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Dr. Ulrich Eberl
Herr Dr. Ulrich Eberl
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Dr. Ulrich Eberl
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Werte in der
virtuellen Welt
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Jaron Lanier (49) war einer der ersten, der den Begriff "virtuelle Realität" prägte und populär machte. 2006 erhielt er die Ehrendoktorwürde des New Jersey Institute of Technology, 2009 den IEEE Virtual Reality Career Award. Seit langem spielt er eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Technologien, wie Nutzer in simulierte Umgebungen eintauchen können und wie sich ihre Mimik in Echtzeit detektieren und auf Avatare übertragen lässt. Derzeit arbeitet er mit Kollegen bei Microsoft an noch geheimen neuen Projekten.

Welche großen Trends treiben die Umsetzung von virtuellen Realitäten (VR) voran?

Lanier: Das Mooresche Gesetz und die Materialwissenschaft. Was das erstere betrifft, sind sehr gute 3D-Computergrafiken inzwischen üblich. Sie übertreffen alles, was noch vor wenigen Jahren viele Millionen Dollar kostete. Billige, schnelle Rechenleistung ist die Triebkraft dieser Entwicklung. Die Materialwissenschaft bringt uns leistungsfähigere Chips, Sensoren, Aktoren, Displays und bessere optische Geräte. Und diese verschaffen uns wunderbare neue Erfahrungsmöglichkeiten in der virtuellen Welt.

Zum Beispiel?

Lanier: Etwa eine bessere Sensorik, mit der sich alle Details menschlicher Mimik in 3D abbilden lassen. Damit können wir die Mimik eines Menschen auf seinen Avatar in der virtuellen Welt projizieren – entweder durch realistische Telepräsenz oder über Fantasiewelten, in denen er eine andere Gestalt annimmt. Das ist insofern von großer Wichtigkeit, als im Verlauf der menschlichen Evolution die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht zu einem entscheidenden Überlebensfaktor geworden ist. Wir reagieren beispielsweise sehr stark auf Veränderungen von Mund- und Augenform. Die Mimikerfassung ist also wichtig, um diese Kommunikation auch in VR zu erreichen.

Ließe sich dadurch auch die Zahl der Reisen reduzieren?

Lanier: Etwa ein Fünftel der CO2-Produktion der Menschheit wird durch den Transport von Menschen und Gütern verursacht. Kommunikationstechniken könnten – zumindest hypothetisch – einige Wege überflüssig machen. Doch auch Telefon, E-Mail, Internet und die Video-Konferenztechnik haben dies nicht geschafft. Die Frage ist also: Ließe sich dieses Ziel erreichen, wenn es eine befriedigendere Art der Kommunikation gäbe? Ich denke ja. Die Verringerung unseres CO2-Footprints könnte in der Tat beispielsweise davon abhängen, wie gut ein Algorithmus den Augenwinkel einer Person abtasten kann. Grob gesagt schätze ich, dass Top-Dienstleistungen auf diesem Gebiet die weltweite CO2-Produktion in zehn bis 15 Jahren um ein Zehntel verringern könnten.

Wäre nicht ein haptisches Erlebnis mit dem ganzen Körper die Krönung dieser VR-Technologie?

Lanier: Das wäre faszinierend. Wir hätten Zugang zu kognitiven Kräften, die wohl angeboren sind – so finden zum Beispiel die Hände harmonisch richtige Bewegungsabläufe auf dem Klavier, ohne dass der Spieler darüber nachdenken muss. Mit Hilfe von Ganzkörperhaptik könnten wir Strukturen erforschen und virtuell erleben, die wir noch nicht einmal sehen können.

Wird das Eintauchen in virtuelle Welten irgendwann eine Verbindung von Gehirn und Computer erfordern?

Lanier: Ich sehe Menschen als sakrosankte Subjekte der Erfahrung, deren Würde unter allen Umständen gewahrt werden muss. Der Gedanke an eine Welt, in der Software direkt ans Gehirn angeschlossen wird, ist schon ziemlich unheimlich. Denn dadurch ließen sich Machtkonstellationen schaffen, bei denen einige Menschen transpersonale Phänomene steuern könnten, während andere machtlos zusehen müssten. Ich finde, den Kern der Persönlichkeit sollte man deshalb lieber nicht antasten.

Welchen Einfluss hat die virtuelle Welt auf unsere Persönlichkeit?

Lanier: Es gibt in der Natur einen großartigen Prozess namens Neotenie, der die dauerhafte Beibehaltung jugendlicher Strukturen beschreibt. Blickt man auf die Geschichte der Menschheit, stellt man fest, dass die Kindheit immer länger wird, je erfolgreicher wir werden. Die virtuelle Welt kann uns helfen, Träume wahr werden zu lassen. Kinder springen zwischen ihrer Fantasie und der realen Welt. Doch wenn sie sich eine Umgebung aufbauen, die so flexibel wie die Vorstellungskraft ist, können sie – und auch Erwachsene – Fantasie in diese neue Welt einbringen, die sie mit anderen teilen. Ich denke, dieser Prozess hat bereits begonnen. Für mich beschleunigt VR die Neotenie.

Wie könnte die virtuelle Welt die Arbeitswelt verändern?

Lanier: Eine komplexe Frage – schließlich gibt es viele verschiedene Arten von Arbeit. In meiner Vision wird die virtuelle Welt zu einem Ort, an dem jeder seiner Persönlichkeit entsprechend erfolgreich sein kann. Das wäre eine wunderbare Zukunft für die Menschheit. Wenn sich in den letzten Jahrhunderten eine Technologie verbesserte, gingen jedes Mal Arbeitsplätze verloren und neue wurden geschaffen. Diese neuen Arbeitsplätze wahren die Würde des Menschen normalerweise mehr und sind angenehmer als die alten. Deshalb ist die Frage der menschlichen Würde auch in Zukunft die einzig wichtige. Denn um nichts anderes geht es bei der Entwicklung von Technologien.

Das Interview führte Arthur F. Pease