Briefkopf der Telegraphen-Bauanstalt, um 1853
Im Dezember 1846 schrieb Werner von Siemens an seinen Bruder William: „Ich bin […] jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden“. Grundstein dieser Laufbahn war die Idee, aus Zigarrenkisten, Weißblech, einigen Eisenstückchen und etwas isoliertem Kupferdraht einen Zeigertelegraphen zu konstruieren. Das Gerät war den bis dato gebräuchlichen Apparaten weit überlegen, weil es nicht mehr ähnlich einem Uhrwerk arbeitete, sondern einen selbsttätig gesteuerten Synchronlauf zwischen Sender und Empfänger hatte – eine völlig neue Lösung der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mit dem Bau des Telegraphen beauftragte der dreißigjährige Erfinder den Universitätsmechaniker Johann Georg Halske, den er aus der „Physikalischen Gesellschaft“, einer Vereinigung ambitionierter junger Wissenschaftler, kannte. Halske fertigte im Auftrag vieler renommierter Naturwissenschaftler der damaligen Zeit Versuchsanordnungen sowie Prototypen feinmechanischer, physikalischer, optischer und chemischer Erfindungen.
Werner von Siemens gelang es, den anfangs eher skeptischen Handwerker vom Potenzial seiner technischen Projekte zu überzeugen: Nach sorgfältiger Kalkulation des zu erwartenden Auftragsvolumens war Halske von den visionären Ideen des jungen Offiziers so begeistert, dass er im Herbst 1847 seinen bisherigen Betrieb aufgab und das Risiko einer gemeinsamen Firmengründung einging. Da die einzelnen Telegraphen in Handarbeit produziert wurden, erübrigte sich die Anschaffung größerer Maschinen – entsprechend gering war der Kapitalbedarf der Unternehmensgründer, die beide wenig Geld besaßen. Stattdessen brachte Halske seine praktische Erfahrung in der handwerklichen Leitung und Werkstattorganisation ein, Siemens seine Patente. Das Startkapital in Höhe von 6.842 Talern – etwas über 20.000 Mark – stammte von Werners Vetter, dem Justizrat Johann Georg Siemens; dem Vater des späteren Mitbegründers der Deutschen Bank.
Am 1. Oktober 1847, dem offiziellen Gründungstag, unterzeichneten Werner von Siemens, Johann Georg Halske und Johann Georg Siemens einen Gesellschaftsvertrag. Knapp zwei Wochen nach Vertragsunterzeichnung nahm die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ am 12. Oktober 1847 in einem Berliner Hinterhaus den Betrieb auf. Seit 1872 wird dieser Tag als Gründungstag gefeiert. Einer Anekdote zufolge soll die Geburt des dritten und jüngsten Sohnes des Firmengründers, Carl Friedrich von Siemens, a. 5. September 1872 seine Mutter so geschwächt haben, dass sie sich außerstande sah, an den Feierlichkeiten zum 25jährigen Firmenjubiläum teilzunehmen. Mit Rücksicht auf ihren Gesundheitszustand wurden die Feierlichkeiten kurzerhand verlegt. Seitdem wird der Firmengründung traditionell am 12. und nicht am 1. Oktober gedacht.
Innerhalb weniger Jahre expandierte der Zehn-Mann-Betrieb zu einem international operierenden Elektrounternehmen. Gemäß Werner von Siemens Vision vom „Weltgeschäft à la Fugger“ unterhielt Siemens & Halske zunehmend Niederlassungen im europäischen Ausland. Die erfolgreiche Durchführung technisch anspruchsvoller und unternehmerisch äußerst risikoreicher Großprojekte wie der Bau der Indo-Europäischen Telegraphenlinie oder die Verlegung des ersten direkten Transatlantik-Telegraphenkabels brachte der Telegraphen-Bauanstalt international Anerkennung. Als Werner von Siemens 1892 starb, setzte seine Firma fast 20 Millionen Mark um; weltweit beschäftigte das Haus Siemens 6.500 Personen, davon 1.725 im Ausland.
Das persönliche Ziel des Unternehmensgründers war „eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden“ und – wie er später bemerkte – „als Mann der Wissenschaft wie als Techniker persönliches Ansehen in der Welt zu erringen“. Noch heute gilt Werner von Siemens als einer der wichtigsten Vordenker der Elektrotechnik, noch heute prägt sein Pioniergeist Vision und Selbstverständnis von Siemens.
Sabine Dittler
Zum Weiterlesen
Werner von Siemens, Lebenserinnerungen, hrsg. v. Wilfried Feldenkirchen. München/Zürich 2008