Wilhelm (William) Siemens, um 1847
Werner von Siemens erkannte schon früh die Bedeutung englischer Patente für die geschäftliche Weiterentwicklung seines Unternehmens. Aus diesem Grund beauftragte er seinen jüngeren Bruder Wilhelm, ein von ihm entwickeltes Galvanisierungs-Verfahren in England patentieren zu lassen und gewinnbringend zu vermarkten. Im Anschluss an ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Göttingen reiste Wilhelm im März 1843 erstmals nach London, um die patentrechtlichen und vertrieblichen Möglichkeiten auszuloten. Schon kurze Zeit später, 1844, übersiedelte er endgültig nach England und betätigte sich als „Civil-Ingenieur“.
Gemeinsam mit seinem ebenfalls in London lebenden Bruder Friedrich konzentrierte er sich ab 1848 zunächst auf Entwicklungsarbeiten im Maschinenbau und in der Wärmetechnik. Diese eigenen Interessen traten jedoch zunehmend in den Hintergrund, nachdem Wilhelm im Auftrag seines Bruders Werner am 16. März 1850 die Vertretung von Siemens & Halske in London übernommen hatte.
Die im Aufbau befindliche Vertriebsagentur entwickelte sich dank der Erschließung neuer Geschäftsfelder wie der Verlegung von Seekabeln äußerst erfolgreich. Über Kontakte zu der Firma R. S. Newall & Co., dem unangefochtenen Marktführer auf diesem Gebiet, wurde der Einstieg in dieses Marktsegment gewagt. Werner von Siemens formulierte eine Kabellegungstheorie und schuf damit die entscheidende Voraussetzung für den Durchbruch auf dem englischen Markt. Es gelang, die führende Position der Konkurrenten zu brechen.
Die Londoner Vertretung wurde 1858 in das selbständige Unternehmen „Siemens, Halske & Co.“ umgewandelt, das ab 1865 als „Siemens Brothers“ firmierte. Um sich in dem risikoreichen Kabelverlegungsgeschäft unabhängig zu machen, kam es 1863 zur Errichtung einer eigenen Kabelfabrik in Woolwich. Fabrikationsstätten im Starkstrombereich folgten später.
Der von Siemens Brothers realisierte Bau der Indo-Europäischen Telegraphenlinie (1867–1870) gehört ebenso wie die Verlegung des Transatlantikkabels (1874/75) zu den herausragenden technischen Leistungen. Damit begann sich auch eine im Vergleich zu Berlin zeitweise größere Bedeutung des Londoner Geschäfts abzuzeichnen. Gleichwohl verstand es Werner von Siemens, durch organisatorische Neuordnungen seine Idee eines „Gesamtgeschäfts“ zu verwirklichen und das inzwischen weltweit operierende Unternehmen auf Familienbasis weiterzubetreiben.
England blieb übrigens die zweite Heimat für Willhelm Siemens: In Lebensstil und Weltanschauung wurde er ein Brite, ohne je seine deutsche Abstammung zu verleugnen. 1859 heiratete er eine Schottin, Anne Gordon, und im gleichen Jahr nannte er sich der Landessitte entsprechend William; eine Namensform, unter der er fortan zeichnete, unter der er im Familienstammbaum geführt wurde und zu der nach Nobilitierung durch Queen Victoria kurz vor seinem Tod 1883 das Adelsprädikat „Sir“ hinzutrat.
Heute erinnert nichts mehr an die Viktorianische Zeit. Die Märkte und die Rahmenbedingungen, unter denen Unternehmen wie Siemens agieren können, haben sich vollständig gewandelt. Geblieben ist, dass Siemens heute wie damals mit innovativen Ideen und neuen Technologien Infrastrukturlösungen anbieten kann, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts genügen.
Dr. Frank Wittendorfer
Zum Weiterlesen
Sigfrid von Weiher, Die englischen Siemens-Werke und das Siemens-Überseegeschäft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Berlin 1990