Siemens-Ausstellung „Elektrotechnik und Elektronik", Shanghai 1978
Bereits 1899 errichtete Siemens die erste elektrische Straßenbahn Chinas in Beijing. Es folgten Kraftwerke, ein Stahlwerk und die erste Hochspannungsleitung des Landes. 1904 gründete man in Shanghai die erste ständige Niederlassung in China, die in den folgenden Jahren um zusätzliche Standorte erweitert wurde. In der Zwischenkriegszeit erhielt Siemens Großaufträge über den Bau von Elektrizitätswerken in Shanghai, Harbin, Nanjing, Guangzhou, und die Siemens China Co. entwickelte sich zur größten Landesgesellschaft von Siemens außerhalb Europas. Der Zweite Weltkrieg, der nachfolgende Kalte Krieg sowie die chinesische Kulturrevolution unterbrachen die direkten Verbindungen weitgehend; die Geschäftsbeziehungen mussten über Dritte, wie die dänische Firma Jebsen & Co., gepflegt werden.
Doch die Zeiten änderten sich – auf beiden Seiten: China öffnete sich erneut dem Westen, und die Bundesrepublik Deutschland nahm 1972 diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik auf. Bereits zwei Jahre später konnte Siemens einen ersten Großauftrag über Dampfturbinen verbuchen, und die Siemens-Ausstellung „Elektrotechnik und Elektronik" in Shanghai demonstrierte 1978 fast 40.000 chinesischen Fachleuten die ganze Bandbreite der Technikkompetenz des Unternehmens. Auch nach Eröffnung einer eigenen Siemens-Repräsentanz 1982 erschien das Geschäft angesichts der Größe des Markts und der Dauer der Beziehungen immer noch sehr ausbaufähig.
Die Wende markiert das „Memorandum über eine umfassende Kooperation zwischen der chinesischen Maschinenbau-, Elektro- und Elektronikindustrie und Siemens“ vom 29. Oktober 1985: Es ließ die Beziehungen zwischen Siemens und der Volksrepublik China eine völlig neue Qualität erreichen. Der Kernpunkt: Ein intensiver Technologie- und Know-how-Transfer, der weit über den Verkauf von Produkten hinausging, indem er auch die Schulung der chinesischen Partner vor Ort und in Deutschland sowie gemeinsame Joint Ventures vorsah. Zusätzlich wurde ein paritätisch besetztes Koordinationsteam installiert, das die Fortschritte der Zusammenarbeit überwachen und weitere Schritte festlegen sollte.
Die Erfolge waren unübersehbar: Bereits zehn Jahre später hatte Siemens 30 Joint Ventures in China. Meilensteine der technischen Entwicklung wurden in China realisiert, wie die erste kommerzielle Magnetschwebebahn (2003) oder die leistungsstärkste Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (2007). Die Produktion vor Ort, beispielsweise mit Fabriken für Computertomographen und Windenergieanlagen (2009), wird ausgebaut; neue Forschungszentren und -kooperationen entstehen. Schließlich sah und sieht sich China mit genau den Megatrends konfrontiert, die auch im Fokus von Siemens stehen: Klimaschutz, Überalterung der Bevölkerung, Urbanisierung und Globalisierung.
Ein Vierteljahrhundert nach dem zukunftsweisenden Memorandum zählt Siemens im Herbst 2011 mit über 33.600 Mitarbeitern zu den größten ausländischen Arbeitgebern im Land. Das Unternehmen verfügt über mehr als 90 Gesellschaften und 61 Zweigniederlassungen. In dem 2008 errichteten Siemens Center Beijing vereint die Siemens Ltd. (gegründet 1994) viele lokale Tochtergesellschaften und Sektor-Unternehmen unter einem Dach.
2011 – Dr. Franz Hebestreit
Zum Weiterlesen
Ulrike Reisach, Deutsch-chinesische Wirtschaftszusammenarbeit – das Beispiel Siemens; in: Strukturwandel in den deutsch-chinesischen Beziehungen. Analysen und Praxisberichte, hrsg. v. Margot Schüller. Hamburg: Institut für Asienkunde 2004, S. 130–146.