Erster von Siemens gebauter Oberleitungsbus „Elektromote“, 1882
Fast 130 Jahre ist es her, dass der erste elektrische Oberleitungsbus der Welt erfolgreich seine Jungfernfahrt absolvierte. Auf der etwa 540 Meter langen Versuchsstrecke in Halensee – auf dem heutigen Kurfürstendamm – präsentierte Werner von Siemens eine Erfindung, die ihn schon seit Jahrzehnten beschäftigte. Bereits 1847 hatte der Firmengründer seinem Bruder Wilhelm von der Idee berichtet: „Wenn ich mal Muße und Geld habe, will ich mir eine elektro-magnetische Droschke bauen, die mich gewiss nicht im Dreck sitzen lässt“. Dieser Plan sollte Anfang der 1880er Jahre Wirklichkeit werden.
Zu diesem Zweck baute Werner von Siemens einen offenen Jagdwagen so um, dass dieser weder eine Pferdegespann noch eine Schienenführung benötigte, um sich fortzubewegen. Vielmehr wurde das Gefährt, das unter dem Namen „Elektromote“ Geschichte schreiben sollte, über eine Oberleitung mit elektrischer Energie versorgt. Auf diesem doppelpoligen Kabel bewegte sich ein kleiner, achträdriger Kontaktwagen, der als Stromabnehmer diente. Er musste gesondert beschwert werden, um nicht von dem Oberleitungskabel zu kippen. Zwei biegsame Kupferkabel verbanden den Kontaktwagen mit dem Gefährt. Sie leiteten den Strom an einem Holzmasten, der auf dem Fahrzeug montiert war, entlang hinab zur Droschke. Dort versorgten sie die beiden Hauptstrommotoren. Eingebaut unter dem Fahrersitz trieben diese über Stahlketten die Hinterräder an; ein funktionsfähiges Differentialgetriebe war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht entwickelt.
Dank einer Motorleistung von jeweils drei Pferdestärken erreichte das Gefährt bei einer Betriebsspannung von etwa 550 Volt Gleichstrom eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 12 Km/h. Über eine Lenkvorrichtung an der Vorderachse konnte der Fahrer die Fahrtrichtung bestimmen. Allzu frei konnte er das Fahrzeug jedoch nicht bewegen, da er sich entlang der 50 Stahlmasten bewegen musste, die die Oberleitung trugen. Zur Stromerzeugung hatte der leitende Oberingenieur von Siemens & Halske, Carl Ludwig Frischen, eigens in einem nahe gelegenen Schuppen ein kleines Kraftwerk aufbauen lassen. Es bestand aus einer Dampfmaschine, an die eine Dynamomaschine gekoppelt war.
Dennoch kam die „Elektromote“ nicht über ihr Anfangsstadium hinaus: Zwar erhielt Werner von Siemens im Oktober 1881 die Erlaubnis der Stadt Berlin , eine Versuchsstrecke für das Fahrzeug zu bauen – allerdings mit dem Hinweis, „dass Euer Wohlgeboren indessen dafür gefälligst Sorge tragen müssen, dass durch den Betrieb der Dampfmaschine (zur Stromerzeugung) und des Straßenwagens Unglücksfälle verhütet werden und die erforderlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen“ werden müssen.
Obwohl der „Obus“ im Vergleich zu Schienenfahrzeugen kostengünstiger war, stellte Werner von Siemens die Testfahrten in Halensee bereits Mitte Juni 1882 wieder ein. Grund hierfür waren insbesondere die schlechten Straßen, auf denen sich das Gefährt nur mit vielen Störungen bewegte. Auch gab es damals noch keine Gummireifen für Fahrzeuge. Zusätzlich setzte Mitte der 1880er Jahre eine Elektrifizierungswelle von Pferdebahnen ein; gleichzeitig wurden die elektrischen Straßenbahnen technisch weiterentwickelt. Die Technik des „Obusses“ geriet vorerst in Vergessenheit.
Um 1900 griff der Ingenieur Max Schiemann in Zusammenarbeit mit Siemens & Halske den Bau und die Weiterentwicklung der „Elektromote“ wieder auf. Er konnte die Antriebsmethoden und Stromabnehmer verbessern; auch gelang es, die Bequemlichkeit des Wagens zu steigern. Als Konsequenz entwickelte sich der „Obus“ seit den 1920er Jahren international zu einem geschätzten elektrischen Fortbewegungsmittel.
April 2011 – Ulrich Kreutzer