Friedrich Siemens (3. v. re.) im Kreis seiner Geschwister , um 1850
Friedrich wurde am 8. Dezember 1826 in Menzendorf / Mecklenburg geboren. In den verschiedensten Biografien wird er als ein Kind „von zarter Konstitution“ beschrieben, so dass er erst mit elf Jahren regelmäßig eine Schule besuchen konnte. Werner von Siemens erinnert sich in seinen Lebenserinnerungen: „Friedrich war kein guter Schüler. Es ist ihm immer schwer geworden, dem Gedankengange eines anderen bis an das Ende zu folgen“. Dies aber nicht auf Grund fehlende Geistesschärfe oder Talent, wie er weiter schreibt: „[D]agegen war er von Kindheit an ein ausgezeichneter Beobachter und hatte die Gabe, seine Beobachtungen stets miteinander zu verknüpfen und sich selbst verständlich zu machen.“ Dennoch tat er sich wohl seine gesamte Kindheit über schwer in der Schule.
1840 verloren innerhalb von kurzer Zeit die Siemens-Geschwister sowohl Mutter wie Vater. Friedrich kam mit 14 Jahren zu einem Onkel nach Lübeck, der als sein Vormund eingesetzt wurde. Beide verstanden sich wohl nicht allzu gut – und so erwachte durch die Nähe zum Meer und die Schwierigkeiten in der Schule schnell ein „unüberwindlicher Hang“ (Werner von Siemens) zur Seefahrt. Friedrich heuerte in Hamburg als Schiffsjunge an und fuhr mehrere Jahre lang zur See. Zu Beginn auch voller Begeisterung, wie William drei Jahre später noch an Werner berichtete: „Friedrich u. Karl sind mit Leib und Seele Seemann, Friedrich besonders sattelt gewiss nie wieder um, er ist die Gesundheit selbst, so schmächtig er auch aussieht.“ Noch 1844 schreibt Friedrich selbst an Werner von seinen Plänen, bei der Marine zu bleiben, wo er sich eine weitere Karriere erhoffte. Dazu war jedoch eine bessere Ausbildung notwendig, worauf ihn Werner zu sich nahm, um seine weitere Ausbildung enger begleiten zu können und ihm eine Stelle bei der preußischen Marine oder, wie von William angeboten, bei der englischen zu verschaffen.
Friedrich war mit vollem Eifer bei der Sache und setzte alles daran, mit Hilfe des älteren Bruders schnell die Lücken seiner Schulbildung zu schließen. Werner von Siemens selbst war zu jener Zeit zwar noch Soldat bei der preußischen Artillerie, aber immer mehr mit seinen eigenen Erfindungen und Unternehmungen beschäftigt. Spätestens nach Erfindung des Zeigertelegrafen benötigte er einen Gehilfen, der zeichnerische und schriftliche Arbeiten erledigte oder auch die Ausführung der mechanischen Arbeiten überwachte. Eine Rolle, die Friedrich gerne übernahm und in der er die Gründung der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ 1847 miterlebte.
Erwähnenswert aus dieser Zeit ist die „Geburtsstunde“ der Medizintechnik bei Siemens: 1844 hatte Werner einen Voltainduktor konstruiert. Damals litt Friedrich an starken Zahnschmerzen, gegen die kein Mittel half. Beide Brüder kamen durch Experimente mit dem Voltainduktor nun auf die Idee, dass die erzeugten Wechselströmen den Schmerz vielleicht lindern oder beseitigen könnten, wenn sie durch die Zahnwurzeln geleitet würden. Werner erinnert sich in seinen Lebenserinnerungen: „In der Tat war dies bei einem besonders schmerzhaften Vorderzahn der Fall. Der Schmerz war im ersten Moment gewaltig, hörte aber dann sofort ganz auf. Mit der großen Willenskraft, die meinem Bruder Friedrich von jeher eigen war, behandelte er jetzt sogleich seine sämtlichen Zähne mit Durchleitung von Wechselströmen durch die Zahnwurzeln und hatte darauf den seit Wochen nicht gehabten Genuß vollständiger Schmerzlosigkeit.“ Leider nur kurz – bald kam der Schmerz zurück und die Wirkung der Behandlung ließ von Mal zu Mal nach, so dass nach einer Weile der Schmerz wieder so stark wie vorher war. Für Werner war es jedoch der erste Versuch der medizinischen Verwendung überhaupt.
Friedrich Siemens führte schnell selbstständig für das neu gegründete Unternehmen Aufträge aus, wie z. B. 1848 beim Bau einer Telegraphenlinie in Hannover oder später als offizieller Vertreter der Firma 1851 anlässlich der Londoner Weltausstellung zusammen mit seinem Bruder Carl. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit nur durch die Verteidigung Kiels gegen die Dänen im Revolutionsjahr 1848, die von Werner befehligt wurde; zu seiner Unterstützung hatte er seine Brüder in den Norden berufen. Aus den Kampfhandlungen zurückgekehrt reiste Friedrich weiter nach England, um seinen Bruder William beim Vertrieb des Zeigertelegrafen auf der Insel zu unterstützen, später beschäftigten sich beide immer intensiver mit wärmetechnischen Arbeiten. Auch wenn diese Arbeiten zunächst ohne konkrete Ergebnisse blieben, konnte er doch dank dieser Forschungen zahlreiche Erfahrungen sammeln, die 1856 zu seinem größten Erfolg führen sollten.
Friedrich kam bei seinen wärmetechnischen Versuchen auf den Gedanken, das Regenerativprinzip des schottischen Geistlichen Robert Stirling auf Industrieöfen anzuwenden und erhielt darauf 1856 ein englisches Patent. Das Revolutionäre an dieser Idee: Durch die Nutzung der Abwärme beim Verbrennungsprozess konnte Friedrich bisher ungeahnte Verbrennungstemperaturen erzielen. In den Folgejahren verbesserte er zusammen mit William seine Entwicklung, bevor er 1864 nach seiner Heirat mit Elise Witthauer in Lübeck wieder dauerhaft nach Deutschland übersiedelte.
Dem darauf folgenden unternehmerischen Durchbruch ging ein familiärer Schicksalsschlag voraus: Ein weiterer Siemens-Bruder, Hans, hatte in Dresden eine Glasfabrik gegründet, die Friedrich nach dessen Tod 1867 übernahm. Durch den Einsatz seiner Ofentechnik konnte er die Glasherstellung revolutionieren und wurde durch Übernahmen und stetige Steigerung der Produktion bald zum größten Glashersteller Europas. Weitere Erfindungen wie das Krematorium für Feuerbestattungen (1877) oder die Regenerativ-Gaslampe (1879) belegen Friedrichs Kreativität und Einfluss als Ingenieur und Erfinder. Seine Gaslampe entwickelte sich tatsächlich so erfolgreich, dass sie die flächendeckende Einführung des elektrischen Lichts in direkter Konkurrenz zu Werner noch herauszögern konnte. Der große Bruder erinnert sich später: „Er hat dadurch [durch die Entwicklung dieser Lampe] den Sieg des elektrischen Lichts über die Gasbeleuchtung bedeutend erschwert, was unserer brüderlichen Eintracht aber keinen Abbruch tut.“ Durch die Einführung des Betriebs mit freier Flammenentfaltung verbesserte Friedrich 1879 entscheidend das „Siemens-Martin-Verfahren“ zur Stahlgewinnung. Ab 1887 förderte er die Entwicklung des Nahtlos-Walzverfahrens für Stahlröhren der Gebrüder Mannesmann mit erheblichen Finanzmitteln und war an der Gründung der Deutsch-Österreichischen. Mannesmannröhren-Werke AG im Jahr 1889 beteiligt, deren Aufsichtsrat er 1890 bis 1904 angehörte. Zudem war Friedrich ab 1896 Pächter des Staatlichen Mineralbrunnens Fachingen; eine Pacht, die bis 2005 von seinen Erben gehalten wurde.
Für Werner von Siemens war der Bruder der „geborene Erfinder“, dem „zuerst der Erfindungsgedanke, wenn auch zunächst in ganz unklarer, nebelhafter Form in den grübelnden Sinn kommt, und der darauf mit rastloser Energie und unermüdlichem Fleiße die Grundlage des Gedankens prüft, sich dabei die ihm etwa fehlenden Kenntnisse aneignet und schließlich seinen Gedanken entweder als falsch oder unausführbar verwirft, oder ihn zu einer brauchbaren und dann fast immer originellen Erfindung ausarbeitet.“ Und das bis ins hohe Alter, wie er anerkennend feststellte. Für Werner gehörte Friedrich neben William und Carl zu den Brüdern, mit denen ihn „gemeinschaftliches Leben und Streben am meisten verband.“
Friedrich August Siemens starb am 24. Mai 1904 in Dresden. Er hinterließ sechs Kinder.
Dr. Florian Kiuntke