Die Gewichte der Weltwirtschaft verschieben sich. Viele Produkte werden in Schwellenländern nicht mehr nur hergestellt, sondern auch entwickelt, was den ökonomischen Aufstieg dieser Regionen beschleunigt. Siemens nutzt die damit verbundenen Chancen: durch Produkte, die in internationalen Innovationsnetzwerken und
für untere Marktsegmente entstehen.
Erst nachholen, dann überholen: Die alte Strominfrastruktur Brasiliens (oben) erfordert Investitionen.
"Inzwischen finden smarte, kostengünstige Innovationen auch ihren Weg in Märkte der Industriestaaten."
Eigentlich hatte sich Janaina de Souza Silva darauf eingestellt, 2012 die Olympischen Spiele in London zu verfolgen. Doch die 34-jährige Brasilianerin (siehe BRIC Biographien) wird sich wohl noch gedulden müssen, bis sie den Olympioniken von den Rängen aus zujubeln kann. Denn ihre Entsendung nach England ging im Juni 2010 für die Siemens-Mitarbeiterin schneller zu Ende als geplant: „Das Geschäft brummt in meiner Heimat, so suchten die Kollegen vor Ort händeringend qualifizierte Leute – daher gehe ich vorzeitig zurück und übernehme die Leitung für ein großes Projekt in Brasilien.“ Als Belohnung wird sich Janaina die Olympischen Spiele 2016 aus nächster Nähe ansehen können: in Rio de Janeiro. Volleyball-Wettbewerbe auf dem legendären Strand Copacabana inklusive. Mit dem Ausbau der für die Spiele nötigen Infrastruktur hat das Land längst begonnen (siehe Artikel „Party ohne Kater“).
Die Gewichte in der Weltwirtschaft verschieben sich. Das zeigt die Karriere von Janaina da Silva, und das belegen die relevanten Makrodaten: Staatsverschuldung, demographische Entwicklung, Wirtschaftswachstum. Hier stehen viele Schwellenländer besser da als die Industriestaaten. Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise durchliefen Länder wie China und Brasilien anscheinend schadlos. Die OECD geht davon aus, dass die Schwellenländer im Jahr 2030 die angestammten Industrieländer in ihrer aggregierten Wirtschaftsleistung überholt haben werden (siehe Artikel „Die Schwellenländer holen rasant auf“).
Diese Rechnung bezieht nicht nur die sogenannten BRIC-Staaten ein – das Akronym steht für Brasilien, Russland, Indien und China –, sondern auch andere aufstrebende Länder wie Kolumbien (siehe Artikel „Bogotás grüne Fabrik“). Inzwischen hat sich eine Art Geheimwissenschaft entwickelt, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Wachstumswunderländer von morgen zu identifizieren: Die Investmentbank Goldman Sachs, die den Begriff BRIC geprägt hat, spricht von den N-11, den next eleven. Das sind elf Staaten mit besonders guten Wachstumsaussichten, unter anderem Bangladesch, Ägypten, Nigeria, Vietnam, Indonesien, die Philippinen, Mexiko und die Türkei. Die letzten beiden Länder haben zwar während der Krise besonders stark gelitten, doch für 2010 werden auch ihnen schon wieder satte Wachstumsraten vorausgesagt (siehe Artikel „Die Schwellenländer holen rasant auf“).
Mexiko investiert derzeit verstärkt in Windfarmen und energieeffiziente Technologien – das Land möchte ein Vorbild für effektiven Klimaschutz werden. Ende 2010 wird die Welt zum Klimagipfel in Mexiko zu Gast sein und sich von den Erfolgen überzeugen können. Ein Ausflug nach Querétaro, zwei Autostunden nördlich von Mexiko City, könnte sich lohnen. Dort hat die Bank Santander ein Call Center eingerichtet: Energie wird an diesem Standort konsequent gespart, unter anderem durch moderne Technologie von Siemens. Durch Umwelttechnologien könnten laut der Unternehmensberatung McKinsey in Mexiko bis 2030 eine halbe Million zusätzliche Jobs entstehen. Auch andere Schwellenländer haben diese Chance für sich entdeckt, etwa in Nordafrika. In Marokko (siehe Artikel „Grüne Sahara“) werden erste Kraftwerke gebaut, wie sie die Desertec-Initiative vorsieht: Windfarmen und solarthermische Anlagen, die eines Tages auch Energie für den Export nach Europa bereitstellen könnten.
Kraftmaschinen der Weltwirtschaft. Doch die wichtigsten Kraftmaschinen der Weltwirtschaft sind nach wie vor die BRIC-Staaten. In diesen Ländern wächst, zusammen mit einer kaufkräftigen Mittelschicht, der Binnenmarkt. Hier werden auch immer mehr Produkte nicht nur gefertigt, sondern vor Ort entwickelt. Damit entstehen industrielle Champions, die über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus Märkte erobern lernen. Darin, dass die Schwellenländer in ihrer Entwicklung Europa und den USA hinterherzogen, kann Jamshed J. Irani, Mitglied des Aufsichtsrats von Tata Sons, nicht nur Nachteile erkennen: „Indien muss nicht Schritt für Schritt Entwicklungspfade – und Fehler – der etablierten Industrienationen wiederholen. Wir können uns stets für neueste Technologien entscheiden, etwa bei den erneuerbaren Energien“ (siehe Artikel „Indien muss nicht alle Fehler der anderen wiederholen“).