Blick auf Siemensstadt, um 1925
Nachdem Siemens innerhalb des Berliner Stadtgebiets keine Expansionsmöglichkeiten mehr sah, entschloss sich die Unternehmensleitung, die verstreuten Fabrikanlagen und die Verwaltungseinheiten außerhalb der Stadt zu konzentrieren. Nach eingehender Prüfung fiel die Wahl auf die Nonnenwiesen, eine entlegene Gegend nördlich der Spree zwischen Charlottenburg und Spandau. Hier wurden ab 1897 über 200 Hektar Baugrund erworben. In der Folgezeit entstanden zusätzlich zu den Fabrikanlagen auch Verkehrsinfrastruktur sowie soziale Einrichtungen und Wohngebiete. Die Bebauung des seit Jahresbeginn 1914 offiziell als „Siemensstadt“ bezeichneten Areals war bis zu den 1930er Jahren im Wesentlichen abgeschlossen.
Mit den Gebäudeplanungen war Karl Janisch beauftragt worden, der der Siemensstadt bis zum Ersten Weltkrieg ihr unverwechselbares Gesicht geben sollte. Als Ingenieur und Architekt errichtete er Zweckbauten, die eine effektive und effiziente Fertigung ermöglichten. Je nach Bedarf waren die einzelnen Bauten flexibel zu nutzen und konnten problemlos erweitert werden. Für sein Konzept funktionaler, kostengünstiger, sozial verträglicher und über Jahrzehnte erweiterungsfähiger Werksanlagen hatte Janisch extra produktionstechnische Abläufe in den USA studiert. Ihm zur Seite stand als projektierender Ingenieur anfangs Carl Dihlmann, Planungschef – und einer der vehementesten Befürworter des neuen Produktionsstandorts.
Die Siemensstadt erhielt durch die von Janisch errichteten Gebäude ihren geschlossenen, noch heute prägenden Charakter. Zusätzlich zu reinen Produktionsstätten wie dem Kabelwerk Westend (1898), Wernerwerk I (1903), Kleinbauwerk (1905), Dynamowerk (1906), Automobilwerk (1906), Eisengießerei (1907) sowie dem Wernerwerk II (1914) und dem Chemisch-Physikalischen Laboratorium (1906), gehört die zwischen 1909 und 1913 errichtete Hauptverwaltung am Nonnendamm/Rohrdamm zu den markantesten Bauwerken. An diesem Gebäude arbeitete bereits Janischs Nachfolger Hans Hertlein mit. Es trägt unverkennbar die Züge dessen konservativer erster Schaffensphase, dem sogenannten Heimatschutz-Stil.
Der dynamische Hertlein genoss die besondere Wertschätzung des „Chefs des Hauses Siemens“, Carl Friedrich von Siemens. Ab Mitte der 1920er Jahre prägte Hertleins architektonische Handschrift, die sich an den fortschrittlichen Gestaltungsmodellen der Zeit orientierte, das Erscheinungsbild der Siemensstadt. Ein augenfälliges Beispiel für diesen „Siemens-Hertlein-Stil“ ist der Schaltwerk-Hochbau (1928), den die Fachwelt zum „Symbol der Moderne“ erklärte. Ein weiterer prägender Bau ist der „Wernerwerk“-Hochbau (1930). Dieser Funktionsbau war von kühler, nüchterner Zweckmäßigkeit und setzte in seiner großzügigen, kubischen Monumentalität einen beherrschenden Akzent.
Angesichts dieser Leistungen gelten Karl Janisch und Hans Hertlein noch heute als Väter der Corporate Architecture von Siemens.
29. Dezember 2012 – Dr. Frank Wittendorfer
Zum Weiterlesen
Wolfgang Ribbe / Wolfgang Schäche, Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985