Am 8. April 2013 ist es wieder soweit: In Hannover startet die größte Industriemesse der Welt. Die Aufbauarbeiten am Siemens-Hauptstand in Halle 9 sind in vollem Gange. Bereits seit 1947 zählt das Unternehmen zu den Ausstellern der anfangs als „Exportmesse“ bezeichneten Veranstaltung. Hier erfahren Sie, wie sich der Siemens-Messeauftritt in den vergangenen 66 Jahren verändert hat.
Auf Initiative der britischen Militärregierung findet vom
18. August bis 7. September 1947 in Hannover die erste Exportmesse (seit 1961 Hannover Messe) statt. Knapp 1300 ausschließlich deutsche Aussteller – unter ihnen auch das Haus Siemens – verteilen sich auf insgesamt fünf Hallen. Angesichts begrenzter finanzieller Mittel und in Ermangelung geeigneter Materialien beschränkt sich der Siemens-Messeauftritt auf eine schlichte Aneinanderreihung der ausgestellten Einzelprodukte.
Die ersten Exportmessen in Hannover sind von den spezifischen Rahmenbedingungen der Nachkriegszeit geprägt. Die Messebesucher haben einen klaren Fokus – sie „interessiert allgemein nur, was es wieder gibt, und dazu genügt die reine Produktdarbietung in einfachster Form.“ Entsprechend schlicht ist der Siemens-Stand: Auf rund 200 Quadratmetern zeigen die einzelnen Werke in Halle 4 ihr Lieferprogramm. Hinsichtlich der Präsentation wird in einer zeitgenössischen Quelle beklagt, dass der Stand „mit Geräten sehr überladen [war], eine jede Abteilung wollte möglichst jedes lieferbare Gerät ausstellen. Es galt ja neue Exportaufträge hereinzuholen.“ Der Messestand habe die Anmutung eines „Warenlagers“.
Schnell entwickelt sich die Messe zum Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. 1950 beteiligen sich erstmals auch ausländische Aussteller an der in „Deutsche Industrie-Messe" umbenannten Veranstaltung. Ab 1951 befindet sich der hufeisenförmige Siemens-Stand in der sogenannten Europahalle (Halle 9). Aus Platzgründen wird der neugestaltete, nunmehr 500 Quadratmeter umfassende Stand im hinteren Teil aufgestockt. In den oberen Räumen befinden sich Garderobe und Küche sowie die Empfangs- und Besprechungszimmer. Nach der Devise „Licht lockt Leute“ sind Leuchtstoffröhren das beherrschende Gestaltungselement.
1954 wird die fünf Jahre zuvor eingeführte Teilung der Messe in eine Konsumgüter- und eine Investitionsgüterschau rückgängig gemacht. Dank dieser Entscheidung ist Siemens wieder umfassend in Hannover vertreten; allein die Fläche des Hauptstands umfasst mittlerweile 700 Quadratmeter. Weitere Erzeugnisse wie Haushalts- oder Rundfunkgeräte werden auf separaten Ständen in anderen Messehallen und im Freigelände gezeigt. Doch nicht nur hinsichtlich der Ausstellungsfläche gibt es kontinuierlich Veränderungen: Auch die Standgestaltung selbst wandelt sich von einer bloßen Aneinanderreihung einzelner Produkte hin zur Präsentation ganzer Produktgruppen.
Angesichts der zunehmenden Komplexität des Produktionsspektrums gehen die Messeverantwortlichen in Abstimmung mit den Werken und Vertriebsabteilungen dazu über, bei der Konzeption des Hauptstands jährlich wechselnde Schwerpunktthemen zu bilden. An den Messetagen runden Fachvorträge die Präsentation des jeweiligen Themas, das zunächst nicht extern kommuniziert wird, ab. Den Auftakt macht 1955 das Thema „Energie – Kraftwerksbau“.
1958 belegt Siemens gut 4200 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Allein der Hauptstand, der sich jetzt in Halle 13 befindet, umfasst 1400 Quadratmeter. Wie jedes Jahr wird die Messe von zahlreichen Siemens-Führungskräften und Politikern besucht. Die Abbildung zeigt den damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard auf seinem Messerundgang.
Beeinflusst von der zunehmenden Dynamik der Märkte, dem wachsenden Informationsbedürfnis der Kunden sowie den Trends im Ausstellungs- und Messedesign wird der Auftritt von Siemens beständig weiterentwickelt: Leistung, Qualität und Nutzen der immer komplexeren technischen Anlagen lassen sich nicht länger durch das Ausstellen einzelner Erzeugnisse und Systemkomponenten vermitteln. Stattdessen treten Funktionserklärungen zu den präsentierten Technologien, Produkten und Systemen mit Hilfe von Grafiken, kombinierten Film- und Dia-Schauen oder Lichtbildvorträgen in den Vordergrund.
1961 konzipieren die Messeverantwortlichen erstmals eine sogenannte Sonderschau: Unter dem Motto „Elektronik in der Organisation“ wird auf dem Hauptstand in Halle 13 live demonstriert, wie selbstständige Datenerfassungs-, -übertragungs- und -verarbeitungssysteme für die Rationalisierung kaufmännischer Prozesse zu einer übergeordneten Großanlage zusammengeschaltet werden können. Die innovative Präsentation stößt in den Medien wie auch beim Messepublikum auf unerwartet große Resonanz. Angesichts dieses Erfolgs entwickeln sich die Sonderschauen schnell zum integralen Bestandteil des Siemens-Auftritts auf der weltgrößten Industriemesse.
Im weiteren Verlauf der 1960er Jahre stehen vor allem Lösungen für die Automatisierung von Arbeits- und Informationsprozessen in Industrie und Verwaltung im Mittelpunkt der Sonderschauen. Im Schnitt sind damals rund 250 Personen mit dem Aufbau, der Inbetriebnahme und Vorführung der ausgestellten Anlagen und Systeme sowie der Betreuung der Messestände in Hannover beschäftigt.
Anfang der 1970er Jahre belegen die Siemens-Stände auf der Hannover Messe knapp 7200 Quadratmeter Fläche. Das inhaltliche und gestalterische Konzept des Messeauftritts ist grundlegend überarbeitet. Über den als „Terrassenlandschaft“ mit unterschiedlichen Ausstellungs- und Besprechungsebenen angelegten Hauptstand in Halle 11 (ehemals 13) urteilt die Mitarbeiterzeitschrift: „Was hier die Architekten […] erdacht hatten, war kein nüchterner Messestand mehr, sondern eine Art Riesen-Boutique für die Technik“.
Etwa zu jener Zeit geraten die Messeaktivitäten des Hauses vor dem Hintergrund einer angespannten Geschäftslage in die Diskussion. Eine von Siemens in Auftrag gegebene Studie zur Relevanz von Messen für das B2B-Geschäft zeigt jedoch deutlich, dass für die Imageprofilierung des größten deutschen Elektrounternehmens kein Weg an einer Präsenz auf den zentralen internationalen Investitionsgütermessen vorbeiführt. Unter konkretem Bezug auf die Hannover Messe wird in einem Bericht an den Siemens-Vorstand Ende 1974 konstatiert: „Würden wir sie streichen, hätten wir die Möglichkeit verloren, das Unternehmen und seine Bedeutung als Marktführer zu präsentieren und könnten damit u. a. die Informationserwartungen unserer Kunden nicht erfüllen.“
Um sicherzustellen, dass die einzelnen Messeauftritte dem Corporate Design des Hauses entsprechen, werden 1975 erstmals verbindliche Richtlinien zur Messe- und Ausstellungsgestaltung veröffentlicht. Diese enthalten unter anderem konkrete Vorgaben, mit welchen Materialien und in welchen Farben Messestände zu realisieren sind. Auch die räumliche Gliederung eines Stands wird geregelt. Das Messedesign sollte in aktualisierter Form bis Anfang der 1980er Jahre Anwendung finden.
Im Rahmen der Sonderschau „Impulse für Wachstum – Innovationen von Siemens“ werden 1981 zusätzlich zu allgemeinen technologischen Trends und Entwicklungen auf den Feldern Energie, Kommunikation und Information, Elektronik sowie Gesundheit erstmals die gesellschaftspolitischen Folgen des Fortschritts thematisiert. Die Schau in Halle 11 wird von rund 100.000 Personen besucht. Auch die Podiumsdiskussionen zum Thema „Technischer Fortschritt zwischen Vertrauen und Skepsis“ stoßen bei den Besuchern auf großes Interesse.
1985 stellt Siemens zum letzten Mal Produkte und Lösungen aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik auf der Hannover Messe vor. Ab 1986 ist die Messe zweigeteilt – die CeBIT (Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation) wird selbstständig. Auf der Hannover Messe Industrie stehen fortan die Energie-, Produktions- und Anlagentechnik im Mittelpunkt.
Nach mehrjähriger Vorarbeit wird in den 1990er Jahren ein Corporate Design verabschiedet, das einen weltweit konsistenten, einheitlichen und gestalterisch anspruchsvollen Gesamtauftritt der Siemens AG sicherstellen soll. Auf der Hannover Messe 1995 kommt das neue Messekonzept „mit leichtem, transparentem, durchgängigen, aber erkennbar branchenorientierten Erscheinungsbild“ erstmals zur Anwendung. Da die Industriemesse parallel zum Weltklimagipfel in Berlin stattfindet, bilden die Themen Klima- und Umweltschutz sowie Umwelttechnik einen der Schwerpunkte des Siemens-Messeauftritts. Auf dem Hauptstand in Halle 11 stehen Experten zu den verschiedenen Umwelt-Projekten und -Produkten des Unternehmens Rede und Antwort.
1997 feiern sowohl die Hannover Messe als auch Siemens Jubiläum: Für die weltgrößte Industriemesse ist es der 50., für den Elektrokonzern der 150. Geburtstag. Unter dem Motto „Faszination Zukunft“ richtet Siemens in einem 8000 Quadratmeter großem Pavillon den Blick nach vorn. Highlights der Sonderschau in Halle 25 sind ein 70 Meter langer Zeittunnel durch 150 Jahre Industriegeschichte sowie eine
3-D-Cyberspace-Reise durch die Fabrik von morgen. Interessenten, die keine Gelegenheit haben, nach Hannover zu reisen, können den Siemens-Stand erstmals dreidimensional im Internet besuchen.
2007 starten die Hannover Messe AG und die Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ in Zusammenarbeit mit Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Nachwuchs-Initiative TectoYou. Das an ausgewählte Fachmessen gekoppelte Programm soll Jugendlichen den Spaß an der Technik vermitteln und ihnen interessante Berufsperspektiven aufzeigen. Als einer der Hauptsponsoren – und größter Aussteller auf der Hannover Messe – beteiligt sich Siemens an dieser Initiative und ermöglicht rund 1000 Schülerinnen und Schülern die Reise nach Hannover.
2012 steht die Hannover Messe – und damit der Auftritt von Siemens – ganz im Zeichen der „greentelligence“. Auf dem Hauptstand in Halle 9 zeigt der Sektor Industry wie effiziente Produktionslösungen von Siemens die Energiewende stützen und dabei gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen steigern können. Die wachsende Produktivität und Effizienz durch stärkere Vernetzung in der industriellen Produktion steht auch im Mittelpunkt der übrigen Siemens-Präsentationen. Der Stand in Halle 9 belegt rund 4000 Quadratmeter Fläche und wird in gut drei Wochen aufgebaut. Nach fünf Tagen ist alles vorbei, und die Organisation der Messe 2013 wirft ihren Schatten voraus. Bereits im Sommer 2012 beginnt das Organisationsteam rund um den Hauptstand mit der Konkretisierung seiner Planungen. 2013 fokussiert der Siemens-Auftritt auf der Hannover Messe die wachsende Integration aller Technologien in der Industrie.
22. März 2013 – Sabine Dittler und Christoph Frank