Titelblatt des Patent- und Erfahrungsaustausch-Vertrags, 1924
Nach dem Ersten Weltkrieg hatten die deutschen Elektrounternehmen vor allem auf dem Gebiet der Energietechnik einen großen Nachholbedarf. Mit dem Ziel, diesen technologischen Rückstand auszugleichen, unternahmen deutsche Industrielle und Ingenieure Anfang der 1920er Jahre verstärkt Informationsreisen in die USA. Für die Siemens-Schuckertwerke GmbH (SSW) besuchte deren Vorstandsvorsitzender Carl Köttgen zahlreiche amerikanische Firmen. Sein Hauptaugenmerk galt der Frage, ob und wenn ja welche Elemente der amerikanischen Fabrikorganisation sich für eine Adaption durch Siemens eignen könnten. Begleitet wurde Köttgen von Hermann Reyss, dem Leiter der sogenannten Abteilung Übersee, der allgemein an einer Wiederaufnahme ehemaliger Geschäftsverbindungen interessiert war. Insbesondere wollte Reyss die Beziehungen zur 1886 gegründeten Westinghouse Electric Corporation (kurz Westinghouse) erneuern.
Ergebnis dieses Besuchs war ein Vertrag zwischen den Siemens-Schuckertwerken und Westinghouse über den regelmäßigen Austausch von Patenten und Know-how. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg, da Westinghouse den deutschen Wettbewerber insgeheim als Konkurrenten fürchtete. Zunächst mussten ganz „unerwartete und starke Gegenströmungen“ geklärt werden, favorisierte der damalige Präsident von Westinghouse doch plötzlich die Zusammenarbeit mit einem mittelständischen Unternehmen. Schließlich konnten beide Seiten den Vertrag am 17. Oktober 1924 fixieren. Dieses Datum markiert den Beginn einer jahrzehntelangen fruchtbaren Zusammenarbeit, die nicht auf den Bereich der Energietechnik beschränkt bleiben sollte. Das Abkommen legte fest, dass Siemens sich in den USA und Kanada nicht auf den Arbeitsgebieten von Westinghouse engagieren durfte; im Gegenzug unterließ Westinghouse jede Geschäftstätigkeit in Europa. Um diese wichtige Kooperation nicht zu gefährden, verzichtete SSW drei Jahre später auf eine angedachte Zusammenarbeit mit General Electric.
Nach kriegsbedingter Unterbrechung wurden die Kontakte zu Westinghouse Ende der 1940er Jahre reaktiviert. 1952 gingen beide Unternehmen erneut ein Abkommen ein, das sich nicht länger nur auf den energietechnischen Bereich beschränkte. So kooperierte die Siemens-Reiniger-Werke AG (SRW), die innerhalb des Siemens-Konzerns das Geschäftsfeld der medizinischen Technik verantwortete, beim Vertrieb von Röntgenapparaten incl. Zubehör mit dem amerikanischen Partnerunternehmen.
In den Nachkriegsjahren war es Westinghouse gelungen, neue Methoden zur Herstellung von Hochspannungswicklungen im Generatorenbau aufzuzeigen. Darüber hinaus zählten die Fernsteuerung elektrischer Antriebe und Prozesse, die Verwendung von Silizium als Halbleiter und der Einsatz von Magnetverstärkern in der Regelungstechnik zu den Innovationen. Diese Leistungen weckten bei den Siemens-Schuckertwerken schon bald den Wunsch, den Know-how-Transfer mit Westinghouse wieder zu beleben. Als Konsequenz wurde 1954 der kostenlose Austausch von Patenten und Erfahrungen vereinbart (License and Technical Assistance Agreement). Entsprechend erhielt Siemens das Recht, ausgewählte elektrotechnische Produkte von Westinghouse in der Schweiz und in Deutschland herstellen zu dürfen und weltweit, mit Ausnahme der USA und Kanada, zu vertreiben. Im Gegenzug durfte Westinghouse Siemens-Produkte in Lizenz fertigen und am nordamerikanischen Markt vertreiben. Während das deutsche Unternehmen insbesondere von der Adaption der Herstellungsverfahren von Transformatorenblechen und Kunststoffisolationen profitierte, übernahm Westinghouse insbesondere die Erfahrungen von Siemens bei der Reindarstellung von Silizium.
Die Kooperation wurde ab den 1950er Jahren auch auf die Kernenergietechnik ausgeweitet. In der 1955 im SSW-Forschungslabor eingerichteten Abteilung für Reaktorentwicklung wurden auf Basis des Erfahrungsaustauschs mit Westinghouse Druckwasserreaktoren entwickelt und zunächst ein Versuchsreaktor in München-Garching errichtet (1959), darauf aufbauend der Mehrzweck-Forschungsreaktor Karlsruhe (1965) und schließlich das Kernkraftwerk Obrigheim (1968). Auch in diesem Geschäftsfeld erwies sich Westinghouse als idealer Partner; schließlich hatte das amerikanische Unternehmen im September 1954 in Pennsylvania mit dem Bau des ersten großen Kernkraftwerks in den USA begonnen – und damit seine Pionierrolle auf dem Gebiet der Reaktortechnik untermauert.
Siemens maß der Zusammenarbeit mit Westinghouse nicht nur eine große strategische, sondern auch psychologische Bedeutung bei. Die Anbindung an amerikanisches Know-how erleichterte Siemens den technologischen Aufholprozess während der Nachkriegszeit immens. Zudem fühlte sich das deutsche Unternehmen in den USA seit 1945 erstmals „grundsätzlich gleichwertig behandelt“, wie SSW betonte. Dennoch lösten sich die Verbindungen in den ausgehenden 1960er Jahren langsam. Gründe hierfür waren einerseits die wachsende Verbindung zwischen Siemens und der US-Firma Allis-Chalmers, andererseits kartellrechtliche Bedenken. Diese Entwicklungen führten 1970 zur Kündigung der verschiedenen Abkommen. Mit der Übernahme des Kraftwerkgeschäfts von Westinghouse im November 1997 durch Siemens fand die fruchtbare, enge Kooperation der beiden Wettbewerber ihr Ende.
24.11.2011 – Sabine Dittler / Ulrich Kreutzer