Produktion im neuen Kabelwerk, 1912
Das von Carl Dihlmann und Karl Janisch entworfene Kabelwerk war das älteste am Standort Nonnendamm, der späteren Siemensstadt. Da das Werk keine Erweiterungsmöglichkeiten bot, erwarben die beiden Stammfirmen Siemens & Halske und die Siemens-Schuckertwerke 1910 das Gut Gartenfeld in der Nähe des Tegeler Sees bei Saatwinkel. Das rund 200 Morgen große Gelände bot für die Kabelfertigung aus mehreren Gründen erhebliche Vorteile gegenüber der bisherigen Fertigungsstätte. Zum einen war mit dem zeitgleich gebauten Hohenzollernkanal eine ideale Verkehrsanbindung vorhanden, die selbst großen Schiffen die Nutzung des Wasserwegs und somit die Verschiffung schwerer Kabel ermöglichte. Auch konnte über einen Bahnanschluss der Güterbahnhof Ruhleben genutzt werden. Nicht zuletzt war das verkehrstechnisch günstig gelegene Areal groß genug, um die Werkanlagen langfristig beinahe unbegrenzt ausdehnen zu können.
Nach kurzer Bauzeit wurde im Februar 1912 in dem neuen Kabelwerk, das eine Grundfläche von nahezu 80.000 Quadratmetern umfasste, die Fertigung aufgenommen. Der großräumige Gebäudekomplex beherbergte eine Drahtfabrik, ein Kabelsaal, eine Leitungsfabrik, eine Gummifabrik sowie verschiedene Laboratorien.
Mit der Projektierung des Kabelwerks war Karl Janisch beauftragt worden, der 1902 Dezernent „für sämtliche bau- und betriebstechnischen Fragen des gesamten Siemens-Conzerns“ geworden und damit zum „Siemens-Hausarchitekten“ avanciert war. Janisch errichtete zwischen 1899 und 1915 die meisten Gebäude der Siemensstadt. Wie bei allen Projekten des schaffensfreudigen Industriearchitekten, spielten ästhetische Kategorien des Repräsentativen eine betont untergeordnete Rolle zugunsten von Funktionalität und dem Primat von Fertigungsabläufen. Produktivität und Wirtschaftlichkeit bestimmten den Entwurf des neuen Kabelwerks, der auf historisierende Elemente völlig verzichtete. Der industriellen Nutzung wurde eine entsprechende bauliche Umhüllung gegeben, so dass hier von einem reinen „Zweckbau“ gesprochen werden kann.
Nach Erweiterungen, Kriegszerstörungen, Umbauten und Umnutzungen begann man in den 1970er Jahren mit dem Abbruch alter Gebäudeteile.
13. Februar 2012 – Dr. Frank Wittendorfer
Zum Weiterlesen
Wolfgang Ribbe, Wolfgang Schäche, Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985.