Gründeraktie der Siemens & Halske AG, 1897
Im Zuge der dynamischen Entwicklung der Energietechnik wurden in Deutschland während der 1880er und 1890er Jahre zahlreiche Elektrounternehmen gegründet oder die Geschäftsaktivitäten bestehender Firmen diversifiziert. Vor allem die Electricitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co. (EAG) und die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) sollten die fast 40 Jahre währende Marktführerschaft von Siemens & Halske gefährden.
Die Expansion der neuen Konkurrenten wurde vor allem durch das sogenannte Unternehmergeschäft begünstigt: Bedingt durch die Skepsis gegenüber technischen Innovationen auf dem Gebiet der Energieerzeugung und -übertragung und die mangelnde Erfahrung mit den Folgekosten großer Starkstromprojekte zögerten viele kommunale Nachfrager, Aufträge zur Elektrifizierung der städtischen Infrastruktur zu vergeben. Infolgedessen sahen sich immer mehr Anbieter gezwungen, als Generalunternehmer zu fungieren und große Summen in den Bau und Betrieb elektrischer Bahnen, Kraftwerke und Beleuchtungssysteme zu investieren. In einem Brief an seinen Bruder Carl klagte Werner von Siemens im Mai 1890: „Es ist jetzt viel Geld hier im Geschäft nötig. […] Die schönen Zeiten, wo wir in Staatsgeldern schwammen, sind leider vorüber.“ Der hohe Bedarf an langfristigem Kapital kollidierte nicht nur mit der sicherheitsorientierten, die Bewahrung der unternehmerischen Unabhängigkeit betonenden Finanzpolitik des Firmengründers, sondern auch mit den begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Eigentümerfamilie.
Mit dem Ziel, die Kapitalbasis zu erweitern, regte Carl von Siemens an, Siemens & Halske in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Der in Russland lebende Unternehmer war überzeugt, dass „eine Aktien-Gesellschaft […] sehr viel mächtiger ist, als ein Privatgeschäft. Sie hat nämlich unzählige Associés, die alle mehr oder weniger bemüht sind, sie zu schützen und ihr Geschäfte zuzuführen. Ohne die Hilfe ihrer Aktionäre hätte die Allgemeine [die AEG] in so kurzer Zeit unmöglich so gross u. mächtig werden können.“ Wiederholt legte er Werner von Siemens nahe, „die Sache gehörig“ zu überlegen. Ohne Erfolg: Bis zu seinem Tod lehnte der Firmengründer die Reform der Unternehmensverfassung ab. Seine Bedenken, dass der beherrschende Einfluss der Familie mit dem Übergang von einer Handels- in eine Aktiengesellschaft schwinden könnte, war einfach zu groß.
1890 zog sich der 74-jährige Elektropionier offiziell aus dem Unternehmen zurück. Nach seinem Ausscheiden wurde Siemens & Halske in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Persönlich haftende Gesellschafter, also Geschäftsinhaber, waren sein Bruder Carl sowie Werners Söhne Arnold und Wilhelm von Siemens. Letzterer folgte schließlich dem Rat seines Onkels und wandelte das Familienunternehmen 1897 in eine Aktiengesellschaft um. Den entscheidenden Anstoß zu diesem Schritt gaben jedoch die Pläne Emil Rathenaus, die AEG und die 1892 gegründete „Union Elektricitäts-Gesellschaft“ zu verschmelzen, wodurch Siemens & Halske die Unterstützung fast aller Berliner Großbanken verloren hätte. Die Deutsche Bank erklärte sich bereit, diese Fusionspläne zu durchkreuzen, indem sie ihre Mitwirkung verweigerte. Im Gegenzug machten die Verantwortlichen zur Bedingung, dass Siemens & Halske in eine Aktiengesellschaft umgewandelt würde.
Formell erfolgte die Gründung der Siemens & Halske AG am 3. Juni 1897 mit Wirkung vom 1. August 1896. Die Aktiva und Passiva von Siemens & Halske wurden auf die neue Aktiengesellschaft gegen 28 Millionen Mark in Aktien übertragen. Einzelne Mitglieder der Siemens-Familie übernahmen weitere Aktien im Nennwert von sieben Millionen Mark. Damit lag das gesamte Aktienkapital in den Händen der Familie. Am 2. Juli 1897 fand die erste Aufsichtsratssitzung statt – „einzige Mitglieder: Onkel Carl, Arnold, [Carls Sohn] Werner, ich“, wie Wilhelm von Siemens in seinem Tagebuch notierte. Zum ersten Aufsichtsratsvorsitzenden wurde der „Seniorchef“ des Hauses, Carl von Siemens, bestimmt, der dieses Amt sieben Jahre ausüben sollte. 1904 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Unternehmen zurück.
Juli 2011 – Sabine Dittler