Die Siemens-Brüder Carl, Werner und William (Fotomontage)
Nach den großen Erfolgen der innerkontinentalen Land- und Seetelegrafenlinien war schnell klar, dass die Verlegung eines Nachrichtenkabels zwischen dem amerikanischen Kontinent und Europa ein lukratives Geschäft versprach. Bereits 1854 gründete der Unternehmer Cyrus Field die „Atlantic Telegraph Co. of New York, New Foundland and London“. In der Frage der Streckenführung entschieden sich Field und seine Mitarbeiter für die Verbindung zwischen Irland und Neufundland, da in den Seekarten ein erhöhtes Plateau auf dem Meeresboden ausgewiesen war; der Untergrund schien geradezu ideal. Field begann 1854 zunächst mit dem Bau einer Leitung von New York nach Neufundland, bevor er sich drei Jahre nach Gründung der Gesellschaft an die eigentliche Aufgabe der Atlantikunterquerung wagte.
Nach einem Fehlversuch im Sommer 1857 gelang es Field am 5. August 1858, die erste Verbindung zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Telegrafennetz herzustellen. Wegen mangelnder Erfahrungen mit Kabellegungen über derart große Entfernungen war das Kabel jedoch zu dünn und damit zu anfällig für Umwelteinflüsse produziert worden. Nach rund 400 Depechen und 23 Tagen Betrieb war es zerstört. Es sollte sieben Jahre dauern, bis Field erneut genügend Geld beisammen hatte, um einen weiteren Versuch finanzieren zu können. Auch dieses Kabel riss während der ersten Legung, so dass erst mit dem zweiten Versuch am 27. Juli 1866 eine dauerhafte telegrafische Verbindung zwischen Amerika und Europa hergestellt war. Da man zwischenzeitlich auch das gerissene Kabel wiedergefunden hatte, standen nunmehr zwei funktionierende Leitungen zur Verfügung. Field war finanziell gerettet und konnte bereits 1867 seine kompletten Schulden zurückzahlen. Sowohl in New York als in London wurde er als Held gefeiert.
Die Siemens-Brüder steigen in das Geschäft ein
Schnell entwickelte sich das profitable Geschäft mit der Transatlantik-Verbindung zu einem hart umkämpften Markt. Nachdem es dem englischen Baumwollfabrikanten John Pender gelungen war, die Kontrolle über die bestehenden Kabel zu erlangen, formte er ein Kartell, das er eisern gegen aufkommende Mitbewerber verteidigte. Angesichts dieser Vormachtstellung wandten sich Investoren Anfang der 1870er Jahre an die Siemens-Brüder, ob diese nicht ein eigenes „direktes“ Kabel zwischen Deutschland bzw. Großbritannien und den USA verlegen könnten. Zu diesem Thema schrieb Werner von Siemens 1871 erstmals an seinen Bruder Carl: „Bei der gestrigen Generalversammlung der deutschen Bank […] fragte mich der dritte Direktor […] ob wir geneigt wären, uns bei einem direkten deutsch-amerikanischen Kabel, wofür in Amerika jetzt große Meinung und viel Geld vorhanden wäre, zu beteiligen.“ Es sollte jedoch noch über ein Jahr dauern, bis sich diese Idee konkretisierte, was nicht zuletzt an der Zurückhaltung Werner von Siemens lag, dem finanzielle Verluste aus einigen früheren Kabellegungen noch sehr präsent waren.
Seine Brüder William und Carl zeigten sich dem Vorhaben gegenüber wesentlich aufgeschlossener: Das ganze Jahr 1872 über suchte vor allem Carl nach Geldgebern im englischsprachigen Raum – und er hatte Erfolg. Trotz aller Vorbehalte auf Seiten Werner von Siemens wurde zum Jahreswechsel 1872/73 immer deutlicher, dass die Siemens-Brüder ein Kabel durch den Atlantik verlegen würden – entweder im Auftrag einer amerikanischen Gesellschaft oder auf eigene Rechnung. Schließlich wurde im März 1873 die „Direct United States Cable Company“ (DUSC) gegründet, deren Zweck „die Herstellung einer direkten und unabhängigen Telegraphen-Verbindung zwischen dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland und den Vereinigten Staaten von Nordamerika“ war. „Consulting Director“ wurde Werners Bruder William. Dem Firmennamen zum Trotz zeichnete sich bereits zu Beginn des Projekts ab, dass man mitnichten eine direkte Verbindung zwischen Irland und den Vereinigten Staaten schaffen würde. Stattdessen sollte das Hauptkabel – wie die Kabel zuvor – von Irland nach Neuschottland führen und von dort aus ein weiteres Kabel ans amerikanische Festland verlegt werden. Laut einer Internetquelle war der Hauptgrund hierfür, dass die damalige Kabeltechnik eine derartige Direktverbindung gar nicht erlaubt hätte. Die Signale wären auf Grund der großen Entfernung so schwach geworden, dass sie nicht mehr hätten empfangen werden können. Die in den Beständen von Corporate Archives überlieferten Quellen zur Kabellegung schweigen hierzu.
Ein eigener Kabelleger wird gebaut
Während zur Verlegung der ersten Transatlantik-Kabel der umgebaute Dampfer „Great Eastern“ genutzt worden war, konstruierte eine englische Firma 1872 ein erstes Spezialschiff zur Kabellegung, die „Hooper“. Dieses Schiff und seine umfangreichen eigenen Erfahrungen veranlassten William Siemens seinerseits, einen Kabeldampfer zu konstruieren, den er zu Ehren seines Freundes Michael Faraday auf dessen Namen taufen ließ. Die größte Besonderheit: Zwei an beiden Seiten angebrachte Schaufelräder, wie man sie bis dato nur von den amerikanischen Flussschiffen kannte, und ein zusätzliches Ruder im Bug machten die Faraday extrem wendig. Außerdem ermöglichten Aufbauten an Deck die Kabelverlegung entweder über Bug oder über Heck. Nachdem der Dampfer im Frühjahr 1874 fertig gestellt worden war, stach er am 16. Mai gegen acht Uhr in See, um den Atlantik zum ersten Mal zu überqueren.
Die erste Legung
Bevor man die eigentliche Hauptlegung über den Atlantik in Angriff nahm, wurde das Kabel an der nordamerikanischen Küste verlegt. Die erste Teilstrecke führte von Halifax, Neuschottland nach Portsmouth, New Hampshire. Dann von Neuschottland nach Neufundland, wo aber nicht angelandet werden durfte; ein Monopol der Anglo American Telegraph Company verbot dies. Nach den Briefen, die sich die Brüder schrieben, war die Legung Anfang August beendet. Die Faraday kehrte nach Großbritannien zurück, und Carl berichtete Werner und William von dem „Shoreend“, also einer Anladung, in Torbay auf Neufundland. Allerdings kennzeichnet heute ein kleiner Park, der Tor Bay Atlantic Provincial Park, die Stelle, an der das Kabel angelandet wurde – auf Neuschottland.
Legung des Hauptkabels
Die Legung des eigentlichen Atlantikkabels begann vermutlich Mitte bis Ende August. Laut Pole, dem Biographen von William Siemens, stach die Faraday am 26. August wieder in See und begann bei Ballinskelligs Bay, einem kleinen Ort an der Küste von Irland, mit der Legung des Kabels. Ab diesem Zeitpunkt war Werner von Siemens „live vor Ort“. Bereits kurz nach Beginn der Legung kam es zum Unglück, aber lassen wir wieder Werner selbst berichten: „ […] doch als ich heute früh auf meiner irischen Karre bei gewohnt scheußlichem Regenwetter von meinem 16 englischen Meilen entfernten Hotel hier ankam, traf ich lange Gesichter. Es war ein Fehler im Kabel, den das Schiff wieder aufzunehmen versuchte.“ Das Kabel war gerissen – an einer Stelle, in die wegen ihrer Tiefe der komplette Mount Blanc hätte versenkt werden können. Allein bis der Schleppanker zur Kabelsuche den Grund erreicht hatte, dauerte es sieben Stunden. Noch nie war ein Kabel aus einer solchen Tiefe geborgen worden. Doch Carl sollte das Unmögliche gelingen: Innerhalb von zwei Tagen konnte er das verlorengegangene Kabelende wieder aufnehmen und mit der Legung fortfahren. Werner schrieb erleichtert nach Berlin: „Die in einem Tage durchgeführte Aufsuchung und Reparatur eines Kabels aus so enormen Tiefen (2.580 Faden) ist ein novum in der Legetechnik und wird unseren Ruf fest etablieren!“
Es dauert noch ein Jahr….
Das Projekt stand aber weiterhin unter keinem guten Stern. Mehrmals musste die Faraday das Kabel wieder auffischen und reparieren, bis Kohlemangel und stürmisches Wetter die „unglückliche Kabeleskadron“ zwangen, nach Irland zurückzukehren. An eine Aufgabe des Kabels war jedoch nicht zu denken, da dies einen ungeheuren Prestigeverlust für die Direct United States Cable Company und die Siemens-Brüder bedeutet hätte. Bereits Ende Oktober lief die Faraday wieder aus – und hatte wieder Pech. Nahe Neufundland ging das Kabel in einem Sturm erneut verloren, dieses Mal wurde auch das Schiff selbst beschädigt. Wegen der notwendigen Reparaturarbeiten und dem dauerhaft schlechten Wetter war an eine Vollendung des Kabels vor Jahresende 1874 nicht mehr zu denken. Erst Anfang April stach die Faraday wieder in See, und im Juni 1875 gelang es, erstmals eine Verbindung zwischen Torbay und Ballinskelligs Bay herzustellen. Allerdings arbeitete das Kabel nach wie vor fehlerhaft. Es kam erneut zu Unterbrechungen, was sich sowohl auf die Kosten als auch die Stimmung der Beteiligten ausgesprochen negativ auswirkte. Mehrfach berichtete William an Werner, dass die Aktionäre der Direct United die Ablösung Carls als Projektleiter an Bord des Schiffes forderten.
Mitte August begann man erneut mit der Fehlersuche – und dieses Mal gelang es der Besatzung, den Fehler im Kabel zu finden. Anfang September stand die dauerhafte Verbindung zwischen den Stationen in Torbay und Ballinskelligs Bay. Werner war erleichtert: „Also endlich ist das Kabel fehlerfrei fertig! Gott sei Dank dass dieser Alpdruck vorüber ist.“ Wenig später wurde es dem Publikum übergeben, am 15. September 1875 schrieb Carl: „Heute ist der Eröffnungstag! Ich hoffe bald zu hören, wie es geht mit dem Depeschieren.“ Es ging wohl hervorragend: Das Kabel schlug die Konkurrenz um Längen. Carl berichtete aus London: „Das Kabel arbeitet fortgesetzt gut. Am ersten Tage haben die Stockexchange Leute ein Wettrennen veranstaltet und dabei hat dann die DUS die Anglos [die Konkurrenz] um eine Stunde und mehr geschlagen.“
Es war geschafft!
In seinen „Lebenserinnerungen“ zog Werner von Siemens im Nachhinein eine positive Bilanz des Projekts: „Diese unsere erste transatlantische Kabellegung war nicht nur für uns außerordentlich lehrreich, sondern führte überhaupt erst zur vollen Klärung und Beherrschung der Kabellegung im tiefen Wasser.“ Und für die englische Tochtergesellschaft von Siemens & Halske war es ebenfalls enorm wichtig: „Die glückliche Vollendung des amerikanischen Kabels hob das Londoner Geschäft mit einem Schlage auf eine viel höhere Stufe des Geschäftslebens.“
15. September 2011 – Dr. Florian Kiuntke