Röntgenlampe, Deutsches Reichs Patent 91028
Schon immer verstand sich Siemens als Pionier – auch im Bereich der Medizintechnik. So heißt es in einer Werbeschrift aus den 1930er Jahren: „Die Bedeutung eines industriellen Unternehmens wird nicht allein durch seine wirtschaftliche, fabrikatorische und vertriebliche Leistungsfähigkeit sondern im Grunde dadurch bestimmt, was das Werk an Bahnbrechendem für die Sache leistet, der es dient.“ Und weiter: „Die Pionierleistung schafft nicht nur das Fundament für die Fabrikation überhaupt, sondern vermag auch dem Erzeugnis einen Vorsprung zu sichern, der in gleichem Maße dem Käufer und dem Aufschwung des Werkes zugute kommt.“ Oder anders formuliert: Der Erfolg der Siemens Medizintechnik basiert traditionell auf ihrem Erfolg in der Forschung und dem engen Kontakt zu führenden Ärzten und Physikern.
Ein frühes Beispiel dieser erfolgreichen Forschungstätigkeit ist das erste Patent auf eine Röntgenröhre von Siemens & Halske (S&H). Bereits drei Monate nach Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen 1895 in Würzburg wurde S&H am 24. März 1896 unter der Nummer D.[eutsches] R.[eichs] P.[atent] 91028 ein Patent auf „Eine neue Röntgenlampe mit regulierbarem Vakuum“ erteilt. Das Neuartige: Erstmals war es möglich, das Vakuum bzw. den Gasdruck innerhalb einer Röntgenröhre manuell zu regulieren, so dass einerseits der Verschleiß einer Röhre herabgesetzt und andererseits der jeweilige Druck so eingestellt werden konnte, dass sich „die intensivste Bestrahlung und die schärfsten Bilder“ ergaben“. Das Anwendungsgebiet des neuen Patentobjekts wurde ebenfalls klar definiert: „Unsere Röntgenlampen eignen sich wegen der Intensität ihrer Strahlung besonders zur Durchleuchtung des ganzen Körpers erwachsener Personen.“.
Dieser Innovation vorausgegangen war eine intensive Forschungsarbeit in den Berliner Siemens-Laboratorien, deren Mitarbeiter unmittelbar nach Bekanntgabe der Entdeckung im Januar 1896 damit begannen, die Versuche Röntgens nachzuvollziehen. Da Röntgen selbst auf eine Patentierung seiner Entdeckung verzichtete, konnte jedermann mit der neuartigen Strahlung arbeiten bzw. sie wirtschaftlich nutzen. In den Siemens-Laboratorien richtete sich das Interesse schnell auf „die Vervollkommnung des Verfahrens und seine Anpassung an die praktischen Bedürfnisse“. Bedingt durch das große Medieninteresse an den neuen Strahlen berichteten mehrere überregionale Zeitungen im Februar 1896 ausführlich über die Versuche bei Siemens.
Wilhelm Conrad Röntgen selbst hatte übrigens mit der Weiterentwicklung seiner Entdeckung durch Siemens wenig zu tun. Dennoch fühlte sich das Unternehmen dem großen Wissenschaftler stets dankbar verbunden – schließlich legte er den Grundstein für einen bis heute erfolgreichen Geschäftszweig. So leistete S&H anlässlich des 70. Geburtstags Röntgens am 27. März 1915 einen ansehnlichen Beitrag zu einer Büste des mittlerweile weltbekannten Wissenschaftlers. Und auch als Röntgen im Alter an Schwerhörigkeit erkrankte, half Siemens ebenfalls aus: Auf Anregung von Carl Friedrich von Siemens wurde dem 77-jährigen Forscher im Sommer 1922 ein „Schwerhörigen-Apparat“ überlassen, den Röntgen als „überaus freundliches und mir in jeder Beziehung so sehr wertvolles Geschenk“ bezeichnete.
Heute verfügt Siemens in der Radiographie über ein Produktspektrum, „das für jedes Budget das richtige System bietet, von voll digitalen Systemen mit Flachbild-Technologie […] bis hin zu mobilen Röntgensystemen.“
Dr. Florian Kiuntke
Zum Weiterlesen
F. Prellwitz, Zur Geschichte der medizinischen Röntgenröhren, Erlangen 1979