2025
Aufgestiegen wie Phönix aus der Asche: Einst verlor Shibam als Drehscheibe des orientalischen Handels an Bedeutung. Das Resultat: Die Bewohner zogen weg, die Lehmhäuser fielen zusammen und die Infrastruktur lag brach. Erst ein langjähriges Modernisierungsprogramm bringt Einwohner und Wohlstand zurück. 2025 ist Shibam eine der modernsten Städte im Orient, die der Stadtplaner Bassam Haj Ali seinem Gast François Runné stolz zeigt.
Jemen, 2025. Die einst blühende Handelsstadt Shibam drohte zur Geisterstadt zu werden. Der Stadtplaner Bassam Haj Ali zeigt einem alten Studienfreund, wie die antike Stadt wieder attraktiv und lebenswert wurde - unter anderem mit Hightech-Lösungen für die Infrastruktur.
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Das ist es also, das Manhattan der Wüste!" Der französische Architekt François Runné ist überwältigt, als er nach einem kurzen Ritt am steil abfallenden rotbraunen Felsen ankommt und auf die Lehmhäuser von Shibam schaut. "Beeindruckend, nicht wahr?", schwärmt sein alter Studienfreund, der Stadtplaner Bassam Haj Ali, der mit seinem Pferd neben Runné zum Stehen kommt. "500 Lehmhäuser, die bis zu 30 m hoch in den Himmel ragen. Stell Dir vor, das älteste Haus wurde gebaut, als Kolumbus auf dem Seeweg nach Indien Richtung Westen aufbrach." Er seufzt: "Noch vor wenigen Jahren wäre dieser magische Ort fast untergegangen." "Ich habe davon gelesen", sagt François. "Einst Drehscheibe des orientalischen Handels, verlor die Stadt mit dem Einzug moderner Transportmittel an Bedeutung. Die Menschen zogen weg, die Häuser sowie die Infrastruktur begannen zu zerfallen – ein Teufelskreis."
"Erst zu Beginn dieses Jahrtausends kam die Wende", erklärt ihm sein Freund. "Ein internationales Entwicklungsunternehmen kam mit Regierungsvertretern in unsere Stadt. Sie bauten Schulen für die Kinder, belebten mit Tiefbrunnen Oasen in der Umgebung wieder und schufen damit für Landwirte ertragreiche Ernten. Gleichzeitig lehrten sie die Handwerker im Ort, bei der Restaurierung der Lehmhäuser nicht nur die traditionelle Baukunst anzuwenden, sondern auch mit modernster Technik zu kombinieren, die ihre Kosten dank hoher Effizienz wieder hereinholt. Mit diesem Wissen wurden die Handwerker begehrte Arbeitskräfte im ganzen Land, und im Laufe der Jahre kam der Wohlstand wieder, so dass die Stadt das Projekt übernehmen konnte. Seitdem wollte ich hier unbedingt mitwirken."
Geblendet von der hellen Sonne, kneift François seine Augen zusammen und lächelt: "Wie ich hörte, bist Du auch erfolgreich?" Bassam grinst: "Du weißt, Bescheidenheit gehört nicht zu meinen Stärken: Heute ist Shibam eine der modernsten Städte des Orients." François schaut ihn verwundert an: "Modern? Aber ich sehe nur Lehmhäuser." Der Stadtplaner lacht, und holt ein Gerät in Form einer Taschenlampe aus seiner Gürteltasche. "Wichtig ist das, was sich hinter den Kulissen verbirgt", sagt er und drückt auf einen Knopf. Das Gerät stößt eine kleine Wolke aus Wasserdampf aus, die sich zwischen Shibam und den Betrachtern legt. Kurz darauf sind Bilder auf ihr zu erkennen. "Ein Pikoprojektor, der sich seine Projektionsfläche mit Wasserdampf selbst herstellt", staunt der Franzose, ehe Bassam erneut einen Knopf drückt. Auf der Wolke erscheinen ein Tiefbrunnen und ein Pipelinesystem. Optisch wirkt es, als verliefe es direkt unter der Stadt.
"Eine der ersten Modernisierungsmaßnahmen: Der Wiederaufbau des Wasserversorgungssystems und der Kanalisation. Neue Tiefbrunnen wurden gebohrt, das Versorgungsnetz samt Aufbereitungsanlagen aufgebaut und mit vollautomatischer Steuerungstechnik ausgestattet – zunächst alles virtuell. So konnten wir am Computer die unzähligen Netzkomponenten aufeinander abstimmen, so dass bereits alles perfekt funktionierte, bevor die erste Pipelineröhre verlegt wurde. Damit konnten wir sicherstellen, dass die Stadtbewohner schnellstmöglich Zugang zu sauberem Nass bekamen."
François nickt anerkennend. Bassam drückt wieder auf den Knopf. Die Wassersysteme verschwinden, stattdessen öffnet sich von Geisterhand ein Lehmhaus und bringt einen Monitor, der von Sensoren umgeben ist, zum Vorschein. "Was ist das?", fragt der Franzose neugierig. "Das ist eine ganz spezielle Entwicklung", antwortet ihm der Jemenit stolz. "Da die Substanz unserer Lehmhäuser vor allem bei seltenen, jedoch starken Regenfällen in dieser Region gefährdet ist, haben wir in den Hauswänden Funksensoren installiert. Sie prüfen permanent die Bausubstanz jedes Gebäudes, werten diese automatisch aus und zeigen die Messwerte leicht verständlich auf einem kleinen, in der Wand eingelassenen Monitor an. Ist die Substanz porös, schlägt das System Alarm und verständigt automatisch unser Baubüro."
Sein Gegenüber grübelt: "Aber was macht ihr, wenn die Sensoren ausgetauscht werden müssen?" "Das ist kein Problem", antwortet ihm Bassam. "Es handelt sich hier um energieautarke Sensoren, die ihren Strom dank Mikroumwandler aus der Sonnenwärme in den Hauswänden beziehen und keinen Batteriewechsel benötigen. So müssen wir die kleinen Messgenies nur dann austauschen, wenn wir ohnehin die Lehmwände erneuern müssen. Übrigens verwenden wir diese Sensoren auch zur Zustandsüberwachung an den Pumpsystemen und Motoren unserer Wassersysteme, nur dass sie dort die Energie aus den Vibrationen gewinnen."
"Ich bin begeistert", meint François, der am Horizont der Hochebene etwas Glitzerndes entdeckt. "Sind das Spiegel?" "Das ist unser Solarthermie-Kraftwerk, aus dem wir unseren CO2-freien Strom beziehen und teilweise auch an Städte in der Region verkaufen", erläutert Bassam. "Aber ich sehe keine Stromleitungen", wundert sich der Architekt. Sein Freund drückt noch einmal den Knopf und unterirdische Kabel erscheinen, die sich ihren Weg von Shibams Häusern zu dem Kraftwerk mit seinen unzähligen Parabolspiegeln bahnen. "Wie gesagt", schmunzelt Bassam. "hier verbirgt sich nahezu alles hinter den Kulissen. Sogar die Beleuchtung der Straßen. Zwar haben wir an öffentlichen Plätzen Straßenlaternen mit Strom sparenden LED-Lampen installiert. In den engen Gassen haben wir jedoch die Außenwände der Häuser mit hauchdünnen organischen Leuchtdioden, so genannten OLED, ausgestattet, die tagsüber nicht zu sehen sind." "Das beweist es", prustet François lachend. "Du warst schon immer ein besonders helles Köpfchen. Bei praktischen Aufgaben warst Du zu Studienzeiten aber nicht gerade der Schnellste. Ob das heute noch so ist?" "Das werde ich Dir schon zeigen", grummelt Bassam, steckt den Pikoprojektor in die Tasche und gibt seinem Pferd die Sporen. "Wer zuerst in der Stadt ist, hat gewonnen."