Marie Busch, 1963
Marie Busch wird am 21. Januar 1894 als Tochter des Fabrikanten Karl Ernst Busch und seiner Ehefrau Emilie, geb. Gissler, in Remscheid geboren. Zu dieser Zeit existieren dort verschiedene selbstständige Werkzeugmacher mit Namen Busch, die oftmals auf lange Traditionslinien zurückblicken. Vermutlich stammt Marie Busch aus einer dieser Fabrikantenfamilien und war somit von klein auf mit dem Alltag in der Industrie beziehungsweise in einem Unternehmen vertraut. Marie durchläuft eine für die damalige Zeit typische Ausbildung „höherer Töchter“: Nach dem Besuch der Volksschule wechselt sie 1903 auf das Lyceum, bevor sie sich ab 1910 in einem privaten „Realgymnasial-Kurs“ auf das Abitur vorbereitet. Die Prüfungen hierfür legt sie 1914 als Externe am Röntgengymnasium in Lennep ab, wohl weil zur damaligen Zeit Mädchen dieses Gymnasium nicht als reguläre Schülerinnen besuchen können. Die Koedukation war noch nicht verbreitet.
Im gleichen Jahr beginnt sie ein kaufmännisches Studium an der Handelsschule Köln, das sie im Februar 1916 mit dem Gesamtprädikat „sehr gut“ und dem Abschluss „Diplom-Kaufmann“, heute vermutlich „Diplom-Kauffrau“, beendet. Später im Ruhestand erinnert sie sich: „Meine ganze Liebe galt immer der Rechtswissenschaft. Damals wurden jedoch Frauen zum jur. Staatsexamen noch nicht zugelassen – da ich ein solches aber gern haben wollte, beschritt ich den Weg über die kaufmännische Diplom-Prüfung, nicht bedenkend, dass mir die Kölner Semester für den Dr. jur. nicht angerechnet werden würden. Da der Krieg mich zum baldigen Abschluss meiner Studien zwang, machte ich dann das Staatswissenschaftl. Dr.-Examen mit im wesentlichen juristischen Fächern nach dem Rat meiner Professoren.“ Dazu wechselt Marie Busch an die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg, wo sie bis 1918 Rechts- und Staatswissenschaften studiert. Im Mai 1918 promoviert sie sich mit einer Arbeit über die Remscheider Industrie im Krieg. Einer ihrer Professoren attestiert ihr später: „Frl. [!] Dr. Busch hat in dieser [ihrer Arbeit] wie in ihrer sonstigen Tätigkeit eine glückliche Vereinigung praktischer Beobachtungsgabe mit theoretischer Betrachtung gezeigt. Besonders hervorzuheben ist namentlich ihr auf sehr gute Kenntnisse beruhendes juristisches Verständnis, wie es sich besonders noch in der Doktorprüfung gezeigt hat.“
Leider bleibt im Dunkeln, wer oder was den Anstoß für den nächsten Karriereschritt von nunmehr Dr. Marie Busch gab: Vielleicht hatte sie durch Bekannte in Remscheid oder Lennep, der Geburtsstadt von Wilhelm Conrad Röntgen, Kontakte zur damals schon deutschlandweit renommierten Medizintechnikfirma Reiniger, Gebbert & Schall (RGS), vielleicht erfährt sie in Heidelberg, wo sie noch mindestens bis September 1918 wohnt, von einer offenen Stelle − wir wissen es nicht. Irgendwie scheint der Kontakt nach Franken geknüpft worden zu sein, und Marie Busch bewirbt sich im September auf die Position einer Direktionsassistentin beim damaligen RGS-Vorstandschef Karl Zitzmann. Da die Zeugnisse und das Bewerbungsgespräch wohl überzeugt haben, wird Marie Busch eingestellt. Am 15. Oktober 1918 tritt sie ihre Stelle im Sekretariat der Direktion an.
In dieser Funktion befasst sie sich vornehmlich mit steuerlichen und handelsrechtlichen Fragen. Hier leistet sie wohl gute Arbeit mit der Folge, dass sie nach dem Rücktritt ihres direkten Vorgesetzten Zitzmann und der Fusion von RGS mit der elektromedizinischen Abteilung von Siemens & Halske nicht nur in ihrer Position verbleibt, sondern schnell zur neuen gemeinsamen Vertriebsgesellschaft Siemens-Reiniger-Veifa (SRV) wechselt, nach Berlin zieht und dort die Leitung der Rechts- und Steuerabteilung übernimmt. In dieser neuen Verantwortung erhält sie im Februar 1929 Handlungsvollmacht. Auch nach Gründung der Siemens-Reiniger-Werke (SRW) bleibt sie im Amt; im Juni 1936 folgt die Beförderung zur Prokuristin durch den Aufsichtsrat. Damit steht sie mit den beiden jahrzehntelangen Vorständen Max Anderlohr und Theodor Sehmer an der Spitze des Unternehmens.
Im Oktober 1944 wird Marie Busch im Zuge von Dienststellen-Verlagerungen aus Berlin nach Erlangen versetzt. Zurück in Franken übernimmt sie das Personalreferat, zunächst für SRW Erlangen, nach dem Krieg für das gesamte Unternehmen. Zusätzlich wird sie ab 1950 Vorstandsmitglied der „INAG“ Industrie-Unternehmungen AG, einer Tochterfirma der SRW. Beide Positionen hat sie bis September 1959 inne, bis sie nach über 40-jähriger Dienstzeit in den Ruhestand geht. Die Direktion schreibt dazu: „Fräulein [!] Dr. Busch / ZP hat bereits vor längerer Zeit darum gebeten, sie von ihrer Tätigkeit bei SRW zu entbinden, da sie beabsichtige, in den Ruhestand zu treten. Der Vorstand hat diesem Wunsche nunmehr entsprochen, so dass Fräulein Dr. Busch mit dem 30.9.1959 nach mehr als 40jähriger verdienstvoller Tätigkeit aus dem aktiven Dienst ausscheidet. Für ihre ausgezeichneten Leistungen wollen wir ihr auch an dieser Stelle unseren aufrichtigen Dank aussprechen.“
Eine Charakterisierung von Dr. Marie Busch über ihre beruflichen Stationen hinaus ist schwer. Im MedArchiv in Erlangen sind nur wenige Quellen überliefert, die Auskunft über ihre Person geben. Dies hängt vor allem mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Als Marie Busch 1964 durch das MedArchiv gebeten wird, ihre „Lebensdaten“ zu übermitteln, antwortet sie: „Es war etwas mühsam, sie [die Lebensdaten] zusammenzustellen, da ich durch Kriegseinwirkung fast alle Unterlagen verloren habe und daher auch z. T. die genauen Daten nicht sagen kann […].“
Dennoch zeichnen die wenigen überlieferten Dokumente das Bild einer ehrgeizigen und hochqualifizierten Frau, die in regelmäßigen Abständen befördert wird und deren Bezüge sich ebenfalls regelmäßig erhöhen. An verantwortlicher Position prägte sie das Unternehmen über 40 Jahre. Als Marie Busch am 10. Dezember 1964 in Erlangen einer schweren Krankheit erliegt, schreiben die Vorstände von SRW und INAG: „Fräulein Dr. Busch verfügte über ausgezeichnete Fachkenntnisse, die sie befähigten, alle ihr übertragenen Aufgaben in hervorragender Weise zu bewältigen. Sie war darüber hinaus eine ausgeprägte Persönlichkeit von hoher Bildung und weitgespannten Interessen, die aus der Geschichte der Siemens-Reiniger-Werke nicht hinwegzudenken ist. Durch ihre menschliche Anteilnahme an allen, mit denen sie beruflich in Berührung kam, erfreute sie sich allgemeiner Beliebtheit und großer Verehrung. Wir werden sie nicht vergessen.“
6. März 2012 – Dr. Florian Kiuntke