Fahrplan der ersten elektrischen Straßenbahn, 1881
Auf der Berliner Gewerbeausstellung von 1879 hatte Werner von Siemens die erste elektrische Lokomotive der Welt präsentiert. Mit Erfolg: Aus allen Teilen der Welt erreichten Siemens & Halske Anfragen nach Investitions- und Betriebskosten von elektrischen Bahnen. Um die Praxis- und Alltagstauglichkeit elektrisch angetriebener Verkehrsmittel unter Beweis zu stellen, bemühte sich der Elektropionier in den folgenden Jahren um Konzessionen für elektrische Hochbahnen in der Berliner Friedrichstraße und der Leipziger Straße. Allerdings hatte die Stadtverwaltung von Berlin so zahlreiche Bedenken gegen Bau und Betrieb einer derartigen Bahn, dass sie die Konzession verweigerte. Siemens musste in den südlich von Berlin gelegenen Vorort Lichterfelde ausweichen. Dort bestand noch ein Großteil des Bahnkörpers, der während der 1870er Jahre genutzt worden war, um das für den Bau der Kadettenanstalt benötigte Material zur Baustelle zu transportieren. Werner von Siemens konnte diese Strecke erwerben und für seine Zwecke umbauen. Indem er die ursprünglichen Gleise der Materialbahntrasse nutzte, entbehrte seine elektrische Bahn eines weiteren, für eine Straßenbahn charakteristisches Ausrüstungsmerkmal, nämlich die in das Pflaster eingelassenen bodenebenen Gleise.
Ebenfalls für den Straßenbahnbetrieb rüsteten Siemens & Halske drei Pferdebahnwagen um. Die zweiachsigen Triebwagen konnten bei jeweils 16 Sitzplätzen knapp 50 Personen befördern. Jeder Wagen besaß einen Gleichstrommotor mit einer Leistung von 10 PS, der seinen Fahrstrom (180 Volt) über Schleifkontakte von den mit eisernen Radkränzen versehenen Holzscheibenrädern erhielt. Die Kraftübertragung erfolgte durch Stahlseile, die Wagen erreichten eine Geschwindigkeit von etwa 20 Stundenkilometern. Anfangs wurden die Triebwagen nicht über eine Oberleitung, sondern über die beiden Schiene mit Strom versorgt; ein entsprechendes Kraftwerk mit Dampfmaschine und Generator befand sich neben dem Bahnhof.
Am 12. Mai 1881 war es soweit: Die „kleine elektrische Bahn in Lichterfelde [wurde] offiziell probiert und abgenommen“; der reguläre Fahrbetrieb wurde am 16. Mai aufgenommen. In diesen Tagen berichtete Werner von Siemens immer wieder voller Stolz seinen in England beziehungsweise Russland lebenden Brüdern vom Erfolg und Werbeeffekt des Projekts. So schrieb er am 23. Mai an William Siemens: „Es ist merkwürdig, welche überzeugende Kraft jetzt hier in einer Fahrt auf der Lichterfelder Bahn sich äußert. – Vom Arbeitsminister [Maybach] bis zum einfachen Eisenbahnbaumeister sind jetzt alle Leute von der großen Zukunft des elektrischen Betriebes überzeugt!“. Zwei Tage zuvor war Werner von Siemens anlässlich einer Exkursion des Berliner Vereins für Eisenbahnkunde nach Lichterfelde offiziell gedankt worden, dass es durch sein rastloses und energisches Vorgehen gelungen sei, „die dem Unternehmen entgegenstehenden Schwierigkeiten zu überwinden […] und dadurch ein Werk geschaffen [zu haben], welches der deutschen Wissenschaft zum Ruhme und ihm zur Ehre gereicht!“.
Auch auf der ersten Internationalen Elektrizitätsausstellung, die im August desselben Jahres in Paris eröffnet wurde, war Siemens & Halske mit einer elektrischen Straßenbahn vertreten. Die Fahrt im 50-Personen-Wagen von der Place de la Concorde zum auf dem Ausstellungsgelände befindlichen Palais de l’ Industrie stieß auch bei der Pariser Bevölkerung auf große Begeisterung und trug wesentlich dazu bei, den Namen Siemens „den Parisern geläufig zu machen“ – wie Werner von Siemens seinem Bruder Carl nach Russland schrieb.
Insgesamt wurden im weiteren Verlauf der 1880er Jahre jedoch nur einige wenige elektrische Straßenbahnen von Siemens realisiert und dem Verkehr übergeben. Erst nachdem der Siemens-Ingenieur Walter Reichel 1889 mit der Entwicklung des Bügelstromabnehmers ein wichtiges konstruktives Problem gelöst hatte, sollte sich der Elektroantrieb bei Bahnen durchsetzen.
Mai 2011 – Sabine Dittler
Zum Weiterlesen
Bericht über die Exkursion des Vereins für Eisenbahnkunde in Berlin am 21. Mai 1881. Sonderdruck aus Glasers Annalen für Gewerbe & Bauwesen 1881, Bd. VIII, Heft 12
Martin Pabst, Die Entwicklung der Straßenbahn in Deutschland; in: Straßenbahnen in Deutschland von A–Z (Straßenbahn Magazin; Special Nr. 20), München 2009, S. 6–13