Prof. Hans Müller-Steinhagen(55) leitet seit 2000 das Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Nach seiner Promotion in Verfahrenstechnik arbeitete er sieben Jahre an der University of Auckland in Neuseeland, bevor er Dekan der University of Surrey wurde. Im engen Austausch mit Konstrukteuren und Anlagenbetreibern haben seine Teams die Solarstromerzeugung wesentlich effizienter gemacht. Sein Institut gilt hier als weltweit führend.
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Wann wird solarthermisch produzierter Strom wettbewerbsfähig sein?
Müller-Steinhagen: Das hängt zum einen vom Preis konventioneller Energieträger ab – das Jahr 2008 hat gezeigt, wie volatil dieser sein kann – und zum anderen von den Investitions- und Betriebskosten solarthermischer Anlagen. Mit dem Startschuss für die Desertec Industrial Initiative haben wir die größte Hürde schon genommen. Denn solarthermischer Strom wird billiger, indem wir ihn produzieren. Indem große Unternehmen die Technologie anwenden und weiterentwickeln und Komponenten in großindustriellen Prozessen fertigen, sinken die Kosten. Ich bin zuversichtlich, dass wir in rund 15 Jahren wettbewerbsfähig sein können.
Mit Großprojekten die Welt retten… diese Konzepte haben, etwa beim Dammbau, auch schon zu großen Problemen geführt. Ist dies bei Desertec nicht zu befürchten?
Müller-Steinhagen: Desertec ist zwar im Ganzen betrachtet ein gigantisches Projekt, aber zugleich ist es die Summe vieler überschaubarer Projekte. Zahlreiche Anlagen mit einer Kapazität von jeweils mindestens 50 MW, wie sie heute in Spanien üblich sind, könnten schrittweise ans Netz gehen. Es wird funktionieren, weil zahlreiche Kraftwerke mit bewältigbaren Investitionskosten entstehen und durch geeignete Anreizstrukturen auch gewinnbringend betrieben werden. Planwirtschaft ist das Letzte, was Desertec zum Erfolg bräuchte. Die Infrastruktur, um einen Teil der in Afrika und dem Mittleren Osten produzierten Energie nach Europa zu leiten, umfasst allerdings schon Projekte, die nur sehr große Unternehmen stemmen können – solche, die die Technologie zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung und auch die Projektkompetenz haben. Siemens ist für diese Aufgabe sehr gut aufgestellt.
An welchen Punkten ist noch Forschungsarbeit zu leisten?
Müller-Steinhagen: Wir wollen vor allem den Wirkungsgrad in der Stromproduktion steigern. Kämen wir vom derzeitigen Wirkungsgrad, der im Schnitt bei 15 % liegt, auf 20 %, dann ließe sich ein Drittel der Spiegelfläche einsparen. Dazu muss man wissen, dass die Kollektoren immerhin fast die Hälfte der gesamten Investitionskosten ausmachen. Wir experimentieren zudem mit Direktverdampfung: In den Receiverrohren befindet sich Wasser, das als Dampf direkt zur Turbine geleitet werden kann. Gemeinsam mit Siemens haben wir für diesen Zweck an Flüssigkeitsabscheidern gearbeitet. Auch lassen sich bei künftigen Energiespeichern durch andere Speichermedien Verluste minimieren. Schrauben wir an vielen Stellen die Effizienz hoch – und sei es um nur je einen Prozentpunkt –, so kumulieren sich die Effekte über die Laufzeit der Anlagen zu erheblichen Beträgen. Das DLR arbeitet daher an vielen Punkten eng mit Siemens zusammen, um die Solarthermie-Kraftwerke der Zukunft schon morgen zu bauen, nicht erst übermorgen.
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