch an die Bedingungen vor Ort bestmöglich anzupassen.
Neue Technologie-Kategorie. Ein breites Portfolio an Diagnostikgeräten hat Siemens seit 2009 gespendet und nach Luochuan geliefert, darunter einen CT-Scanner, Röntgen-, Ultraschall- und Mammographie-Geräte. „Das ist für uns eine völlig neue Kategorie von Technologie“, sagt Yan. „Viele Untersuchungen, für die Patienten den langen Weg in die Präfekturhauptstadt Yan’an auf sich nehmen mussten, können wir jetzt vor Ort machen.“
Die Zahlen sprechen für sich: Schon im ersten Jahr mit den neuen Geräten wurden in der Röntgenabteilung 20 % mehr Aufnahmen gemacht als zuvor, und sobald es Li gelungen ist, neue Radiologen einzustellen, dürfte die Zahl noch schneller steigen. Die Möglichkeit von CT-Scans ist für Luochuan dagegen ein Novum, und dank der Mammografie-Geräte kann das Krankenhaus erstmals Brustkrebsvorsorgeuntersuchungen anbieten. „Das ist für die Frauen in unserer Region ein großer Fortschritt“, sagt Krankenhausdirektor Li.
Doch nicht nur die Hardware ist entscheidend – auch die Software spielt eine wichtige Rolle. Da die Siemens-Geräte digitale Aufnahmen ermöglichen, können Röntgenaufnahmen per E-Mail an die Universitätsklinik von Yan’an geschickt werden, wo dann Spezialisten die Diagnose stellen. „Moderne Technik hilft uns, Krankenhäuser zu vernetzen und die vorhandene Expertise überregional besser einzusetzen“, sagt Li. Statt wie vorher auf das vor Ort vorhandene Wissen angewiesen zu sein, kann man nun per Internet schnellere und präzisere Diagnosen einholen. Patienten, die früher weite Wege auf sich nehmen mussten, können jetzt an ihrem Heimatort eine gezielte Behandlung erhalten. Durch digitale Bilder spart das Krankenhaus außerdem Kosten für den Druck und die Archivierung von Bildern.