Unterrichtssituation, um 1920
Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Berlin zur „Elektropolis“ entwickelt. 1902 beschäftigte Siemens hier über 11.000 Mitarbeiter. Mit der Expansion des Unternehmens stieg auch der Bedarf an qualifizierten Facharbeitern, weshalb die Verantwortlichen des Hauses ihre Vorbehalte gegenüber der innerbetrieblichen Lehrlingsausbildung ablegten. Ein weiterer Grund waren die wachsenden Defizite der klassischen Ausbildung im Handwerk gegenüber den Anforderungen der beruflichen Praxis im modernen Industriebetrieb.
Ab Anfang der 1890er Jahre investierte Siemens & Halske in die Ausbildung des eigenen Facharbeiternachwuchses. 1891 richtete man in den Berliner Werken versuchsweise Lehrwerkstätten ein, in denen bis zu zehn Lehrlinge außerhalb des eigentlichen Produktionsprozesses ausgebildet wurden. Dieser praxisorientierte Unterricht wurde einige Jahre später durch eine betriebseigene fachtheoretische Ausbildung ergänzt: Am 1. November 1906 nahm die Werkschule von Siemens & Halske mit 77 Schülern ihren Unterricht auf. Die firmeneigene Schule, die bis heute existiert, ist eine der ältesten Berufsschulen Deutschlands. Knapp zwei Jahre später wurde auch die praktische Ausbildung zum Feinmechaniker in einer zentralen Lehrlingswerkstatt zusammengefasst.
Da die Schule von den preußischen Behörden als vollwertiger Ersatz für den Besuch einer öffentlichen Berufsschule anerkannt wurde, waren sämtliche Lehrlinge von Siemens & Halske verpflichtet, während ihrer vierjährigen Ausbildung die Siemens-Werkschule zu besuchen. Entsprechend erhöhte sich die Schülerzahl bis 1920 auf 400. Auf dem Stundenplan standen Fächer wie Deutsch, Rechnen, Bürgerkunde, Mathematik, Zeichen und Technologie.
Mit dem Ziel, den Unterricht möglichst praxisnah zu gestalten, rekrutierten sich die Lehrer der Werkschule bis in die 1920er Jahre aus dem Kreis der Siemens-Ingenieure, Konstrukteure und kaufmännischen Angestellten, die nebenberuflich unterrichteten. Erst allmählich setzte eine Professionalisierung des Lehrkörpers ein, indem man einige nebenberufliche Lehrer beurlaubte, damit sie am Berliner Gewerbelehrer-Seminar eine pädagogische Zusatzqualifikation erwerben konnten. Um 1930 beschäftigte man acht hauptberufliche Lehrer.
Im Sommer 1932 wurden die Werkschulen der Siemens & Halske AG und der Siemens-Schuckertwerke AG zusammengelegt; letztere existierte seit 1914. Mit dem organisatorischen Zusammenschluss erhöhte sich die Schülerzahl auf über 1.000. Der Unterricht umfasste jetzt acht Wochenstunden – zusätzlich wurde eine Sportstunde erteilt. Diese Situation blieb bis auf weiteres bestehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gestand der Berliner Senat Siemens & Halske erst im Frühjahr 1952 zu, erneut eine eigene Berufsschule zu betreiben. Diese wurde am 15. April mit 300 Schülern und vier hauptamtlichen Lehrern unter dem neuen Namen „Werner-von-Siemens-Werkberufschule“ (WBS) eröffnet. 1967 wurde aus der sogenannten Ersatzschule eine staatlich anerkannte Privatschule des Landes Berlin, die heute zu zwei Dritteln vom Land refinanziert wird.
Im Herbst 2010 absolvieren knapp 930 Schülerinnen und Schüler eine Ausbildung in elektronischen-, mechanischen, mechatronischen und kaufmännischen Berufen. Um die Nachwuchskräfte adäquat auf die Anforderungen der heutigen, komplexen Arbeitswelt vorzubereiten, verfolgt die Schule seit Jahren einen integrierten ganzheitlichen Ansatz – fachtheoretischer Unterricht und betriebliche Praxis sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Am Beispiel realer, prozessintegrierter Projekte werden nicht nur fachliche und methodische Qualifikation erworben, sondern auch persönliche und soziale Kompetenzen (weiter-)entwickelt.
Sabine Dittler