Ein Wirtschaftsunternehmen wie die Siemens AG betreibt Unternehmensgeschichte und Traditionspflege weder aus altruistischen Motiven noch aus reiner Liebe zur Wissenschaft. Bereits 1907 erkannte der zweite Sohn des Firmengründers und damalige „Chef des Hauses“, Wilhelm von Siemens (1855–1919), das Potenzial der eigenen Historie und veranlasste zum 60. Firmenjubiläum die Gründung des Siemens-Archivs in Berlin. Zu diesem Zeitpunkt existierte in Deutschland lediglich das Unternehmensarchiv bei Krupp in Essen.
Neun Jahre später – anlässlich des 100. Geburtstags Werner von Siemens – folgte die Gründung des Siemens Museums, dem ersten Firmenmuseum Deutschlands. 1922 wurden Archiv und Museum organisatorisch zusammengefasst.
Lange Jahre waren die Archivmitarbeiter vor allem damit beschäftigt, die Akten und gedruckten Dokumente von und über Siemens zusammenzuführen und das zur Dokumentation der Unternehmensgeschichte wesentliche Quellenmaterial inhaltlich zu erschließen. Dank dieser Grundlagenarbeit konnten bereits ab den 1920er Jahren erste Publikationen zur Unternehmensgründung und -entwicklung veröffentlicht werden.
Während des Zweiten Weltkriegs kam es zu großen Schäden und Verlusten an dem umfangreichen Archivgut. Entsprechend konzentrierten sich die Aktivitäten des Siemens-Archivs in den ersten Nachkriegsjahren vor allem darauf, die durch Aktenverlagerungen und Beschlagnahmungen weit verstreuten Bestände wieder zusammenzuführen. Diese Tätigkeit war bis 1954 weitgehend abgeschlossen. Noch im selben Jahr zog das Siemens-Archiv von Berlin nach München, wo sich bereits seit 1949 der Firmensitz der Siemens & Halske AG befand.
Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten konnte verloren geglaubtes Archivgut in größerem Umfang zurück erworben werden: Das deutsche Zentralarchiv Potsdam verwahrte in seiner Außenstelle Schloss Dornburg bei Magdeburg rund 700 Regalmeter Akten, die 1945 von sowjetischen Dienststellen mitgenommen, später nach Moskau verbracht und schließlich an die Archivbehörden der DDR ausgehändigt worden waren.
Ab Mitte der 1990er Jahre vollzog das Siemens-Archiv den Funktionswandel zum professionellen Informationsdienstleister für rechtlich und historisch relevante Informationen zur Geschäftstätigkeit von Siemens. Neue Herausforderungen wie die elektronische Erschließung und digitale Langzeitarchivierung von Dokumenten, die Professionalisierung und Standardisierung archivischer Kernaufgaben, die zunehmende Kunden- und Serviceorientierung und damit einhergehende stärkere Profilierung innerhalb des Unternehmens haben Aufgaben und Ziele der Archivmitarbeiter stark verändert.
Zusätzlich wurde dem Konzernarchiv die Richtlinienkompetenz, Beratungs- und Kontrollfunktion für die dezentralen historischen Archiveinrichtungen bei Siemens übertragen und der Name in „Corporate Archives“ geändert.
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