Verlauf der Indo-Europäischen Telegraphenlinie
Die Menschen des immer stärker industrialisierten 19. Jahrhunderts benötigten nicht nur schnelle Transportmittel für sich und ihre Produkte, sondern auch moderne Übertragungswege für Nachrichten aller Art. Zuverlässige Nachrichtenübermittlung konnte entscheidend für den Zugang zu Kolonien und die Anbindung von Märkten und Handelspartnern sein. Um dies zu gewährleisten, waren große Investitionen in neue Techniken und Infrastrukturmaßnahmen erforderlich, die oftmals nur von wenigen Spezialunternehmen angeboten und ausgeführt wurden. Seit 1845 war in ganz Europa der Aufbau von Telegraphennetzen in vollem Gange. Zahlreiche Unternehmen engagierten sich auf diesem neuen Gebiet. Dauerhaften Erfolg versprach aber nur die Kombination aus konkurrenzfähiger Technik, einer solide Finanzierung und vor allem der Besitz der erforderlichen Konzessionen durch die jeweiligen Regierungen. In Preußen war die junge Firma Siemens & Halske eines der führenden Telegraphieunternehmen.
Etwa seit den 1850er Jahren wurde der Plan, eine Telegraphenlinie von England nach Indien zu bauen, immer wieder diskutiert. In der Folge entstanden auf der Strecke einzelne Teillinien, eine durchgehende zuverlässige Verbindung fehlte aber bis 1870. Auch waren die technischen Voraussetzungen für eine Nachrichtenübertragung auf derart weiten Strecken noch nicht gegeben. Nachdem Werner von Siemens durch seine Weiterentwicklungen der Telegraphieapparate Direktverbindungen auch technisch ermöglicht hatte, entwickelte er ein Betreibermodell, um seine neue Technik nun auch möglichst gewinnbringend vermarkten zu können. Eine indo-europäische Direktverbindung schien dabei am viel versprechendsten.
Eine gewaltige Herausforderung: 11.000 km Strecke mussten überwunden, vier Hoheitsgebiete durchquert sowie der Einsatz von Arbeitskräften und Material für ein Projekt dieser Größenordnung organisiert werden. Hier sollte sich die gute Vernetzung der Siemens-Brüder als Erfolg entscheidend erweisen. Sir William übernahm die Verhandlungen mit England, das als Hauptnutzer der Linie fest eingeplant war. Carl von Siemens fungierte als Repräsentant beim russischen Zaren, der zwar sehr an den Einnahmen einer modernen Telegraphenleitung durch Russland interessiert war, im Gegenzug aber kein eigenes Geld zur Verfügung stellen konnte – und wollte. Die Verhandlungen mit Persien, das auf Grund von Differenzen zwischen der Türkei und Russland als Transitland nach Indien ausgewählt worden war, übernahm Walter Siemens, der die Siemens-Niederlassung in Tiflis leitete. Preußen schließlich war dem Vorhaben einer Firma mit Sitz in Berlin gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen, so dass Werner von Siemens hier eine gute Ausgangsbasis vorfand.
Die Gespräche mit den unterschiedlichen Vertragspartnern sollten sich dennoch über mehrere Jahre hinziehen bis 1867 endlich alle notwendigen Konzessionen vorlagen und die „Indo-European Telegraph Company“ mit Sitz in London gegründet werden konnte. Zweck der Gesellschaft waren die Finanzierung, die Errichtung und der Betrieb der neuen Linie. Neben Siemens & Halske und Siemens Brothers Ltd. waren vor allem die involvierten Staaten maßgeblich an dem Unternehmen beteiligt.
Am 12. April 1870 konnte nach nur zwei Jahren Bauzeit die erste Depeche verschickt werden. Aus diesem Anlass hatte Sir William wichtige Persönlichkeiten in die Londoner Station eingeladen, um in ihrer Anwesenheit die Verbindung nach Teheran – der Zwischenstation auf dem Weg nach Indien – herzustellen, später gelang auch eine Verbindung direkt nach Kalkutta. Auch Werner von Siemens war vor Ort und schrieb noch am gleichen Tag seinem Bruder Carl: „Das war unter Angst und Sorgen ein schöner succes heute! Wie London Teheran rief war Bln [Berlin] London gestört und es ging spottschlecht mit Kertsch. […] Ich rief auf zweiter Leitung Kertsch und Translation in allen Stationen. Da es gut ging rief ich Tiflis, dann Teheran und brachte dann London mit dieser Leitung in Verbindung! […] Macht jetzt nur tüchtig Geschrei […] mit unserer 1 Minute bis Teheran und 28 Minuten bis Calcutta.“
Nach dieser ersten Depeche arbeitete die Indolinie bis 1931, also über 60 Jahre. Nicht technische Mängel brachten letztendlich das Aus, sondern der Aufschwung der drahtlosen Funkverbindungen nach dem Ersten Weltkrieg. Einzelne Teilstücke der Linie blieben jedoch weiterhin in Betrieb, die Quellen in den Beständen von Corporate Archives berichten von eisernen original Telegraphenmasten, die noch 1965 im Iran ihren Dienst taten.
12. April 2011 – Dr. Florian Kiuntke