SIMATIC-Bauteil, 1959
Erlangen, um 1956: Ein kleines Team von Fachleuten wird in den Siemens-Schuckertwerken zusammengestellt. Sie sollen herausfinden, was die kurz zuvor erfundenen Transistoren im Hinblick auf die Energieversorgung bewirken können. Die Gruppe hat alle Freiheiten, und sie entwickelt völlig Neues. 1959 präsentiert Siemens auf der Werkzeugmaschinen-Ausstellung in Paris stolz die erste Generation eines „Baukastensystems für kontaktlose Steuerungen“: die SIMATIC G. Ob ein Aufzug per Knopfdruck gerufen wird oder eine Werkzeugmaschine ihre Arbeit nach Programm erledigt – stets sind Steuerungen im Einsatz. In konventionellen elektromechanischen Systemen dienten Relais und Schütze als Schaltelemente. Bei der SIMATIC G übernahmen das Transistoren (daher der Ausdruck „kontaktlos“: Elektronik tritt an die Stelle von Relais-Kontakten). Die neuen Transistoren waren klein und verschleißfrei. Daher kam die SIMATIC G zuerst vor allem dort zum Einsatz, wo besonders zuverlässige Steuerelemente gefragt sind: in Umspann- und Kraftwerken.
Gute Überzeugungsarbeit bei der Einführung der SIMATIC leistete der Anfang der 1960er Jahre entwickelte Lichtbogenschutz: Siemens rüstete zahlreiche Umspannwerke damit aus, denn dort traten häufig Lichtbogen-Kurzschlüsse auf, ausgelöst durch eine falsche Bedienung oder durch Überspannungen nach Blitzeinschlag. Die Schäden waren verheerend und bewirkten lange Stromausfälle. Lichtbogenlöscher sollten den auftretenden Lichtbogen innerhalb von Millisekunden in einen ungefährlichen Kurzschluss überführen, was mit der kurzen Schaltzeit der SIMATIC G auch gelang.
Anfang der 1970er Jahre begann die Ära der speicherprogrammierbaren Steuerungen. Ihre Funktionen wurden nicht mehr über Hardware-Verdrahtungen bestimmt, sondern durch Software, was das Programmieren wesentlich erleichterte. Gleichzeitig stieg die Rechenleistung rasant an: Eine SIMATIC-N-Baugruppe von 1965 verfügte über 20 Transistorfunktionen und damit über 15 Anweisungen – bei der S5-Baugruppe von 1988 waren es schon etwa vier Millionen Transistorfunktionen und 32.000 Anweisungen. Dies führte dazu, dass die SIMATIC nicht mehr nur Steuerungsfunktionen, sondern auch übergeordnete Aufgaben übernehmen konnte.
Mit den S5-Systemen, die ab 1979 auf den Markt kamen und die Aufgaben Automatisieren, Programmieren und Dokumentieren übernahmen, verfünffachte sich der Absatz innerhalb von zwei Jahren. Bald darauf hatten die ersten sogenannten Bussysteme – unerlässlich für den Austausch von Daten und Befehlen – ihren Auftritt. Sie schlossen viele Einzelsteuerungen zu einem leistungsfähigen Datenverbund zusammen. So entwickelte sich die SIMATIC in den 1990er Jahren zum Kern eines Prozessleit- und Managementsystems, das von der Signalebene bis zum Leitstand-Terminal alle Automatisierungsaufgaben abdeckt.
Insgesamt folgten der ursprünglichen SIMATIC G bis heute fünf weitere Generationen mit stetig zunehmendem Funktionsumfang. War die erste Generation noch ganz auf die Steuerungstechnik ausgerichtet, löst das aktuelle SIMATIC-S7-System mit dem darauf aufbauenden und bereits 1996 vorgestellten Konzept der Totally Integrated Automation (TIA) fast alle denkbaren Aufgaben der Industrieautomatisierung – ob im Kraftwerk, im Klärwerk, bei der Verkehrstechnik oder in Fertigungsanlagen. Das 2009 eingeführte TIA-Portal ermöglicht dabei den einheitlichen Zugriff auf alle Automatisierungs-aufgaben.
Gekürzte Version des Beitrags von Luitgard Marschall; in: Pictures of the Future, Frühjahr 2005
Zum Weiterlesen
Heinz Eisenbeiss, 50 Jahre Simatic – eine kleine Geschichte der Zeit; in: IT&Produktion, Zeitschrift für industrielle Informationstechnologie, Ausgabe HMI-Special 2008, S. 53–57
Rolf Hahn, Simatic Erfolg mit System. Vom Transistor zur Totally Integrated Automation, München 2001
Arnold Zankl, Meilensteine der Automatisierung. Vom Transistor zur Digitalen Fabrik.
Erlangen 2006