Schlossplatz in St. Petersburg mit Alexandersäule und Winterpalais (rechts im Bild), undatiert
Nachdem Siemens & Halske bereits 1883 eine Lizenz auf die Edisonschen Glühlampenpatente erworben hatte, gewann das elektrische Beleuchtungswesen für die Siemensunternehmen kontinuierlich an Bedeutung. In seiner Wahlheimat Russland war Werners Bruder Carl von Siemens bemüht, gegen die große Konkurrenz der etablierten Gasbeleuchtung das Geschäft mit elektrischer Beleuchtung anzukurbeln. Zu diesem Zweck finanzierte Carl von Siemens auf eigene Rechnung die öffentliche Beleuchtung an zahlreichen Plätzen in St. Petersburg.
Bereits bestehende Kontakte zum Zarenhof brachten Anfang 1885 einen Auftrag über die temporäre Ausleuchtung eines festlichen Diners im Winterpalais. Carl berichtete an seinen Bruder Werner: „Alle sind entzückt gewesen. Der Saal war nämlich in einen Wintergarten verwandelt und diente zum Souper. Jeder große Palmenbaum war mit einem Tische umgeben, so dass es abgesehen von den Palmen beinahe wie ein Berliner Sommer Vergnügungslocal aussah.“ Den ganzen Winter hindurch folgten weitere Aufträge, auch für andere Zarenpaläste. Carl von Siemens war zufrieden: „Nächsten Winter soll das ganze Palais definitiv electrisch beleuchtet werden. Das wird vieles nach sich ziehen.“ Und tatsächlich – Anfang Oktober erteilte der Zarenhof den erhofften Auftrag. Carl schrieb: „Der Kaiser [Zar] hat […] für die Beleuchtung des Winterpalais die Summe von 500.000 Rubel angewiesen […] und er wird selbst immer bestimmen, welche Theile des Gebäudes zunächst zur Beleuchtung kommen sollen.“ Für den ersten Gebäudeteil benötigte Carl 1.000 Lampen von bester Qualität: „[…] Für uns ist es jetzt natürlich von größter Wichtigkeit, dass der Kaiser […] seine Beleuchtung hat und damit zufrieden ist.“
Die Brüder Siemens waren sich sehr bewusst, wie werbewirksam ein derartiger Auftrag sein konnte. Besonders Carl machte immer wieder darauf aufmerksam: „Das Geschäft ist uns ganz sicher, wir müssen aber alles aufbieten, um den Kaiser zufrieden zu stellen. Sorge auch Du [sein Bruder Werner] dafür, dass alles was wir dort für diese Anlage bestellen, ganz besonders gepflegt wird. Es muss eben was Extras geleistet werden […]. Es ist eine neue Phase der Entwicklung des hiesigen Geschäfts und dieses Geschäft wird sehr viele nach sich ziehen.“ Worauf Werner antwortete: „Das war ja recht freundlich vom Kaiser, dass er sein Palais von uns beleuchten lassen will! Mache Deine Sache nur gut.“
Wie bei derartigen „high priority“-Projekten auch heute oft der Fall, traten schnell Schwierigkeiten zwischen dem Berliner Werk als Zulieferer und dem Vertrieb in St. Petersburg auf. Der Zar wollte noch im November erste Ergebnisse sehen, entsprechend mussten die erforderlichen Dynamos innerhalb von vier Wochen geliefert werden. Diese Information ging zunächst unter, so dass an Carl eine Lieferzeit von neun Wochen gemeldet wurde, was diesem einen Schrecken einjagen musste: „Man nimmt gar keine Rücksicht auf die Bemerkung im Bestellzettel, dass die Maschine in 4 Wochen fertig sein muss. Das ist doch etwas gar kühl! Mit 9 Wochen gerathen wir in eine scheussliche Verlegenheit“ schrieb er erbost an seinen Bruder Werner. Der konnte mit Hilfe seines Sohnes Wilhelm die Wogen glätten, die Lieferzeit wurde auf vier Wochen korrigiert. Erschwerend kam hinzu, dass gleichzeitig ein Konkurrent ein großes Theater in St. Petersburg mit einer elektrischen Beleuchtung ausstattete. Allerdings hatte dieser große Probleme mit seinen Lampen, so dass sich die Fertigstellung immer weiter hinauszögerte. Carl freute sich: „Im Winterpalais ist bald alles fertig. Dagegen scheint Schmirnoff mit dem Marien Theater noch lange nicht fertig zu sein. Werden wir früher mit dem Winterpalais fertig, dann ist das ein großer Triumph für uns.“
Zum Jahreswechsel 1885/1886 waren die Vorbereitungen im Winterpalais abgeschlossen. Der Hof des Zaren beabsichtigte, die Beleuchtung erstmals anlässlich eines Balles vorzuführen. Der erste Probelauf Mitte Januar war ein großer Erfolg, alle zeigten sich sehr zufrieden. Der Zar selbst konnte die neue elektrische Beleuchtung erstmals Anfang Februar in Augenschein nehmen. Auch hier ging alles glatt, der Zar war sehr zufrieden und Carl berichtete erleichtert nach Berlin, dass „die Sache […]Furore gemacht“ habe.
In der Folge nahmen Aufträge über die elektrische Beleuchtung von öffentlichen Plätzen und Straßen, aber auch von privaten Auftraggebern immer mehr zu, so dass Carl von Siemens im Laufe des Jahres mit der „Gesellschaft für elektrische Beleuchtung“ ein eigens für diesen Geschäftszweig bestimmtes Unternehmen gründete. Die Gesellschaft konnte ihr Nominalkapital bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs verzehnfachen, wurde aber 1915 als deutsches Unternehmen konfisziert.
14. Januar 2011 – Dr. Florian Kiuntke