Go to content

SIEMENS

Research & Development
Technology Press and Innovation Communications

Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Dr. Ulrich Eberl
Herr Florian Martini
  • Wittelsbacherplatz 2
  • 80333 Munich
  • Germany
Image
"Die Summe vieler überschaubarer Projekte"
Image

Prof. Hans Müller-Steinhagen(55) leitet seit 2000 das Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Nach seiner Promotion in Verfahrenstechnik arbeitete er sieben Jahre an der University of Auckland in Neuseeland, bevor er Dekan der University of Surrey wurde. Im engen Austausch mit Konstrukteuren und Anlagenbetreibern haben seine Teams die Solarstromerzeugung wesentlich effizienter gemacht. Sein Institut gilt hier als weltweit führend.

Wann wird solarthermisch produzierter Strom wettbewerbsfähig sein?

Müller-Steinhagen: Das hängt zum einen vom Preis konventioneller Energieträger ab – das Jahr 2008 hat gezeigt, wie volatil dieser sein kann – und zum anderen von den Investitions- und Betriebskosten solarthermischer Anlagen. Mit dem Startschuss für die Desertec Industrial Initiative haben wir die größte Hürde schon genommen. Denn solarthermischer Strom wird billiger, indem wir ihn produzieren. Indem große Unternehmen die Technologie anwenden und weiterentwickeln und Komponenten in großindustriellen Prozessen fertigen, sinken die Kosten. Ich bin zuversichtlich, dass wir in rund 15 Jahren wettbewerbsfähig sein können.

Mit Großprojekten die Welt retten… diese Konzepte haben, etwa beim Dammbau, auch schon zu großen Problemen geführt. Ist dies bei Desertec nicht zu befürchten?

Müller-Steinhagen: Desertec ist zwar im Ganzen betrachtet ein gigantisches Projekt, aber zugleich ist es die Summe vieler überschaubarer Projekte. Zahlreiche Anlagen mit einer Kapazität von jeweils mindestens 50 MW, wie sie heute in Spanien üblich sind, könnten schrittweise ans Netz gehen. Es wird funktionieren, weil zahlreiche Kraftwerke mit bewältigbaren Investitionskosten entstehen und durch geeignete Anreizstrukturen auch gewinnbringend betrieben werden. Planwirtschaft ist das Letzte, was Desertec zum Erfolg bräuchte. Die Infrastruktur, um einen Teil der in Afrika und dem Mittleren Osten produzierten Energie nach Europa zu leiten, umfasst allerdings schon Projekte, die nur sehr große Unternehmen stemmen können – solche, die die Technologie zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung und auch die Projektkompetenz haben. Siemens ist für diese Aufgabe sehr gut aufgestellt.

An welchen Punkten ist noch Forschungsarbeit zu leisten?

Müller-Steinhagen: Wir wollen vor allem den Wirkungsgrad in der Stromproduktion steigern. Kämen wir vom derzeitigen Wirkungsgrad, der im Schnitt bei 15 % liegt, auf 20 %, dann ließe sich ein Drittel der Spiegelfläche einsparen. Dazu muss man wissen, dass die Kollektoren immerhin fast die Hälfte der gesamten Investitionskosten ausmachen. Wir experimentieren zudem mit Direktverdampfung: In den Receiverrohren befindet sich Wasser, das als Dampf direkt zur Turbine geleitet werden kann. Gemeinsam mit Siemens haben wir für diesen Zweck an Flüssigkeitsabscheidern gearbeitet. Auch lassen sich bei künftigen Energiespeichern durch andere Speichermedien Verluste minimieren. Schrauben wir an vielen Stellen die Effizienz hoch – und sei es um nur je einen Prozentpunkt –, so kumulieren sich die Effekte über die Laufzeit der Anlagen zu erheblichen Beträgen. Das DLR arbeitet daher an vielen Punkten eng mit Siemens zusammen, um die Solarthermie-Kraftwerke der Zukunft schon morgen zu bauen, nicht erst übermorgen.

Das Interview führte Andreas Kleinschmidt

Viele Wege zur Sonnenenergie

Image open

Das Grundprinzip der solarthermischen Stromerzeugung (Concentrated Solar Power, CSP) ist einfach: Die Energie der Sonne erhitzt – direkt oder indirekt – Wasser. Dieses verdampft, und der Dampf treibt eine Turbine an, deren Bewegung in einem Generator in Strom umgesetzt wird. Die großen Dampfturbinen bei Kohlekraftwerken nutzen heute Temperaturen von über 600 Grad und Drücke bis zu 285 bar – damit lassen sich Wirkungsgrade bis zu 46 Prozent erzielen. Demgegenüber haben CSP-Anlagen deutlich geringere Dampfparameter und Leistungen, daher kommen hier kleinere Dampfturbinen, wie die Siemens SST-700, zum Einsatz. Zudem müssen viele CSP-Kraftwerke – vor allem die ohne Wärmespeicher – mit den ersten Sonnenstrahlen schnell anfahren; das erfordert hochgradig flexible Turbinen. Und noch einen weiteren, wichtigen Unterschied gibt es zu Kohlekraftwerken: Die Stromerzeugung in CSP-Anlagen ist CO2-frei. In allen CSP-Anlagen wird die Energie der Sonne durch Spiegel auf kleiner Fläche gebündelt, um hohe Temperaturen zu erzielen. Die am weitesten verbreitete Technologie nutzt Parabolspiegel. In der Brennlinie der halb offenen Spiegel, die dem Lauf der Sonne nachgeführt werden, ist ein Receiverrohr fixiert. Durch dieses zirkuliert eine Flüssigkeit als Wärmeträgermedium – derzeit meist ein syntheti sches Spezialöl. Es erhitzt sich auf rund 370 Grad Celsius und gibt über ei nen Wärmetau - scher die Hitze an Wasser ab, das verdampft und die Turbine treibt. Eine Alter native zu den Thermoölen stellen Spezialsalze dar, die auf bis zu 550 Grad Celsius erhitzt werden können und damit den Wirkungsgrad der Anlage steigern. Einige Anbieter testen auch die Direktverdampfung: Dabei wird Wasser als Trägermedium in den Receivern genutzt und in einem geschlossenen Kreislauf – ohne Wärmetauscher – als heißer Dampf zur Turbine geleitet. Um auch nachts Strom produzieren zu können, werden viele solarthermische Kraftwerke mit Speichern ausgestattet. Der Wasserdampf kann dabei entweder direkt in wärmeisolierten Druckbehälternaufbewahrt werden, oder es wird ein weiteres Speichermedium eingeführt. Üblich sind derzeit Spezialsalze, die auch in Receiverrohren genutzt werden. Ist Salz zugleich Träger- und Speichermedium, kann im Kraftwerk ein Wärmetauscher ein - gespart werden. Das senkt die Investitionskosten wie auch die Betriebskosten. Turmkraftwerke, eine weitere CSP-Spielart, konzentrieren mit flachen Spiegeln das Sonnenlicht auf wenige Quadratmeter an der Spitze eines Turmes, dessen Höhe oft 100 Meter überschreitet. Damit lassen sich die höchsten Temperaturen erzielen: bis 850 Grad Celsius. Andererseits nimmt mit zunehmender Entfernung der Spiegel vom Turm der Wirkungsgrad ab, sodass Turmkraftwerke nicht beliebig groß ausfallen können. Eine kostensparende Alternative ist die Fresnel-Technologie. Hierbei fokussieren lange Bänder flacher Spiegel – die in der Herstellung günstiger sind als Parabolrinnen – das Sonnenlicht auf ein Receiverrohr, das sich an einem Gestänge über den Spiegelbändern befindet. Die niedrigeren Kosten für die Erstinvestition werden bei Fresnel-Kraftwerken durch einen geringeren Wirkungsgrad erkauft. Experten gehen davon aus, dass der Markt für solarthermische Kraftwerke bis 2015 im zweistelligen Prozentbereich pro Jahr wachsen dürfte. Die verschiedenen Technologien werden so lange voraussichtlich nebeneinander bestehen und weiter ausreifen. Andreas Kleinschmidt

close