Die meisten Ballungszentren ächzen unter maroden und ineffizienten Infrastrukturen - doch die Städte wachsen immer weiter. Aufgrund von Finanznöten wird zu wenig in nachhaltige Verkehrs- und Versorgungsnetze investiert. Dabei erhöhen moderne Infrastrukturen nicht nur die Lebensqualität einer Stadt, sondern sparen auch bares Geld.
Veraltete Lebensadern: Dampfrohrexplosionen und unüberschaubare Stromleitungen wie in New York, oder Lecks in Londons Wassernetz – auch in Industrieländern lei den Städte unter maroden Infrastrukturen.
Sparen zahlt sich aus: Effiziente Lösungen, ob LEDAmpeln, dieselelektrische Motoren in den Bosporus-Fähren oder Modernisierungen am Denver Airport, reduzieren die Betriebskosten immens.
Innerhalb der weltweiten Konjunkturpakete entfallen rund 700 Milliarden Euro auf Infrastrukturinvestitionen.
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New York, 18. Juli 2007: Eine Säule aus Staub und Rauch bahnt sich ihren Weg durch Manhattans Straßenschluchten. Feuerwehr-, Krankenwagen- und Polizeisirenen verursachen ohrenbetäubenden Lärm. Doch dies war nicht, wie zunächst befürchtet, ein Terrorakt: Vielmehr platzte direkt unter der Lexington Avenue ein 83 Jahre altes Hochdruck-Wasserdampfrohr und riss einen 20 m großen Krater mitten in den Asphalt – ein Vorfall, der den New Yorkern ein grundlegendes Problem vor Augen hielt.
Die Megacity am Hudson River hat nämlich nicht nur das größte Wasserdampf-System der Welt, sondern auch eines der ältesten. Die über 100 Jahre alten Leitungen des weltweit ersten Städteheizsystems ziehen sich über 170 km durch die Metropole, um Heizungs- und Klimaanlagen großer Gebäude mit Dampf zu versorgen. Dazu kommt unter New Yorks Straßen ein schier unübersichtliches Gewirr von Strom- und Gasnetzen, U-Bahn- und Kanalleitungen, die auf engstem Raum neben- und übereinander verlaufen. Kein Wunder, dass es unter diesen Umständen zu Ausfällen kommt – bis hin zu unter Strom stehenden Gully-Deckeln.
Mit dem Schicksal einer bröckelnden Infrastruktur ist New York jedoch nicht allein – es ist ein globales Problem. So verliert etwa das Wasserleitungsnetz von London Tag für Tag über 30 % seines eingespeisten Wassers. Im Sommer 2006 konnten viele Bewohner tagelang nicht duschen, da das kühle Nass vom ausgetrockneten Erdboden aus den defekten Rohren gesogen wurde. Dabei sind Infrastrukturen lebenswichtige Netzwerke – für Verkehr, Produktion und Telekommunikation ebenso wie für die Versorgung mit Strom und Wasser oder die Entsorgung von Müll. Marode Straßen, unterdimensionierte Daten- und Stromleitungen, defekte Kanalisationssysteme und veraltete Schienennetze lähmen die Wirtschaft. Viele Metropolen erkennen das Problem. So zeigt die von Siemens im Jahr 2009 initiierte Umfrage "Metropolitan Infrastructure Sustainability Study" unter US-Bürgermeistern, dass 42 % der Befragten baufällige und veraltete Infrastruktur sowie ihre kostspielige Wartung und Instandhaltung für eine der größten Herausforderungen ihrer Arbeit halten (Grüne Infrastruktur für amerikanische Städte).
Nach der Dampfrohrexplosion sagte New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel: "Mit alter Infrastruktur besteht immer eine Gefahr. Deshalb müssen wir weiter investieren." Jedoch zögern in Zeiten der Wirtschaftskrise die meisten Städte, die Modernisierung ihrer Infrastruktur nachhaltig voranzutreiben. Angesichts der dafür nötigen Summen kein Wunder. Schon 1998 schätzte ein Rechnungsprüfer-Bericht, dass allein die Modernisierung der New Yorker Infrastruktur mindestens 90 Mrd. US-$ verschlingen würde.
Ähnliches gilt für die Treibhausgas-Emissionen. Denn Städte sind für 80 % der globalen Treibhausgase verantwortlich und für 75 % der weltweit eingesetzten Energie. "Die CO2-Emissionen einer Stadt zu reduzieren, ist eine Mammutaufgabe", erklärt der Bürgermeister von Miami, Manuel Alberto Diaz (siehe Artikel "Unsere Kinder sollen die Natur auch noch genießen können"). "Man muss sehr schnell hohe Reduzierungen erreichen – und dies so nachhaltig wie möglich." Doch in entsprechenden Lösungen sehen viele Stadtplaner zunächst einen hohen Kostenfaktor.
Grün zahlt sich aus. Dabei müssen sich Ökologie und Ökonomie nicht ausschließen, ganz im Gegenteil: Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz amortisieren sich in der Regel schon nach kurzer Zeit. Mit welchen Mitteln Städte Emissionen und Energiekosten reduzieren und ihre Investitionen zu einem großen Teil wieder hereinholen können, zeigen viele Projekte, die Siemens mit seinem Umweltportfolio derzeit weltweit realisiert.
In der türkischen Metropole Istanbul stattete das Unternehmen zum Beispiel Bosporus-Fähren, die täglich 250.000 Menschen nutzen, mit dieselelektrischen Antrieben aus, die weit weniger Treibstoff als ihre Vorgänger verbrauchen. Zudem hat Siemens den Wirkungsgrad des Gas- und Dampfturbinenkraftwerks Ambarli mit einer Designoptimierung um 5 % verbessert – das entspricht einer zusätzlichen Leistung von etwa 65 MW, ohne zusätzliche Emissionen. Darüber hinaus betreibt Siemens seit 2008 bei Istanbul eine seiner effizientesten Produktionsanlagen. Die Fabrik für Schaltanlagen produziert im Vergleich zu ihrem Vorgänger 30 % mehr, verbraucht aber 25 % weniger Energie und 50 % weniger Wasser (siehe Artikel "Zwischen zwei Kontinenten").
International rüstet Siemens in einer Reihe von Städten Ampelanlagen mit modernen Leuchtdioden (LED) aus. Die kleinen Leuchtzwerge verbrauchen 80 bis 90 % weniger Strom als herkömmliche Signallampen und haben eine mindestens zehnmal längere Lebensdauer (LED). Die Investition zahlt sich aus: Eine Großstadt mit 700 Kreuzungen könnte allein mit dem Austausch der Lampen jährlich 1,2 Mio. € an Energiekosten einsparen. "In Zeiten enger kommunaler Kassen ist das ein schönes Beispiel, das zeigt, wie ökologische und ökonomische Ziele Hand in Hand gehen", schwärmt Dr. Christoph Roth, Produktmanager für Signalgeber bei Siemens Traffic Solutions.
Besonders große Stromfresser sind Flughäfen. Ihr Energieverbrauch würde ausreichen, Zehntausende Haushalte mit Strom zu versorgen. So benötigte der Denver International Airport im Jahr 2007 für seinen Betrieb etwa 216 Mio. kWh. Zuviel, wie der Betreiber erkannte und daher Siemens beauftragte, Energiesparpotenziale ausfindig zu machen. Das Resultat sind umfassende Modernisierungsvorschläge, mit denen die Energiekosten um 10 % reduziert werden können (siehe Artikel "Zum CO2-armen Flughafen").
Welche Einsparungen mit modernen Infrastrukturlösungen erzielt werden könnten, verdeutlicht ein Rechenbeispiel. Setzt man die Energie, die in einem Land verbraucht wird, ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, so erhält man ein Maß dafür, wie effizient mit Energie umgegangen wird. In Deutschland liegt dieser Wert bei 3,7, in den USA bei 6,7, in China bei 17,1. Gelänge es, die Energieproduktivität der USA und Chinas auf das Niveau von Deutschland zu heben, dann würde bei gleichbleibender Wirtschaftsleistung der weltweite Energieverbrauch um 21 % sinken. Gleiches gilt für die Emissionen: Gelänge es, die relativen Emissionen dieser beiden Staaten auf das Niveau Deutschlands zu senken, so verringerte sich der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen um 25 %.
Firmen wie Siemens haben ausgeklügelte Finanzierungsmöglichkeiten im Angebot, mit denen sich hohe Energieeinsparungen erreichen lassen, ohne gebeutelte Stadtkassen zu belasten. So können bei den LED-Ampeln die Raten gänzlich aus den eingesparten Energiekosten beglichen werden. Zusätzlich bietet Siemens seit 20 Jahren dieses "Energiespar-Contracting" für öffentliche Gebäude an (siehe Artikel "Grüner Campus"). "Bei dieser Kombination aus Beratung, Installation und Finanzierung brauchen die Kunden keine Erstinvestition zu tätigen", erläutert Andreas Schierenbeck, CEO der Siemens Geschäftseinheit Building Automation, die weltweit für dieses Finanzierungsprogramm zuständig ist. "Sie begleichen die Raten nur durch die gesparten Energiekosten über einen vertraglich festgelegten Zeitraum.". Darüber hinaus werden vor allem die Konjunkturpakete zur Abfederung der Wirtschaftskrise den Infrastruktur-Ausbau ankurbeln. Laut einer Studie der Frankfurter DekaBank haben Regierungen weltweit von Anfang 2008 bis Sommer 2009 Konjunkturspritzen von etwa 2 000 Mrd. € oder 4,7 % des globalen Bruttoinlandsprodukts beschlossen. Zwar werden die meisten Gelder für Steuererleichterungen bereitgestellt, doch 700 Mrd. € entfallen auf Infrastrukturinvestitionen. Allein die US-Regierung stellt 253 Milliarden für staatliche Investitionen in die Infrastruktur zur Verfügung (siehe Artikel "Billionen von Euro für die Modernisierung der Infrastruktur").
Mit diesen gewaltigen Summen soll die Wirtschaft angekurbelt werden. So setzt auch Siemens auf derartige Aufträge. "Bei den weltweit aufgelegten staatlichen Konjunkturprogrammen erhoffen wir uns Aufträge im Volumen von 15 Mrd. €. 40 % davon, etwa 6 Mrd. €, kämen dem grünen Portfolio zugute", erklärt Barbara Kux, im Vorstand von Siemens zuständig für Supply Chain Management und Sustainability. "Die größten Chancen bieten sich für Siemens in den USA und China, aber auch in Deutschland rechnen wir bis 2012 mit Aufträgen von 2 Mrd. €. Der grüne Anteil dürfte hier mit etwa 50 % recht hoch ausfallen – und das obwohl Deutschland schon jetzt als Energieeffizienzweltmeister gilt."
90 % weniger CO2. Wie sich Investitionen nachhaltig gestalten lassen, zeigen Studien der Unternehmensberatung McKinsey über die Infrastruktur Londons und des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie über die CO2-freie Zukunft Münchens, die Siemens unterstützt hat (siehe Artikel “Nachhaltige Infrastruktur”, Pictures of the Future, Herbst 2008 und “Die CO2-freie Metropole”, Pictures of the Future, Frühjahr 2009) So ließen sich in London mit bereits heute verfügbaren Technologien bis 2025 Energie- und Wasserverbrauch sowie Abfall und Emissionen um über 40 % senken – und das ohne Einschränkung des Lebensstils der Bürger. Die nötigen Investitionen würden über 20 Jahre lang weniger als 1 % der Wirtschaftsleistung Londons betragen.
München könnte seine CO2-Emissionen bis 2058 sogar um 80 bis 90 % reduzieren. Hierfür müssten vor allem Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz durchgeführt werden: etwa mit Wärmedämmung und Wärmerückgewinnung für Gebäude, sparsamen Elektrogeräten und Beleuchtungen, der verstärkten Nutzung von Bussen, Bahnen und Elektroautos, Blockheizkraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung, der regenerativen Energieerzeugung sowie dem Transport von CO2-arm erzeugtem Strom auch über weite Entfernungen.
SFür die Altbausanierung sowie für Neubauten nach dem energiesparenden Passivhausstandard müssten 13 Mrd. € an Mehrkosten aufgebracht werden. Diesen Investitionen würden aber im Jahr 2058 jährliche Energiekosteneinsparungen zwischen 1,6 Mrd. und 2,6 Mrd. € gegenüberstehen, etwa 2.000 € pro Einwohner. Insgesamt würden sich die Energieeinsparungen über 50 Jahre auf mehr als 30 Mrd. € belaufen – eine Rechnung, die auch die letzten Skeptiker davon überzeugen sollte, dass bei Modernisierungsmaßnahmen Ökonomie und Ökologie Hand in Hand gehen.