Logo der Siemens-Reiniger-Werke, 1932
Im Vergleich zu den beiden Stammgesellschaften Siemens & Halske AG und Siemens-Schuckertwerke AG stand das Medizingeschäft von Siemens traditionell immer etwas abseits. Zwar hatte bereits Werner von Siemens auf den unterschiedlichsten Anwendungsgebieten experimentiert, doch neben Großprojekten wie der Verlegung des ersten direkten Transatlantikkabels oder dem Bau von Kraftwerken führte die Medizintechnik eher ein Schattendasein.
Betrachtet man aber das Geschäft mit der Gesundheit für sich genommen, so zeigen sich auch hier die Siemens-Stärken. Bereits kurz nach Entdeckung der Röntgenstrahlen 1896 brachte der Konzern eigene Röntgenröhren auf den Markt und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem Schwergewicht der Branche. Vor diesem Hintergrund sah sich die Unternehmensleitung 1925 in der Situation, die Notlage eines der größten Wettbewerber, der Reiniger, Gebbert & Schall AG (RGS), zu nutzen und diese Firma zu erwerben. Übernahme und Integration verliefen erfolgreich: Innerhalb kurzer Zeit wurde eine gemeinsame Vertriebsgesellschaft gegründet und erste Produktionen wie die der Röntgenröhren im thüringischen Rudolstadt zusammengelegt. Als Konsequenz konnte die Medizintechniksparte Jahr für Jahr steigende Gewinne vermelden.
Das änderte sich schlagartig mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Im Zuge des rasanten wirtschaftlichen Niedergangs brachen die Steuereinnahmen des Staates ein, der mit seinen Ausgaben zur Gesundheitsvorsorge einer der Hauptkunden der Medizintechnik war. Dies hatte immer größere Verluste zur Folge, wie der Geschäftsbericht des Sommers 1932 deutlich zum Ausdruck bringt: „Die verminderte Kaufkraft unserer privaten Abnehmer und die Kürzung der Ausgaben für medizinische Zwecke bei den Krankenhäusern, kommunalen und staatlichen Behörden im In- und Auslande führten zu einem Rückgang unseres Bestellungseingangs und Umsatzes.“ Die Verantwortlichen mussten reagieren.
Der Chef der gemeinsamen Vertriebsgesellschaft Dr. Theodor Sehmer hatte bereits 1930 laut über eine Fusion der einzelnen Teilgesellschaften nachgedacht, 1932 wurden dazu konkrete Maßnahmen beschlossen: Zum einen die Verlagerung und damit Zusammenführung der kompletten medizintechnischen Fabrikation von Berlin-Siemensstadt nach Erlangen und zum anderen die engere Zusammenfassung der Organisation. Die endgültige Entscheidung traf mit Carl Friedrich von Siemens die oberste Konzernspitze: „Die Betriebe müssen durch Konzentration und organisatorische Vereinfachungen […] sich so einrichten, dass sie bei 50–60% des Höchstumsatzes wieder eine angemessene Verzinsung des Kapitals ergeben. […] Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Zusammenfassung der Verantwortung für die Leitung des Gesamt-Unternehmens in einem Vorstand gegenüber dem bisherigen […] Zustand, der darunter litt, dass die Verantwortung zwischen einer Vertriebsgesellschaft und 3 Werken aufgeteilt war.“ Damit waren die Würfel gefallen, die erforderlichen Maßnahmen und Vorarbeiten wurden getroffen; bereits Ende 1932 brachten die verantwortlichen Gremien die Fusion auf den Weg.
Ein neuer Name für die Gesellschaft war schnell gefunden. Bereits im Juli schreibt der damalige technische Vorstand von RGS Max Anderlohr: „Bisher ist über den künftigen Namen der vereinigten Med-Gesellschaften zwar noch nichts Endgültiges vereinbart worden […], ich glaube aber, dass Herr Dr. von Buol [der damalige Vorstandschef von S&H] mit dem Namen Siemens-Reiniger-Werke (SRW), der bei den Erörterungen der letzten Zeit wiederholt Verwendung fand, einverstanden sein wird. Sowohl Herr Dr. Sehmer als ich selbst schlagen diesen Firmen-Namen vor.“
Die abschließende und entscheidende außerordentliche Hauptversammlung von RGS fand am 19. Dezember 1932 statt. Die Anteilseigner genehmigten die Beschlüsse, die Vermögenswerte der einzelnen Teilgesellschaften auf die RGS zu übertragen und diese in SRW umzunennen. Nach dem Jahreswechsel wurde die neue Bezeichnung den Behörden angezeigt und am 25. Januar 1933 in das Handelsregister eingetragen. Bereits einen Tag später, ab acht Uhr morgens, mussten „alle ausgehenden Schriftstücke, die noch den Namen RGS tragen, mit dem neuen Firmenstempel versehen werden.“ Die Siemens-Reiniger-Werke AG nahm offiziell die Arbeit auf.
19. Dezember 2010 – Dr. Florian Kiuntke
Zum Weiterlesen
Florian Kiuntke, Mit Röntgen auf Kurs – Das Röntgenröhrenwerk der Siemens AG in Rudolstadt 1919 – 1939.