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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
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2030

Stromernte im Jahr 2030: Das (fiktive) Solarthermiekraftwerk in der Wüste Marokkos ist mit 100 km² Fläche die größte Anlage der Welt. Über eine HGÜ-Leitung werden die Strommengen mit 1000 kV Gleichspannung abtransportiert – an die Küste, um dort Salzwasser in reines Nass zu verwandeln und darüber hinaus, übers Meer nach Europa, um die Länder im Norden mit Sonnenstrom zu versorgen.

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Die Stromkarawane

Marokko im Jahre 2030: Karim arbeitet als Ingenieur im größten Solarthermiekraftwerk der Welt, das Sonnenstrom von der Wüste bis ins ferne Europa liefert. Jeden Abend nimmt er sich Zeit, um den Sonnenuntergang über den unzähligen Spiegelreihen zu bewundern. Heute allerdings ist er dabei nicht allein.

In den gleißenden Parabolspiegeln erscheint die Gestalt des Mannes sonderbar verzerrt. Wie eine Fata Morgana wandert sie durch die endlos wirkende Spiegelreihe, verharrt kurz und setzt ihren Weg fort. Kein Windhauch ist zu spüren. Und obwohl die Sonne schon tief im Westen steht, herrschen noch immer über 30 °C. Karim hat es eilig, denn er möchte die allabendliche Showeinlage nicht verpassen. Noch vor Sonnenuntergang will er den Hügel über der "Bratpfanne" erreichen, wie seine Kollegen die gigantische Solarthermie-Anlage in der Wüste Marokkos nennen.
Im Abendrot verwandelt sich die Ebene mit den unzähligen Spiegeln in ein rotes Flammenmeer – ein Schauspiel, das sich der Ingenieur noch nie hat entgehen lassen, seit er vor fünf Jahren hierher geschickt wurde, um das größte Sonnenkraftwerk der Welt mit zu betreuen.
Zusammen mit seinen Kollegen wohnt und arbeitet er in einer kleinen Siedlung am Rand der Anlage. Von dort aus kontrollieren die Solarthermie-Experten mit Hilfe tausender Sensoren das 100 km² große Kraftwerk. Sobald die kleinen digitalen Assistenten einen Schaden melden, rückt der Marokkaner mit einem Wartungstrupp aus.
Karim ist ein echter Wüstensohn. Betont langsam und bedächtig bewegt er sich durch die Hitze – und im Gegensatz zu seinen europäischen Kollegen, die eine schweißtreibende Betriebsamkeit an den Tag legen, bleibt sein Hemd stets trocken. Doch nun drückt auch er aufs Tempo und ist erleichtert, als er die Garage mit den Geländewagen erreicht hat.
Der Ingenieur ist ein besonnener Mann. Ein Schimpfwort kommt ihm allerhöchstens über die Lippen, wenn sein Tee nicht genügend gezuckert ist. Oder, wenn einer seiner Mitarbeiter – wie jetzt – vergessen hat, den Wagen "aufzutanken".
Der Elektro-Offroader steckt nicht, wie vorgeschrieben, an der Steckdose, die auch vom Sonnenstrom der Anlage versorgt wird. Karim schwingt sich auf den Fahrersitz und drückt den Startknopf. Der 150 kW starke Elektromotor springt mit einem leisen Surren an. Nur noch 10 % Energie ist in den Akkus gespeichert, die das Auto vollgeladen bis zu 350 km weit bringen – das ist zu wenig für den Weg zur Anhöhe.
Doch der Wagen ist für den Notfall mit einem kleinen, hocheffizienten Benzinmotor ausgerüstet, der wie ein Generator arbeitet und dem Wagen zusätzliche 300 km Reichweite verleiht. Dieser Tank ist noch randvoll. Zufrieden gibt Karim Gas, und das Auto holpert nahezu lautlos über die Sandpiste Richtung Hügel.
Die letzten Meter sind die schwersten. Mühsam wühlt sich der Gelände-Stromer durch den Sand, doch dann hat er sein Ziel erreicht. Karim steigt aus dem Auto und eilt zur Hügelspitze. Die Sonne steht bereits am Horizont, und die Temperaturen sind merklich gefallen. Dazu weht ein leichter Wind vom Meer her. Doch was Karim mehr irritiert, ist ein Brandgeruch.
Hinter der Kuppe in einer Mulde empfängt ihn ein kleines Feuer. Davor sitzt ein Nomade und hält eine Teekanne über die knisternden Scheite. "Salam" begrüßt ihn der alte Mann und winkt seinen Besucher heran. In dieser Gegend hat Karim schon lange keine Nomaden mehr gesehen, aber wer kennt schon ihre Wege? Karim nickt dem Alten freundlich zu und setzt sich zu ihm ans Feuer.
"Mein Name ist Hussein", sagt der Nomade und reicht ihm ein Glas Tee. "Was führt Dich in diese Gegend?" Karim schaufelt sich mehrere Löffel Zucker in seinen Tee. Er deutet in die Ebene. "Siehst Du die unzähligen Spiegel, die gerade die letzten Sonnenstrahlen einfangen? Sie gewinnen aus der Wärme der Sonne Elektrizität. Dieses Kraftwerk produziert genügend Strom, um theoretisch ganz Marokko mit Strom zu versorgen. Ich kümmere mich darum, dass alles funktioniert."
Hussein blickt auf die Anlage, die im Abendrot zu glühen beginnt. "Ein Kraftwerk sagst Du? Sieht eher aus wie das Kunstwerk irgendeines verrückten Europäers." Karim grinst. "So ganz unrecht hast Du nicht, die Technologie ist tatsächlich in Europa entwickelt worden. Seit einigen Jahren werden solche Anlagen überall in Nordafrika gebaut: Die Spiegel richten sich automatisch nach der Sonne aus. Sie fangen ihre Strahlen ein und konzentrieren sie auf ein Rohr, das mit einem Spezialsalz gefüllt ist. Das wird dann bis zu 600 °C heiß und erzeugt Wasserdampf, der wiederum eine Turbine antreibt, die Strom produziert."
Hussein deutet nach Westen, wo die Sonne gerade verschwindet. "Und was passiert, wenn es dunkel wird?", fragt er. "Das Kraftwerk ist mit Speichern ausgestattet. Die enthalten dasselbe Salz wie in den Rohren", erläutert Karim. "Darin lässt sich genügend Wärme speichern, um auch nachts Strom produzieren zu können."
Der Nomade wirkt nachdenklich. "Aber wozu brauchen wir denn diesen ganzen Strom", will Hussein wissen. "Hier ist doch weit und breit nur Staub und Geröll, und Casablanca ist weit." Karim deutet auf eine riesige Hochspannungsleitung, die von der Anlage nach Norden führt und sich in der Wüste verliert. "Einen Teil nutzen wir hier, um Meerwasser in Trinkwasser zu verwandeln." Hussein nickt – das leuchtet ihm ein
Karim ist in seinem Erklärungsdrang kaum zu bremsen: "Aber eine große Menge verkaufen wir auch zu guten Preisen nach Europa, wo die Länder unabhängiger von Öl, Gas und Kohle werden wollen. Die Energie wird über Stromautobahnen wie diese abtransportiert – das funktioniert wie bei einer Karawane: Der Strom reist über Entfernungen bis zu 3.000 km in die europäischen Lastzentren. 1000kV Gleichspannung ist sehr effektiv – unterwegs geht kaum Strom verloren."
Karim nimmt zufrieden einen Schluck Tee und beobachtet, wie unter ihm die Parabolrinnen den Sonnenuntergang widerspiegeln. "In der Wüste liegt unsere Vergangenheit und auch unsere Zukunft", sinniert er. "Früher haben wir aus ihr Erdöl gepumpt und heute ernten wir dort Sonnenstrom."
Der alte Hussein legt Karim die Hand auf die Schulter. "Die Sonne gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen – das wussten schon unsere Vorfahren", lächelt er und reicht seinem Gast eine warme Decke: "Aber die Nacht kommt schnell. Hier nimm. Trotz Deines riesigen Kraftwerks zitterst Du wie ein krankes Kamel."

Florian Martini