Werner von Siemens, um 1888
Bereits 1860 wurden Werner Siemens’ herausragende Erfolge als Wissenschaftler mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Berliner Universität gewürdigt. Der Unternehmer freute sich sehr über diese Auszeichnungen, vor allem weil er darin die Würdigung seiner wissenschaftlichen Leistungen sah, wie er in seinen „Lebenserinnerungen“ schreibt. Anders reagierte Werner Siemens auf Ehrungen, die ihn persönlich auszeichneten. Dies zeigte sich erstmals zehn Jahre später, als der damalige preußische König Wilhelm ihm den Titel eines „Kommerzienrats“ verlieh.
Er schrieb darüber Anfang Februar 1870 an seinen Bruder Carl: „Früh kam der Polizeipräsident Wurmb und brachte mir das Patent als Kommerzienrat. Er sah meinem Gesicht den Schreck an, und ich sagte ihm offen, meine Dankbarkeit würde sich verzehnfachen, wenn der König diese Gnadenbezeigung wieder rückgängig machen wollte. Er meinte, das ginge absolut nicht, da der König das als persönliche Beleidigung ansehen würde. Ich ging darauf zu dem Hofballe, zu dem ich eine Einladung erhalten hatte, und machte alle Orden an, fest entschlossen, den Kronprinzen zu bitten, mir zu helfen. Doch gleich darauf kam Wurmb zu mir heran und sagte, er habe dem Könige meine Abneigung gesagt und dass der Kommerzienrat mit dem Premierleutnant und dem Dr. h. c. zusammen nicht verdaut werden könne. Der König habe gelacht und ihm aufgetragen, sogleich zu Itzenplitz zu gehen und meine Ernennung nicht publizieren zu lassen. […] Jetzt bin ich nun wirklicher ‚geheimer’ Kommerzienrat! […] Am Ende werde ich nun noch Hauptmann oder gar Major! Drollige Welt…“
Doch der ‚Geheime Kommerzienrat’ blieb nicht lange geheim und die Ablehnung der Ernennung durch Werner Siemens war ein großer Skandal in der Berliner Gesellschaft. Seiner Stellung tat dies auf Dauer jedoch keinen Abbruch. Nach Erfindung der Dynamomaschine erschlossen sich die Siemens-Firmen in den 1870er Jahren immer mehr neue Anwendungen der Elektrizität, z. B. auf dem Gebiet der Beleuchtung oder die erste elektrische Eisenbahn 1879. All das mit großem Erfolg. So groß, dass 1888 eine der höchsten Ehrungen der damaligen Zeit an Werner Siemens vergeben wurde: die Erhebung in den erblichen Adelsstand, die sogenannte Nobilitierung.
Adelsbrief für Werner von Siemens vom 5. Mai 1888; Quelle: GStA PK, I. HA Rep. 176 Heroldsamt, Nr. 8583, Bl. 8-9 RS
Neben dem traditionell starken Adel in der preußischen Gesellschaft hatte sich zu Zeiten Werner Siemens’ ein immer wohlhabenderes und damit mächtigeres Bürgertum herausgebildet. Innerhalb dieser Schicht strebten einige danach, in den Adel aufzusteigen, andere jedoch, wie Alfred Krupp, August Thyssen oder Hugo Stinnes lehnten eine Nobilitierung offiziell ab. Mit dieser Ablehnung bekannten sie sich zu ihren bürgerlichen Wurzeln und ihrem persönlichen Erfolg als das Ergebnis eigener Anstrengungen. Auch Werner Siemens stand zeitlebens dem Adel reserviert gegenüber, so geriet er noch kurz vor seinem Tod im Winter 1891 mit einem Angehörigen russischen Uradels aneinander, wie er seinem Bruder Carl aus dem Urlaub schrieb: „Fürst G. ist ein feindlicher Geselle, der gewaltigen Adelsdünkel zu haben scheint! Wir kennen uns nicht mehr. Ich habe es, wie ich vermute, dadurch mit ihm verdorben, dass ich ihm mal sagte, es scheine mir ehrenvoller, sein eigener Ahnvater zu sein als einen alten zu haben, […]“..
Umso überraschter reagierte Werner Siemens 1888, als er Anfang Mai aus der Zeitung von seiner Erhebung in den erblichen Adelsstand erfahren musste: „Wenn es regnet wird man ohne Regenschirm nass! So ist es mir mit dem Gnadenerlass des Kaisers (resp. der Kaiserin) ergangen. Ohne jede Anfrage bei mir bin ich in der Liste der Nobilisierten aufgeführt! […] Bisher ist das niemals in Preussen so gemacht. Es hat immer eine Anfrage stattgefunden so dass man Zeit hatte abzulehnen […]. Eine Ablehnung müsste in einem Immediatsgesuche mit der Bitte um Zurückversetzung in den Bürgerstand geschehen – was den armen kranken Kaiser ärgern und einen unangenehmen éclat herbeiführen würde. So kann man hereinfallen.“
Offenbar war Werner Siemens durchaus gewillt, seine Erhebung anzufechten, wovon ihm jedoch seine Brüder Friedrich und Carl dringend abrieten. Carl schrieb dazu: „Mit der Sache musst Du jetzt sehr vorsichtig sein, denn wenn Du oder einer Deiner Söhne hier und da faule Redensarten darüber vom Stapel lassen solltet und das gelegentlich zu Ohren des Kaisers oder des Kronprinzen kommen sollte, dann kann sofort wieder eine Animosität entstehen, unter der Du (und mit Dir, wir alle) zu König und Kaiser Wilhelms Zeiten genug benachteiligt worden bist. […] Es ist immerhin eine Auszeichnung und vom Standpunkte des Gebers aus betrachtet sogar eine sehr hohe und dafür musst Du ihm dankbar sein. […] Auch der Allgemeinheit gegenüber ist es besser, wenn Du Dich ganz ruhig verhältst oder man würde von Dir sagen ‚Der will sich man blos wichtig und berühmt machen’. Deine wirklichen Gefühle glaubt Dir doch kein Mensch. […] Kaiser Friedrich hat die Sache so gemacht, wie er sie als taktvoller Mann machen musste. Auszeichnungen verlieren ganz ihren Werth, wenn man erst angefragt wird, ob man sie haben will.“
Diesen Argumenten verschloss sich Werner – nun „von“ – Siemens nicht und antwortete: „Mit Deinen Betrachtungen über die leidige Nobilitierungsfrage bin ich ganz Deiner Meinung. […] Die Geschichte hat viel Staub aufgewirbelt und es ist mir recht, dass ich auf ein paar Wochen verschwinde.“ – Was er auch tat, die nächsten Briefe schrieb er aus London.
Mai 2011 – Dr. Florian Kiuntke