Anfang der 1970er Jahre beschleunigt sich der Übergang von der Analog- zur Digitaltechnik in allen Bereichen der Elektrotechnik enorm. Im Zuge der Digitalisierung werden immer größere Speicherkapazitäten benötigt, um Programme und Daten verarbeiten zu können. Der Chipmarkt explodiert: Alle drei Jahre vervierfacht sich die Speicherfähigkeit der Chips und eine neue, leistungsfähigere und dennoch billigere Chipgeneration kommt auf einen ebenso dynamisch wachsenden Markt. 1984 ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass die ersten Megabit-Chips hergestellt werden können – das sind Chips, die über eine Million binäre Speicherzellen verfügen und ca. 64 Textseiten abspeichern können.
Zu dieser Zeit befindet sich die europäische Mikroelektronik-Industrie allerdings gut zwei Jahre hinter der japanischen und amerikanischen Konkurrenz. Diese Tatsache soll sich durch das MEGA-Projekt ändern: Innerhalb von fünf Jahren wollen Siemens und Philips mit vereinten Kräften und staatlicher Unterstützung zur Weltspitze aufschließen. Das Ziel bei Siemens: die Produktion von Speicherchips, die vier Millionen Bit speichern, sogenannte 4-Mbit-DRAM (Dynamic Random Access Memory; Schreib-Lese-Speicher).
Um dieses Ziel erreichen zu können, verordnet sich Siemens einen Paradigmen-Wechsel: Erstmals wird der Weg der seriellen Planung: Forschung – Entwicklung – Fertigung verlassen und eine Fabrik für Produkte geplant, die sich noch nicht einmal in der Entwicklung befinden. Diese parallele Netzplanung ist angesichts eines äußerst dynamischen und von Preiskämpfen dominierten Markts, der ein enormes Risiko birgt, auch dringend notwendig: Denn bei beständig steigenden Forschungsaufwendungen fallen die Preise für die jeweilige Chip-Generation innerhalb von nur zwei Jahren auf ein Zehntel des ursprünglichen Werts. Selbst kleine Verzögerungen können enorme finanzielle Verluste nach sich ziehen. So warnt denn auch Helmut Lohr, damaliger Vorstandsvorsitzender bei SEL, am erbitterten Preiskampf zwischen Amerikanern und Japanern teilzunehmen und empfiehlt stattdessen, Speicher-Chips weltweit billigst einzukaufen.
Bei Siemens ist man anderer Meinung: Bereits unter dem Vorstandsvorsitzenden Bernhard Plettner hat sich Siemens in den 1970er Jahren vom Energie- zum Elektronik-Konzern gewandelt. Sein Nachfolger Karlheinz Kaske treibt ab 1980 die Entwicklung in Richtung Mikroelektronik konsequent weiter voran. Hinter dieser Ausrichtung steht die strategische Vorstellung, dass nur ein Unternehmen, das über die besten Chips verfügt, auch die besten Geräte an den Markt bringen könne. Außerdem betrachtet man die Entwicklung der Speicherchips lediglich als Türöffner zur Entwicklung der viel interessanteren Prozessor-Technologie, die als Kernkompetenz im Hause behalten und entwickelt werden soll. Entsprechend wird am 6. Februar 1984 das MEGA-Projekt einstimmig im Vorstand verabschiedet. Wichtige Kernpunkte des Programms: Konzentration der Entwicklungsarbeit und Bau zweier Entwicklungshallen für den 1- und den 4-Mbit-Chip im Forschungszentrum München-Perlach, Aufbau von Produktionskapazitäten in Regensburg, Einstellung von mehr als 100 zusätzlichen Ingenieuren. Insgesamt sollen 1,4 Milliarden DM innerhalb von fünf Jahren investiert werden.
Der erste Meilenstein wird 1987 erreicht: Siemens gelingt es, in Kooperation mit Toshiba als erstem Unternehmen der westlichen Welt, die Serienproduktion von 1-Mbit-Chips in Regensburg aufzunehmen. Die neuen Chips verkaufen sich ausgezeichnet. Diese Kooperation ist natürlich nicht unumstritten, wollten die Europäer doch ursprünglich die Entwicklung aus eigener Kraft vorantreiben. Doch im Jahr davor ist der Markt der Mikroelektronik drastisch eingebrochen und damit noch härter geworden, der Wettlauf hat sich beschleunigt.
Nach vielfältigen Schwierigkeiten gelangt man schließlich im Sommer 1988 – noch vor dem selbst gesteckten Zeitplan – ans Ziel, das Labormuster des 4-Mbit-Chips. Stolz berichten die „Siemens Mitteilungen“: „Bei einer bayerischen Brotzeit versammelten sich im Dezember rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MEGA-Projekts am Standort München Perlach. […] Zu feiern gab es den erfolgreichen Abschluß des MEGA-Projektes und damit den Anschluß an die weltweite Konkurrenz auf dem Gebiet der Mikroelektronik-Technologie.“ Allerdings kann die Serienfertigung erst Ende 1989 beginnen; ein Jahr nach der japanischen Konkurrenz.
Dennoch zieht Hans Günter Danielmeyer, damaliger Forschungsvorstand, noch im gleichen Jahr eine positive Bilanz: Das MEGA-Projekt markiert den Beginn einer völlig neuen Zusammenarbeit zwischen Forschung, Entwicklung und Produktion. Durch die Triebkraft des Marktes und immer kürzere Produktionszyklen wird die Kooperation zwischen den beteiligten Mitarbeitern immer wichtiger, Fachkompetenz allein genügt nicht mehr. Nur in der engen Verzahnung kann es gelingen, auf die rasch wechselnden Anforderungen der Kunden zeitnah zu reagieren und gleichzeitig die Kosten zu reduzieren. Somit hat das MEGA-Projekt – abgesehen von den technologischen Fortschritten – Modellcharakter für die weitere Entwicklung bei Siemens.
14. Mai 2012 – Dr. Franz Hebestreit
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50 Jahre Zukunft. Der Weg vom Regensburger Siemens Bauelementewerk zum Innovationsstandort der Infineon Technologies AG, hrsg. v. Gerd Otto, Kurt Rümmerle, Hermann Jacobs. Regensburg 2009