Johann Georg Halske nach einem Gemälde von F. Keil, 1865
Johann Georg Halske wurde als Sohn eines Kaufmanns am 30. Juli 1814 in Hamburg geboren. Als Neunjähriger kam er zu einem Onkel nach Berlin, wo er ab 1825 das Gymnasium zum Grauen Kloster besuchte. Nach nur drei Jahren gab er den Schulbesuch zugunsten einer Handwerkerlehre auf. Zunächst ging Halske bei einem Berliner Maschinenbauer in die Lehre, wechselte dann aber in die Werkstatt des Feinmechanikers Wilhelm Hirschmann – und war hier in seinem Element! Da Hirschmann vor allem für die Institute der Berliner Universität arbeitete, kam Halske bereits während seiner Ausbildung in Kontakt mit mehreren Physik-Professoren.
Nach Abschluss seiner Lehre sammelte der talentierte Feinmechaniker einige Jahre Berufserfahrung. Im Alter von 30 Jahren gründete er mit dem Mechaniker F. M. Boetticher in Berlin eine eigene Werkstatt, wo er ab 1844 für zahlreiche Universitätsinstitute hauptsächlich physikalische und chemische Geräte und Präzisionsinstrumente herstellte. In dieser Funktion war er auch für den Physiologen Emil Du Bois-Reymond, einem der Mitbegründer der „Berliner Physikalischen Gesellschaft“, tätig. Du Bois-Reymond war es auch, der seine beiden Freunde Halske und von Siemens am Sylvesterabend 1846 miteinander bekannt machte; schließlich wusste er, dass der Elektropionier auf der Suche nach einem fähigen Handwerker war, der den Bau des von ihm entwickelten Zeigertelegrafen realisieren sollte. Innerhalb weniger Tage war von Siemens sicher, dass er „mit den Mechanikern Boettcher und Halske, zwei jungen thätigen und unterrichteten Leuten“ geeignete Partner für den Bau des Apparates gefunden hatte.
Doch nicht nur das: Der eher skeptische Halske war vom Potenzial des Telegraphen derart überzeugt, dass er im Herbst 1847 – nach sorgfältiger Kalkulation des zu erwartenden Auftragsvolumens –seine bisherige Werkstatt aufgab und das Risiko einer gemeinsamen Firmengründung einging. Beide Männer waren von Anfang an gleichberechtigte Partner. Hinsichtlich der Aufgabenteilung schrieb Werner von Siemens 1847 in einem Brief an seinen in England lebenden Bruder William: „Halske, den ich völlig gleichgestellt bei mir in der Fabrik habe, bekommt die Leitung der Fabrik, ich die Anlage der Linien, Kontraktabschlüsse etc.“ Neben der Werkstattleitung war Halske für die Ausarbeitung der Konstruktionen seines Soziuses, deren Prüfung und Erprobung sowie für die Montageleitung und die Materialbeschaffung verantwortlich.
Zweifelsohne war das handwerkliche Können, die Leidenschaft für gute Formen und die technische Präzision, mit der Halske die Erfindungen und Konstruktionen seines Partners umsetzte, einer der zentralen Erfolgsfaktoren in der Aufbauphase des jungen Elektrounternehmens. Eine Tatsache, die Werner von Siemens stets betonte. So schrieb er in seiner Autobiographie: „Der große Einfluß, den die Firma Siemens & Halske auf die Entwicklung des Telegraphenwesens ausgeübt hat, ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß bei ihren Arbeiten der Präzisionsmechaniker [Halske] … die ausführende Hand darbot.“ An anderer Stelle lobt er dessen „bewundernswertes Talent“.
Innerhalb weniger Jahre gelang es der Telegraphen-Bauanstalt, ihren Umsatz von 10.300 Mark im Jahr 1848 auf 253.100 Mark im Jahr 1851 zu vervielfachen. Mit der fortschreitenden Expansion der einstigen 10-Mann-Werkstatt begann sich jedoch auch das Verhältnis der beiden befreundeten Geschäftspartner zu trüben. Vor allem die hohen Ansprüche des Perfektionisten Halske gerieten zunehmend in Widerspruch mit der Notwendigkeit, hohe Stückzahlen wirtschaftlich produzieren und termintreu auszuliefern zu müssen. Außerdem setzte das finanzielle Risiko, das mit der Ausweitung des Portfolios und der Internationalisierung des Elektrounternehmens einherging, den „vorsichtigen Geschäftsmann“ unter Druck. 1854 schrieb Halske an seinen Kompagnon: „Weiß der Kuckuck, woran es liegt, daß einem ein reelles deutsches Geschäft, abgesehen von Umfang und Verdienst, gar nicht mehr so wie früher das Herz erfreut, ich glaube, es liegt an den halsbrecherischen russischen Geschäften.“
Sieben Jahre und zahlreiche Auseinandersetzung mit den Siemens-Brüdern später – unter anderem um die Einführung der Serienfertigung und des Akkordlohnsystems – fasste Johann Georg Halske die Situation in einem Brief an seinen langjährigen Freund und Partner wie folgt zusammen: „Wir beide erstreben ein Ziel, davon zeugen unsere Leistungen, die Welt sagt es; aber der Baum, der diese Früchte getragen und unserem gegenseitigen Vertrauen entsprossen ist, gedeiht nicht, wenn fortwährend die Erde an seinem Stamme umgewühlt wird […] jeder von uns hat seine eigene Art zu streben, ich als der Schwächere, für den ich mich halten muss, verliere durch die ewige Akkomodation meinen eigenen Charakter, und werde der Spielball einer Welle, die mich zu verschlingen droht.“ Als Konsequenz zog sich Johann Georg Halske im Dezember 1863 zunächst aus der Führung der englischen Tochtergesellschaft zurück. Zum Jahresende 1867 verließ er das Berliner Stammhaus – in bestem Einvernehmen mit seinem einstigen Partner, mit dem er bis zum seinem Tod im März 1890 befreundet bleiben sollte. Um die Existenz von Siemens & Halske nicht zu gefährden, beließ er einen Großteil seines Kapitals bis 1881 als Darlehen in der Firma. Außerdem beteiligte sich Halske mit 10.000 Talern an der Einrichtung der Pensionskasse, die anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums 1872 gestiftet wurde.
Der Name „Halske“ blieb bis 1966 fester Bestandteil der Firmenbezeichnung; erst mit Gründung der heutigen Siemens AG wurde der Name Siemens & Halske gelöscht.
2011 – Sabine Dittler