Carl von Siemens, um 1855
Carl von Siemens wurde am 3. März 1829 als zehntes Kind der Familie in Mecklenburg geboren. Sein Bruder Werner war 13 Jahre älter und übernahm nach dem frühen Tod der Eltern in Berlin die Erziehung des Jüngeren. In dieser Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Brüdern; zeitlebens sollten sie in engem Briefkontakt bleiben. Durch Vermittlung Werner von Siemens’ begann Carl, sich für die elektrische Telegrafentechnik zu interessieren, die Mitte der 1840er Jahre erstmals eine breite praktische Anwendung fand. An der Gründung der „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ im Herbst 1847 war Carl nicht beteiligt; er begann erst zwei Jahre später, für die Firma zu arbeiten. Indem er am Bau der ersten deutschen elektrischen Telegrafenlinien mitwirkte, eignete er sich umfassende technische und organisatorische Kenntnisse an.
Als das junge Unternehmen durch das Ausbleiben preußischer Staatsaufträge Anfang der 1850er Jahre in eine ernste Krise geriet, schickte Werner von Siemens den 22-jährigen nach London. Dort sollte er Siemens & Halske auf der ersten Weltausstellung repräsentieren und die Gelegenheit nutzen, den Firmennamen international bekannt zu machen, Kontakte aufzubauen und das Geschäftspotenzial im Telegrafenbau jenseits des Heimatmarkts auszuloten. Anschließend ging es nach Paris, wo Carl von Siemens 1852 die erste Auslandsniederlassung des Unternehmens gründete. Die Filiale wurde jedoch bereits nach einem halben Jahr wegen Streitigkeiten mit den französischen Vertragspartnern geschlossen. Die Zeit in Paris war für Carl von Siemens alles andere als glücklich. Anfang Januar 1853 berichtete er an Werner nach Berlin: „Ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie gerne ich dies unglückselige Paris verlasse. Viel ausgegeben, nichts verdient und dabei noch schlecht gelebt. Ich bin hier gewiß 30 Pfund leichter geworden.“
Karten mit den von Siemens & Halske gebauten russischen Staatstelegrafenlinien, Mitte der 1850er Jahre
1853 reiste Carl von Siemens nach Russland, um vor Ort den Bau des russischen Telegrafennetzes zu überwachen. Schnell bewährte er sich als entscheidungsfreudiger und kompetenter Unternehmer – innerhalb kürzester Zeit genoss Carl einen hervorragenden Ruf in St. Petersburg. Unter seiner Führung entwickelte sich das Russlandgeschäft von Siemens & Halske in nur zwei Jahren zum zentralen Bestandteil des gesamten Unternehmens – 80 Prozent des Umsatzes wurden mit dem russischen Telegrafenbau erwirtschaftet. Dieses dynamische Wachstum führte zu einer Neuorganisation der Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg: Am 1. Januar 1855 trat der mittlerweile 26-jährige offiziell als Gesellschafter in die Führungsspitze von Siemens & Halske ein; aus dem Petersburger Baubüro wurde eine unabhängige Auslandsniederlassung. Aufgrund der überragenden Bedeutung des Russlandgeschäfts ließ sich Carl von Siemens dauerhaft im Zarenreich nieder. Ende des Jahres heiratete er mit Marie Kap-herr eine deutschstämmige Petersburger Kaufmannstochter und nahm 1858 die russische Staatsbürgerschaft an. In den folgenden Jahrzehnten gründete er mehrere Unternehmen in Russland – auch über das elektrotechnische Kerngeschäft hinaus.
Das Jahr 1867 markierte einen Wendepunkt im Russlandgeschäft: Die Wartung der Telegrafenlinien, mit der Siemens & Halske seit 1855 beauftragt war, wechselte in die Zuständigkeit der russischen Regierung. Damit fiel eine attraktive Einnahmequelle ersatzlos weg. Zeitgleich verließ Carl von Siemens aus gesundheitlichen Gründen St. Petersburg und ging mit seiner Familie nach Tiflis. Hier übernahm er die Leitung des 1864 gemeinsam mit seinen Brüdern Werner und Walter erworbenen Kupferbergwerks Kedabeg im Kaukasus. Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich das Hüttenwerk in den 1870er Jahren zu einem rentablen Betrieb.
Zu dieser Zeit lebte Carl von Siemens schon nicht mehr in Russland. Die Trauer um den Tod seiner Frau Marie hatte den 40-jährigen Unternehmer im Oktober 1869 veranlasst, einen Neuanfang als Geschäftsführer von „Siemens Brothers“ in London zu wagen. Die englische Niederlassung konzentrierte sich in den 1870er Jahren nahezu ausschließlich auf das risikoreiche Seekabelgeschäft: Mit Carl von Siemens als Projektleiter verlegten die Siemens-Brüder das erste eigene Transatlantikkabel; es sollten zahlreiche Telegrafenverbindungen in Europa, Südamerika und Asien folgen.
Anfang der 1880er Jahre kehrte Carl von Siemens nach St. Petersburg zurück und gab dem russischen Geschäft neue Impulse. Bald schon umfasste das Produktspektrum zusätzlich zu Telegrafenapparaten und Eisenbahnsignalanlagen vor allem Kabel und Zubehörteile für die elektrische Beleuchtung – bei einzelnen Produkten hatte das Unternehmen sogar eine Monopolstellung im Markt. Die Fabrikation von Kabeln wurde durch ein eigenes Kabelwerk ausgeweitet, das im Juni 1882 auf einem an der Neva-Mündung gelegenen Areal die Produktion aufnahm. Darüber hinaus gewann die Energietechnik für die Geschäftsentwicklung zunehmend an Bedeutung. Carl von Siemens bemühte sich um den Erwerb von Konzessionen zur Erschließung des russischen Markts und gründete 1886 mit mehreren einheimischen Partnern die „Gesellschaft für elektrische Beleuchtung“, die gleichzeitig als Hersteller von elektrischen Einrichtungen, als Elektrizitätslieferant und als Finanzierungsgesellschaft fungierte. Diese sogenannte Lichtgesellschaft, die eigene Elektrizitätswerke in St. Petersburg, Moskau und Łódź besaß, nahm eine Monopolstellung ein und erhielt das Recht, Kabeln zu verlegen sowie Kraftwerke zu errichten. Bei der Elektrifizierung Russlands spielte die Gesellschaft eine tragende Rolle, so dass Carl von Siemens in einem Brief an seinen Bruder Werner 1888 ganz zu Recht bemerkte: „Ich scheine von der Natur für große Unternehmungen geschaffen zu sein, denn wo ich bis jetzt hingekommen, ist stets großes entstanden.“ Für seine Verdienste um die Industrialisierung Russlands wurde er 1895 von Zar Nikolaus II. in den erblichen Adelsstand erhoben.
Als Werner von Siemens 1890 mit der Umwandlung des Unternehmens in eine Kommanditgesellschaft offiziell aus dem Geschäft ausschied, übernahm Carl gemeinsam mit seinen Neffen Arnold und Wilhelm von Siemens die Leitung. Nach dem Tod des Gründers im Dezember 1892 hatte Carl von Siemens einen zweiten Wohnsitz in Berlin, Lebensmittelpunkt blieb jedoch St. Petersburg. Als Siemens & Halske 1897 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, wurde Carl in seiner Rolle als „Seniorchef“ zum Aufsichtsratsvorsitzenden berufen. 1904 zog sich der 75-jährige aus gesundheitlichen Gründen von der Unternehmensleitung zurück. Zwei Jahre später, am 21. März 1906, starb Carl von Siemens in einem italienischen Sanatorium an den Folgen einer Lungenentzündung.
11. Oktober 2011 – Sabine Dittler
Zum Weiterlesen
Carl von Siemens. Internationalisierung und Going Public; in: Wilfried Feldenkirchen / Eberhard Posner: Die Siemens-Unternehmer, München 2005, S. 44–59.