Verletztentransport in Siemensstadt, 1938
Erstmal wurde am 7. Juli 1888 mit Geheimrat Dr. Körte von der Firma ein Vertrauensarzt bestellt. Werner von Siemens wollte, wie er formulierte, „… in ein stetes Verhältnis mit einem notorisch tüchtigen Arzte treten“. Ein umfassender fabrikärztlicher Bereitschaftsdienst wurde 1906 am Standort Berlin zunächst durch den Abschluss von Verträgen mit frei praktizierenden Ärzten eingerichtet. Der erste Vertrag wurde mit Dr. Wilhelm Böttcher abgeschlossen. Mit der Schaffung einer dauerhaften betriebsärztlichen Dienststelle in Siemensstadt erfuhr die medizinische Versorgung 1935 eine deutliche Ausweitung und Verbesserung. Bis 1941 stieg die Zahl dieser Einrichtungen auf 14, die an verschiedenen Standorten mit insgesamt 16 hauptamtlichen sowie 4 nebenamtlichen Ärzten besetzt waren.
Vor allem in der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs erhöhte sich die Arbeitsbelastung der betriebsärztlichen Dienststellen erheblich. Zum einen war in Siemensstadt eine zahlenmäßig stark gestiegene Belegschaft medizinisch unter erschwerten Bedingungen zu betreuen. Darüber hinaus mußten sich die Betriebsärzte bei den ständigen Luftangriffen für Bereitschaftsdienste zur Verfügung halten. Für die in Siemensstadt beschäftigten „Fremdarbeiter“ wurde in diesen Jahren ein eigenes „Ausländer-Krankenhaus“ eingerichtet.
Seit den 1950er Jahren war der Besuch von Fortbildungsveranstaltungen für Betriebsärzte obligatorisch. Auch waren die Siemens-Betriebsärzte Mitglied der Werksärztlichen Arbeitsgemeinschaft Berlin. Noch in dieser Zeit spielte die Früherkennung der Lungentuberkulose eine große Rolle. Weitere Themen, die nun in den Vordergrund rückten, waren Arbeitsmedizin, Gesundheitsvorsorge sowie richtige Ernährung. Im Zusammenhang mit der „Asiatischen Grippe“, der in Deutschland rund 30.000 Menschen zum Opfer gefallen waren, wurden im Nachgang Schutzimpfungen für Siemens-Mitarbeiter durchgeführt (1965). Ernster genommen hat man die zweite Pandemie dieser Zeit: anläßlich der „Hongkong-Grippe“ wurden breit angelegte freiwillige Grippeimpfungen angeboten und durchgeführt (1970-1975).
Nach wie vor sind Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur von Siemens und Ausdruck der Verantwortung des Unternehmens für seine Mitarbeiter. Die in den Betriebsärztlichen Dienststellen (Medical Services) zusammengefassten Betriebsärzte bieten eine kompetente arbeitsmedizinische Versorgung. Die betriebsärztliche Betreuung beinhaltet heute ein breit gefächertes Leistungsspektrum, das auf der Grundlage gesetzlicher, berufsgenossenschaftlicher und firmeninterner Regelungen basiert.
Über die Tätigkeit der betriebsärztlichen Stellen in früherer Zeit liegen im Siemens-Archiv umfangreiche Dokumente vor. Erhalten sind nicht nur die Jahresberichte mit wichtigen statistischen Informationen, sondern sogar Personalunterlagen der damals beschäftigten Betriebsärzte.
Juli 2011 – Dr. Frank Wittendorfer