Am 23. Januar 2013 war es wieder soweit: In der Münchener Olympiahalle fand die ordentliche Hauptversammlung der Siemens AG statt. Dies haben wir zum Anlass genommen, eine Bildergalerie zusammenzustellen, die zeigt, wie sich die alljährliche Versammlung der Siemens-Aktionäre ab den 1950er Jahren verändert hat.
Die erste, damals noch außerordentliche Hauptversammlung (HV) nach dem Zweiten Weltkrieg fand Ende Februar 1948 in den Räumen der Frankfurter Zweigniederlassung statt. Die Veranstalter rechneten mit einer Teilnehmerzahl „von nicht mehr als 40–50 Personen“ und baten die Organisatoren vor Ort, darauf zu achten, „dass der Bau gut geheizt wird“. Einziger Tagesordnungspunkt waren die Wahlen zum Aufsichtsrat, dessen Mitgliederzahl kriegsbedingt stark dezimiert war. Auch im Jahr darauf wurde die – ebenfalls außerordentliche – HV in Frankfurt am Main abgehalten. Seitens der Unternehmensverwaltung wurde der Versammlung unter anderem der Vorschlag gemacht, München ergänzend zum Traditionsstandort Berlin als Firmensitz zu erklären. Eine entsprechende Satzungsänderung wurde von den Aktionären einstimmig angenommen.
Die erste ordentliche Hauptversammlung der Nachkriegszeit fand am 1. März 1950 in München statt. Die Aktionäre wurden in das Palais am Wittelsbacherplatz 4 eingeladen. Nach Vorlage der Jahresabschlüsse, der Geschäftsberichte und der Berichte des Aufsichtsrats für die einzelnen Geschäftsjahre wurden Aufsichtsrat und Vorstand für die Zeit vom 1. Oktober 1943 bis 30. September 1947 einstimmig entlastet.
Hauptversammlung in der IHK München, 1956. Am Rednerpult der Vorsitzende des Aufsichtsrats Hermann von Siemens
Von 1951 bis 1955, und dann noch einmal im Jahr 1957, wurden die Hauptversammlungen in den Räumlichkeiten der Industrie- und Handelskammer München, Maximiliansplatz 8, abgehalten. Damals dauerten die Aktionärsversammlungen nicht einmal eine Stunde; die Zahl der Tagesordnungspunkte lag selten über zehn.
Der Sitzungssaal der IHK im zweiten Stock des Gebäudes bot Platz für ca. 100 Personen. Um den bereits im Saal befindlichen Aktionären die Wartezeit zu verkürzen, wurde in den Hauptversammlungen ab Ende der 1950er Jahre jeweils vor der offiziellen Eröffnung ein kurzer Film gezeigt.
Mit Jahresbeginn 1958 wurde die Hauptversammlung für die folgenden elf Jahre in die „Kleine Kongresshalle“ im Ausstellungspark, München, Theresienhöhe 14, einberufen – damals Deutschlands größte Kongresshalle.
Aus den Unterlagen zur Organisation der HV von 1965 geht hervor, dass ca. 850 Personen in der Halle Platz fanden. Dennoch waren die Hauptversammlungen der 1960er Jahre aus heutiger Sicht immer noch recht familiär: So konnten die anwesenden Aktionäre mit Hilfe von „zwei Schreibmaschinen und sechs elektrischen Additionsmaschinen“ registriert werden. Sämtliche „Damen und Herren, die bei der Abwicklung der HV mitwirk[t]en“, ließen sich in einem einzigen Omnibus befördern.
Ab 1960 wurden wiederholt Stimmen laut, die forderten, die Hauptversammlungen wieder am Traditionsstandort Berlin durchzuführen. Zu diesem Punkt bemerkte der damalige Vorsitzende des Aufsichtsrats Ernst von Siemens in der HV vom 16. März 1965: „Dieser Antrag kehrt wieder wie die Meeresbrandung. Den Berliner Aktionären haben wir immer wieder die eine Antwort gegeben, dass der Zeitpunkt für eine Hauptversammlung in Berlin leider sehr unpraktisch ist. Sie wissen, dass die Flugverbindungen um diese Jahreszeit nicht immer die günstigsten sind. Es kommt dazu, dass wir unsere gesamten Unterlagen hier in München haben. Das Haus ist in München konzentriert und nicht mehr in Berlin. Daran ändert alles nichts.“
Als Zugeständnis an diese Forderungen hatte bereits im Sommer 1963 eine außerordentliche Hauptversammlung in der einstigen „Elektropolis“ stattgefunden. Bis Ende der 1960er Jahre sollten eine weitere HV sowie mehrere Informationsveranstaltungen für die Berliner Siemens-Aktionäre folgen. Veranstaltungsort war stets die Kongresshalle in der John-Foster-Dulles-Allee, nahe dem Brandenburger Tor.
Ende der 1960er Jahre nahmen erstmals über 1000 Aktionäre an einer Hauptversammlung teil. Erneut musste der Veranstaltungsort gewechselt werden – dieses Mal in den Kongress-Saal des Deutschen Museums München. Während der Folgejahre stieg vor allem die Zahl der teilnehmenden Privatpersonen kontinuierlich. Einer der Gründe hierfür war die Ausgabe sogenannter Belegschaftsaktien an die deutschen Siemens-Mitarbeiter ab 1969.
Zur gleichen Zeit hielt die EDV Einzug in Organisation und Ablauf der Hauptversammlung: Um Informationen wie Präsenzzahlen und Abstimmungsergebnisse elektronisch ermitteln zu können, wurde 1969 erstmals eine Datenverarbeitungsanlage – eine „Siemens 4004/15“ von der Größe eines Kleiderschranks – eingesetzt. Zum Vergleich: Anfang der 2000er Jahre kamen rund 50 Personal Computer und Datenserver zum Einsatz.
Während der 1970er und 1980er Jahre dauerten die Hauptversammlungen in der Regel zwischen 4,5 und 8 Stunden. Es war eine klare Tendenz zu immer mehr und immer längeren Wortmeldungen seitens der institutionellen und privaten Anleger erkennbar.
Da die ständig steigende Zahl der teilnehmenden Aktionäre im Kongress-Saal des Deutschen Museums kaum noch unterzubringen war, wurde die Veranstaltung 1983 in die Münchener Olympiahalle verlegt. Seitdem findet hier alljährlich die Siemens-Hauptversammlungen statt. Einzige Ausnahme: Die HV im Jahr 1997, zu der das Unternehmen aus Anlass des 150sten Firmenjubiläums an den Gründungsstandort Berlin einlud.
Mittlerweile ist die Zahl der HV-Besucher auf die Einwohnermenge einer Kleinstadt angewachsen: 2013 nahmen knapp 8.100 Anleger an der Veranstaltung teil, hinter deren Kulissen rund 1.000 Personen für einen reibungslosen Ablauf sorgten.
24.01.2013 | Sabine Dittler und Christoph Frank